Wohlen
«Wir beugen unsere Häupter, um Ihnen zu danken»

Eine Stammtischrunde gratulierte mit einem Telegramm vor 70 Jahren dem englischen Premier zum Sieg über Nazi-Deutschland und bekam unerwartet Antwort.

Jörg Baumann
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Kopie des Briefes, den Churchill schrieb und Hans Bitzal

Kopie des Briefes, den Churchill schrieb und Hans Bitzal

Zur Verfügung gestellt

Als vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, feierten Millionen von Menschen – unter ihnen auch vier Freunde des Fussballklubs Wohlen.

Der Bäckermeister Hans Roth, früher FC-Präsident, später Gemeinderat und Vizeammann, Gemeinderat Alfred Michel, Direktor der SBG Wohlen, Eduard Imbach, zuerst Postbeamter, später Chemiker und Gründer der Firma Imbach AG, und Hans Bitzai, Buchhalter und in jungen Jahren Verteidiger beim FC Wohlen, trafen sich auch in diesen schicksalhaften Tagen zum Stamm im «Sternen».

Sie waren aufrechte Patrioten, und so fieberten sie mit, wann die Deutsche Wehrmacht endlich kapitulieren und nach sechs Jahren Krieg der Friede ausbrechen würde.

«Wir beugen unsere Häupter»

Erst am 15. August 1945 wurden die Kämpfe eingestellt. Aber die Männer im «Sternen» wollten den Tag nicht abwarten, sondern feierten den Sieg der Alliierten schon in der Nacht vom 11. auf den 12. August. Die Vorfreude war allerdings gedämpft angesichts der Atombomben, die einige Tage vorher auf die japanischen Städte Nagasaki und Hiroshima gefallen waren.

Morgens um drei Uhr hielt es Hans Bitzai (1905–1973) nicht mehr auf seinem Stuhl. Er ging ans Telefon und rief das Telegrafenamt an. Bitzai suchte eine Telegrafistin mit perfekten Englischkenntnissen. Denn sein Telegramm sollte keinen Geringeren als den englischen Premier Winston Churchill erreichen.

Bitzai beherrschte nicht nur die englische Umgangssprache, die er an der Swiss Mercantile School gelernt hatte, sondern auch die feierliche, pathetische Hochform des Englischen.

Der Journalist und Sekundarlehrer Franz Schmid (1914–1996) aus Wohlen überlieferte der Nachwelt viele Jahre später den Text, den Bitzai der Telegrafistin diktierte: «Während wir den grössten aller Siege der Weltgeschichte feiern, sind unsere Gedanken bei dem Menschen, der den Weg zum Sieg wies. Sie, grosser, lieber Mister Churchill, haben das vollbracht, und wir beugen unsere Häupter, um Ihnen zu danken. Lang lebe die Freiheit, lang mögen Mister Churchill und seine Ideen leben.»

Als Bitzai den Telefonhörer aufhängte, dachte keiner im Geringsten daran, dass Churchill das Telegramm beachten und schon gar nicht, dass er ihnen eine Antwort geben würde. Doch der Staatsmann liess die Wohler nicht im Stich.

Churchill stand zwar schon politisch am Abgrund und wurde am 25. August als Premier von seinem Gegenspieler Edward Attlee abgelöst; Attlee den «Farblosen», nannte ihn Franz Schmid. Eines Tages traf ein Brief in Wohlen ein mit englischen Briefmarken auf dem Umschlag.

Und tatsächlich: Churchill, inzwischen Abgeordneter im Unterhaus, hatte das Telegramm der vier Fussballfreunde gelesen. Er dankte ihnen für die Post in einem Satz: «Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre freundliche Botschaft, die ich mit grosser Freude gelesen habe. Winston Churchill, 1945.»

Original des Briefes verschollen

Churchills Brief hätte im «Sternen» einen Ehrenplatz erhalten können. Aber das Original ist seit vielen Jahren verschollen. Franz Schmid konnte in der Freiämter Zeitung nur eine Reproduktion abdrucken. Womit aber doch bewiesen ist: Manchmal kann ein Telegramm, das ein Buchhalter in Wohlen aufgibt, hohe Wellen von weltpolitischer Bedeutung werfen. Wir sind gegenwärtig froh über jeden Trost. Churchill sei Dank.

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