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Wer braucht schon Schwerkraft? – Trial-Bike-Fahrer zeigen ihre Tricks

Der Boswiler Mathias Hilfiker, 15, und sein Trainer, der Zufiker Adi Weber, 26, verblüffen das Publikum an ihren Bike-Trial-Shows.

«Was tut der denn da?» Diese Frage stellen sich viele, die Mathias Hilfiker oder Adi Weber zufällig im Dorf sehen. Ohne Motor und Sattel, dafür mit Helm und ganz wenig Luft in den Pneus hüpfen die beiden über Mäuerchen und Bänke, Treppen hinauf und hinunter oder stehen auf dem Vorder- oder Hinterreifen auf Stromverteilerkästen. Klingt absurd? Für die zwei jungen Freiämter ist das Alltag. Ihre Sportart ist Fahrrad-Trial (auch Velo- oder Bike-Trial genannt).

In der wenig bekannten Sportart geht es um Balancegefühl, Körperbeherrschung, Konzentration, Kraft, Ausdauer und ja, natürlich auch um Mut. «Es gilt, das Fahrrad in jeder Situation perfekt zu beherrschen. Dabei fahren Trialisten nicht nur, vielmehr hüpfen und springen sie scheinbar spielerisch über alle nur erdenklichen Hindernisse, oft auch in schwindelerregender Höhe», heisst es auf der Website des Velo-Trial-Clubs Zürich, Webers Stammverein. Ihr Trainingsgelände ist ganz einfach alles, was sie sehen. Das macht ihren Sport so faszinierend.

Mathias Hilfiker ist 15 Jahre alt, im Sommer wird er mit der Lehre beim Boswiler Werkhof beginnen, wo er schon seit Jahren in den Ferien mitanpackt. Seine Faszination für zweirädrige Fahrzeuge hat er wohl von seinem Vater geerbt. Ueli Hilfiker, Chef des Motocross in Hilfikon, fuhr jahrelang im internationalen Feld für die Schweiz Motocross. Heute fährt Ueli Motorrad-Trial, wenn er nicht gerade verletzt ist. Dort lernte er Werner Weber kennen, Adis Vater, ebenfalls ein Motorrad-Trialist. «2013 brachte Werner Adis Trial-Velo mit, damit ich es ausprobieren konnte», erinnert sich Mathias. Seither sind er und sein Trial-Velo – natürlich bekam er schon bald sein eigenes – nicht mehr zu trennen.

Bei Adi Weber fing die Faszination fürs Velo-Trial noch viel früher an. «Als ich etwa 5 Jahre alt war, brachten mir Freunde meines Vaters, die mit ihm Motorrad-Trial fuhren, ein Trial-Velo mit und sagten, ich soll das mal probieren», erinnert sich der 26-jährige Stapler-Mechaniker. Schon bald war er so fasziniert von seinem neuen Gefährt, dass sein Vater mit ihm dem Velo-Trial-Club Zürich beitrat, wo Adi mittlerweile den Nachwuchs trainiert. «Die sind zwischen 10 und 31 Jahre alt», erzählt er lachend.

Ein Schulvortrag brachte das Team zusammen

Dass die beiden Freiämter zum Team wurden, ist der Schule Boswil zu verdanken. «Im Februar 2018 musste ich einen Vortrag über ein frei wählbares Thema halten», erinnert sich Mathias Hilfiker. «Ich wählte Trial, um meiner Klasse zu zeigen, was das ist. Ich beherrschte noch kaum Tricks, also fragte ich Werner Weber. Der meinte, sein Sohn wäre ideal, um das zu zeigen.» Hilfiker erhielt einen 6er für den Vortrag und fand gleichzeitig seinen neuen Trainer.

Mittlerweile trainieren die beiden Freiämter Trialisten aber nicht mehr nur, sondern verdienen auch Geld mit ihren Fähigkeiten. «Früher bin ich Wettkämpfe gefahren, aber mit 26 Jahren ist man schon fast zu alt dafür», sagt Weber. Mit einem Grinsen fährt er fort: «Ich mache das eigentlich nur für mich, weil es mir Freude macht. Publikum brauche ich im Grunde gar nicht.» Und doch fahren die zwei immer wieder gemeinsam Shows. Eine der grössten war jene am Zürifäscht, wo sie drei Tage lang ihr Können vor Hunderten von Schaulustigen zeigen konnten. Hilfiker, der dem Trial Team Hilfikon angehört, ist begeistert. «Aber ich muss noch einiges lernen», sagt er.

Wie heissen die Tricks, die sie machen? Sicher haben sie ähnlich kryptische Namen wie jene beim Snow- oder Skateboarden. Weber schüttelt den Kopf: «Eigentlich nicht.» Hilfikers Spezialität ist es, von höheren Objekten herunter auf eine leere Aludose zu springen und sie mit seinem Hinterreifen platt zu drücken. Weber dagegen mag es, wenn jemand aus dem Publikum sich auf den Boden legt und die Trialisten knapp neben der Person hin und her hüpfen. «Das kommt immer recht gut an und macht Spass», sagt er.

Weber war lange bei einer Showgruppe und durfte schon mit Profis wie Danny MacAskill fahren, dem vor allem aus Videos bekannten Schotten, der eine Zeit lang in Baden wohnte. «Abgesehen vom Zürifäscht machen wir heute aber vor allem kleinere Shows wie an Dorffesten, Geburtstagen oder an der Fasnacht. Mir ist wichtig, dass ich den Sport präsentieren kann, ums Geld geht es mir nicht.»

Die meisten Leute freuen sich – aber nicht alle

«Grundsätzlich sind die Leute schon von einfachen Tricks begeistert», erzählt Hilfiker. «Vor allem ältere Leute bleiben oft mit ihren Rollatoren stehen, wenn sie uns irgendwo im Dorf sehen, und klatschen Beifall. Das freut mich immer sehr.» Tatsächlich ist das eines seiner Ziele, die er mit seinen Tricks erreichen will: «Ich möchte den Leuten eine Freude machen. Ausserdem will ich zeigen, dass nicht alle Jungen nur vor dem Computer sitzen», ergänzt er grinsend. Mit einem Freund hat er begonnen, sein Können in möglichst witzige Videos zu verpacken und online zu stellen.

Adi Weber sagt: «Es freuen sich natürlich nicht immer alle Leute. Meistens sind es Kinder und alte Leute, die Spass haben und uns gerne zuschauen. Wer sich über uns aufregt oder uns gar beschimpft und findet, wir seien ein schlechtes Beispiel für die Jugend, sind meistens Leute zwischen 30 und 40 Jahren. Woran das liegt, weiss ich nicht.» Ihm ist wichtig: «Wir wollen mit unserem Sport keinen Ärger machen und machen auch nichts kaputt.» Hilfiker lacht: «Ausser das Auto, das wir bei mir zu Hause in Boswil zum Trainieren brauchen dürfen.»

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