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Warum das Altkleidergeschäft läuft, wie es läuft

Interessante Einblicke ins Sortierwerk der Texaid in Schattdorf: Bei einer umfangreichen Betriebsbesichtigung mit anschliessender Diskussionerklärten die Verantwortlichen des Textilverwertungsunternehmens, warum es heute ohne das Altkleidergeschäft nicht mehr geht.TONI WIDMER

Interessante Einblicke ins Sortierwerk der Texaid in Schattdorf: Bei einer umfangreichen Betriebsbesichtigung mit anschliessender Diskussionerklärten die Verantwortlichen des Textilverwertungsunternehmens, warum es heute ohne das Altkleidergeschäft nicht mehr geht.TONI WIDMER

Viele Kleider aus den Altkleider-Spenden landen auf dem globalen Markt als Handelsgüter und nicht bei den bedürftigen Menschen. Nun zeigt Texaid-Geschäftsführer Martin Böschen auf, welche Wege gebrauchte Textilien nehmen.

Im Nachgang zu einem kritischen Film, der in Waltenschwil gezeigt wurde, befasste sich die az Redaktion am 21. März mit der Thematik der Altkleider-Verwertung in der Schweiz.

Unter dem Titel «Wenn aus guter Absicht ein grosses Geschäft wird» zeigte der Artikel auf, dass die meisten der in Europa gespendeten Kleidungsstücke – nicht wie von Spendern irrtümlich noch immer angenommen – direkt bedürftigen Menschen zukommen. Vielmehr landen diese Kleider als Handelsgüter auf dem globalen Markt.

Der kritische Artikel blieb nicht ohne Reaktionen. Insbesondere der grösste Schweizer Altkleider-Verwerter Texaid fühlte sich durch die Berichterstattung angegriffen und lud zur Betriebsführung im Hauptsitz in Schattdorf UR.

In der Diskussion zeigten Geschäftsführer Martin Böschen auf, dass die Altkleiderverwertung in der Schweiz deutlich besser ist, als ihr Ruf. Und, dass aufgrund der hohen Mengen Direktspenden von Altkleidern an Bedürftige im grossen Stil illusorisch sind.

Direkthilfe nicht im Vordergrund

«Am sinnvollsten wäre es», erklärt Böschen, «wenn Leute ihre Kleider so lange tragen würden, wie es deren Nutzungsdauer zulässt.» Das ist allerdings reine Utopie. Die modischen Bedürfnisse und das Konsumverhalten der Menschen sind nicht mehr die gleichen, wie früher.

Laut dem Texaid-Geschäftsführer mustert heute jeder Schweizer durchschnittlich rund 20 Kleidungsstücke im Jahr aus – Textilien, die grundsätzlich noch tragbar wären. Auf diese Weise fallen 160 Millionen Kleidungsstücke an.

Müssten diese kostenlos an bedürftige Personen verteilt werden, entstünden gemäss Berechnung von Texaid Kosten von 100 bis 150 Millionen Franken. «Solche Beträge würde das Budget der Hilfswerke mit Sicherheit sprengen», erläutert Böschen.

Allgemein stünde im Altkleider-Bereich der direkte Hilfsgedanke schon länger nicht mehr im Vordergrund.

«Direktprojekte von Hilfswerken beinhalten heute beispielsweise den Bau von Brunnen oder die Vermittlung von Wissen für die Landwirtschaft», ist sich Böschen sicher.

«Im Bereich der Altkleider ist aufgrund der grossen Mengen ein rein karitativer Gedanke leider nicht umsetzbar.»

Zur Kritik, Importeure und Zwischenhändler würden in Afrika Altkleider zu vergleichsweise hohen Preisen an finanziell schwache Personen und Familien weiterverkaufen, erklärt Martin Böschen: «Im Altkleider-Geschäft spielt der Markt wie überall sonst.»

Würden Importfirmen und andere Mittelsleute mit dem Ein- und Verkauf von Altkleidern kein Geld mehr verdienen, würden sie rasch auf andere Bereiche ausweichen.

Texaid ist durchaus bewusst, dass in Afrika beim Handel mit Altkleidern oft auch Korruption eine Rolle spielt. «Das Geschäft ist weder schwarz noch weiss», erklärt Böschen und fügt an:

«Korruption wirken wir entgegen, indem die Ware möglichst lange in unseren Händen bleibt.» Dazu hat Texaid Verarbeitungsbetriebe in Bulgarien, Ungarn und Deutschland eröffnet.

Altkleider sind kostbare Rohstoffe

Auch den Vorwurf, das Altkleider-Geschäft sei für den Untergang der afrikanischen Textilbranche verantwortlich, vermag Martin Böschen zu kontern:

«Es ist im Gegenteil so, dass sich die Leute Ware aus einheimischer Produktion wegen der hohen Rohstoffkosten nicht mehr leisten können. Das macht den Produktionsbetrieben zu schaffen. Dazu kommen die ungenügende Infrastruktur und das fehlende Management.»

Schliesslich betont Böschen noch einmal, was der Wegfall des Altkleider-Geschäfts bedeuten würde:

«Die Leute müssten für die Entsorgung ihrer Altkleider bezahlen und allenfalls würden ein Teil sogar in die Verbrennung gebracht. Ich bin davon überzeugt, dass Texaid und andere Altkleiderverwerter wesentlich dazu beitragen, dass ausgediente Kleider – und damit auch kostbare Rohstoffe – solange wie möglich im Kreislauf bleiben.»

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