Wohlen
Der Hag ist weg – eine Verlustmeldung

Der Gösliker Chileweg ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten und steht unter kommunalem Schutz. Nur wenige wissen, dass der Weg bereits im Mittelalter unter die Füsse genommen wurde. Er war der Verbindungsweg zur Gösliker Kirche, wo die Wohler den Gottesdienst besuchten.

Jörg Meier
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Der Staketenhag beidseits des Gösliker Chilewegs, aufgenommen im Jahre 1989, die Hofmattenanlage gibt es noch nicht.

Der Staketenhag beidseits des Gösliker Chilewegs, aufgenommen im Jahre 1989, die Hofmattenanlage gibt es noch nicht.

zvg/Felix Wey

Oberhalb der Wohler Hofmattenanlage liegt auf halber Höhe des Gösliker Chilewegs eine verwitterte Holzkonstruktion in der Wiese. Zehn zugespitzte Holzlatten sind auf ein hölzernes, z-förmiges Gerüst genagelt. Zwei Pfosten bilden links und rechts die Einfassung; der eine ist mit einem eisernen Griff versehen, der andere mit zwei Gelenkbändern, wie sie früher für Scharniere üblich waren.

Möglicherweise war das, was jetzt verloren am Wegrand liegt, einst ein einfaches Tor zur Weide. Die Staketen sind das letzte Überbleibsel des Hages, der jahrhundertelang den Gösliker Chileweg beidseits säumte und den Fussweg zu einem besonderen Weg machte.

Der Zaun am alten Fischbach-Gösliker Kirchenweg ist nicht mehr.

Der Zaun am alten Fischbach-Gösliker Kirchenweg ist nicht mehr.

Jörg Meier

Mahnmal gegen Gleichmacherei

Der Wohler Journalist Franz Schmid (1914-1996) befasste sich 1982 im «Badener Tagblatt» mit dem Zaun, den er konsequent «Hag» nannte; eine Bezeichnung, die hier gerne übernommen wird.

«In Wohlen haben wir einen sehr langen Hag», schrieb Schmid, «wollte man den abschreiten, müsste man über zweitausend Schritte tun.» Schmid erinnerte der lange Hag, der beidseits des Chileweges von der Steingasse durch den ehemaligen Rebberg zum Höhenweg führte, an eine Installation des Künstlers Christo.

Gösliker Chileweg in Wohlen bei der Hofmatte

Dieser hatte 1976 in der kalifornischen Wüste einen über 30 Kilometer langen Zaun errichtet, den er «Running Fence» nannte. In Anlehnung an Christo bezeichnete Schmid den Gösliker-Chileweg-Hag als «Playing Fence». Er hielt den Wohler Hag auch für ein Kunstwerk, allerdings für ein zufällig entstandenes.

Viele fehlende Latten sorgten für unterschiedliche Abstände und Zwischenräume; das gefiel Schmid. Er interpretierte den Doppelhag als Partitur des Zufalls, als stilles Mahnmal gegen jede Art von Gleichmacherei. Wem das zu weit ging, konnte auch einfach das Abbild des Zaunes bewundern, das Licht und Schatten gemeinsam auf den Weg warfen.

Schmid war sich nicht sicher: Sollte er den Hag tatsächlich «Playing Fence» oder doch eher «Dying Fence» nennen. Denn der Hag war in einem schitteren Zustand. Er entschied sich dann doch für den spielenden und gegen den sterbenden Hag. Aus heutiger Sicht trifft wohl «Disappeared Fence» - verschwundener Hag - am ehesten zu.

Der Weg führt durch das Haus

Die Annahme, dass die Gösliker früher den Chileweg benutzten, um nach Wohlen in die Kirche zu gelangen, ist naheliegend. Es war aber genau umgekehrt.

Obwohl Wohlen bereits im Mittelalter die grösste Gemeinde im Freiamt war, war ein grosser Teil der Bevölkerung nach Göslikon kirchgenössig. Es waren Wohlerinnen und Wohler, die den Chileweg nach Göslikon mindestens einmal pro Woche unter die Füsse nehmen mussten.

Das änderte sich erst im Jahre 1518 als der päpstliche Nuntius einem Bittschreiben nachgab und den Wohlern endlich erlaubte, die Messe im Dorf zu feiern. Somit entfiel der sonn- und feiertägliche Marsch nach Göslikon.

Der Weg aber blieb, behielt seinen Namen und wurde vor einigen Jahren unter kommunalen Schutz gestellt. Das führte unter anderem dazu, dass die Bauherrschaft beim Bau der neuen Mehrfamilienhäuser an der Steingasse 12/14 freiwillig Rücksicht auf den historischen Verlauf des Chileweges nahm: Führte er früher mitten durch das Haus der Schuhmacherei Teufer, hat man nun beim Nachfolgebau an gleicher Stelle einen Durchgang für den Weg ausgespart.

Als die 66 000 Quadratmeter Bauland im vorderen Rebberg nach fast 40 Jahren Verhandeln, Streiten, Prozessieren und Politisieren ab 2012 endlich erschlossen werden konnten, wurde auch der Gösliker Chileweg, der mitten durch das Gelände führt, der neuen Zeit angepasst. Er wurde asphaltiert, kinderwagentauglich gemacht und dort, wo es unvermeidlich war, etwas verschoben.

Der einst so grossartige Hag links und rechts des Weges verkam im Laufe der Jahre, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Bald einmal bestand er fast nur noch aus Zwischenräumen.

Er wurde nicht mehr repariert, verschwand Stück um Stück. Jetzt ist auch das allerletzte Stück Hag noch gefallen. Manchmal weiden Pferde auf der Wiese inmitten von Bauprofilen für 202 Wohnungen, die hier entstehen werden. Um die Tiere beisammenzuhalten, reicht ein einfacher und mobiler Weidezaun.

Neue Zäune werden errichtet

Während der Baubeginn für die Mehrfamilienhäuser noch auf sich warten lässt, beschäftigen sich rund 100 Meter weiter unten die Bagger mit dem Aushub für die zweite Mehrzweckhalle Hofmatten.

Die Halle kommt mitten auf den Gösliker Chileweg zu stehen. Es gehe halt nicht anders, sagen die Experten. Deshalb muss der Weg im Bereich der Hofmatten verlegt werden, was für Unmut sorgte, weil das einen Umweg von 170 Metern Länge zur Folge hat.

Der Gösliker Chileweg in der anderen Blickrichtung Hang hinauf zum geplanten Wohler Rebbergquartier (rechts)

Der Gösliker Chileweg in der anderen Blickrichtung Hang hinauf zum geplanten Wohler Rebbergquartier (rechts)

Marc Ribolla

Nach dem letzten Rest des besonderen Hages wird also auch bald das Weideland verschwinden und überbaut werden. Auch wenn es in Wohlen nicht allen gefällt: Im ehemaligen Rebberg wird ein neues Quartier entstehen.

Und wo Häuser sind, sind auch Zäune nicht weit. Aber ob sich unter den neuen Zäunen auch ein begehbares Kunstwerk befinden wird, darf bezweifelt werden.