Ist es der Schlauheit (oder dem Glück) der Bünzer zu verdanken, dass das Dorf überhaupt noch steht? Vor 220 Jahren war die Schweiz ein Kriegsschauplatz. Unter dem Begriff «Schlacht von Zürich» sind zwei Schlachten des Zweiten Koalitionskrieges bekannt (4. bis 7. Juni und 25. bis 26 September 1799). Der französische Befehlshaber in der Schweiz, André Masséna, schlug dabei die Russen – dank den schlauen Bünzern im Limmattal und – «barmherziger Himmel» – nicht im Freiamt. Oder zeugt die Geschichte von Autor Dr. Jakob Frei, die in einem 1867 veröffentlichen Buch unter dem Titel «Musterstücke aus den Dichtungen der besten schweizerischen Schriftsteller» aufgenommen ist, eher von damaligen Schildbürgertum in dieser Gemeinde?

Der französische Obergeneral Masséna, der im Städtchen Bremgarten sein Hauptquartier hatte, liess Pontons in Bünzen abladen und in die Bünz legen. Das beunruhigte die Bünzer, denn «so lange die Bünz das Thal herabfloss, hatte ihr Wasser noch nie ein Schifflein gesehen». Der arme Bünzer Nachtwächter, der Holländer-Steffen, der so hiess, weil er mehr als 20 Jahre in holländischen Diensten verlebt hatte, glaubte zu wissen, was Sache ist: «Die Franzosen wollen eine Schiffbrücke über die Bünz schlagen, weil sie daherum eine Schlacht zu liefern gedenken». Das raubte den Bünzern den Schlaf.

Zum Glück hatten sie einen klugen Gemeindevorsteher. «War dieser der reichste Mann im Dorfe, so war er auch der Gescheiteste, wie sich das von selber versteht, und hiess nicht umsonst Peterli Wohlrath». Er fand eine Lösung, das drohende Unheil abzuwenden: «Wir schicken eine Deputanz an den Obergeneral und ersuchen ihn, seine Schlacht an einem anderen Orte zu schlagen». Die Bünzer freuten sich über so viel Weisheit.

Die Erzählung im Band «Die poetische Nationalliteratur» von 1867 ist auch sprachlich ein Genuss.

Die Erzählung im Band «Die poetische Nationalliteratur» von 1867 ist auch sprachlich ein Genuss.

Der Junge war der Türöffner

Wohlrath und der Schulmeister machten sich auf nach Bremgarten. Der Ammann trug «zwei respektable Schinken, die bisher vor den Luchsaugen der Requisition gerettet worden waren, über die Schulter, während der Schulmeister ein Quantum der auserlesensten gedörrten Birnenschnitze nachbündelte». Ungefragt der Delegation angehängt hatte sich der 14-jährige Sprössling des Holländer-Steffen, der unbedingt den Obergeneral einmal sehen wollte. In Bremgarten angekommen, war es denn auch er, der mit seiner jugendlichen Freude den Zugang zu Masséna ermöglichte. Der Obergeneral wunderte sich sehr, dass die Bünzer Männer von der Schiffsbrücke wussten. Diese führten aus, dass der Vater des Jungen, der arme Dorfnachtwächter und frühere Soldat, das gesagt hat. Masséna erfuhr bei dieser Gelegenheit zudem, dass der Junge nicht etwa Soldat, sondern Arzt werden wollte.

«Es gäbe vielleicht ein einziges Hülfsmittel», erklärte der Befehlshaber, die Katastrophe von Bünzen abzuwenden: «Eure Gemeinde bezahlt mir 3000 Kronen an die Kosten, die ich bereits zur Herschaffung der Schiffe nach Bünzen gehabt. Dann will ich sehen, wie ichs vor der Regierung verantworte und ein anderes Schlachtfeld aufsuche.»

Kanonendonner im Limmattal

Die Bünzer, beziehungsweise der reichste von ihnen, der Ammann, lieferten die 3000 Kronen. Prompt zeigte sich auch Masséna: Er liess die Schiffe wieder aus der Bünz heben und abtransportieren. Noch in der Nacht vernahmen die Bünzer Kanonendonner und Wolfrath sagte: «Was der Masséna für ein Mann ist. Handkehrum verlegt er die Schlacht von der Bünz mehr als vier Stunden weit über den Berg weg an die Limmat hinüber. Aber wer ist schuld daran?» Nach der Schlacht glaubten aber immer mehr Bünzer den schon früher gemachten Aussagen des Kaplans, dass Masséna nie und nimmer eine Schlacht in Bünzen habe führen wollen, sondern die Schiffe nur deshalb in die Bünz gelegt hatte, damit sie nach der langen Landreise wieder wasserdicht und für den Gebrauch tauglich wurden.

«Diese Ansicht gewann sogar die Oberhand, als man vernahm, dass schon mehrere Tage vor dem Bünzener Schrecken der ganzen Reuss entlang von Dietwyl bis nach Mellingen hinunter solche Schiffstransporte angelangt und ins Wasser gestossen, aber fast zur gleichen Zeit wie in Bünzen wieder abgeholt worden waren.»

Der junge Bursche wird Arzt

Das alles focht den Jungen des Nachtwächters Holländer-Steffen allerdings nicht an: Er hatte von Obergeneral nicht nur ein Goldstück erhalten. Nach der Schlacht waren vom General «dem bekannten und geschätzten Doktor Weissenbach in Bremgarten» zweitausend Kronen übergeben worden, der sich dagegen verpflichtete, für die Heranbildung des Jungen zum Arzt zu sorgen. Dieser zog gleich am folgenden Tag nach Bremgarten, um dort zunächst die Lateinschule zu besuchen. Der zum tüchtigen Arzt ausgebildete junge Mann war «nach kaum beendigten Studien als Feldarzt bei den schweizerisch-französischen Truppen eingetreten».

Nach zwanzigjähriger Abwesenheit kam er in die Heimat zurück, um «die hier mitgetheilte Begebenheit seiner Jugendgeschichte vor den reichen Erfahrungen seiner Männerjahre am liebsten zu erzählen.»