Wohlen
«Wie würde das enden?» – Wie der Geruch Robert Stäger tröstet

Zum 40. Todestag des Freiämter Mundartschriftstellers Robert Stäger veröffentlicht die AZ Trouvaillen aus seinem Archiv. Wie ein Geruch zu trösten und heilen vermag, das hielt er 1966 in einem Artikel fest, der im Schulblatt veröffentlicht wurde. Der ungekürzte Text.

Nathalie Wolgensinger
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Beim Räumen im Archiv seines Vaters stiess Lorenz Stäger auf einige Perlen.

Beim Räumen im Archiv seines Vaters stiess Lorenz Stäger auf einige Perlen.

Severin Bigler (15. Januar 2020)

Das war vor vielen, vielen Jahren. «Fort, in eine ganz neue Umwelt!» riet der Arzt. Mir packten sie daheim den Koffer, Wolldecken hatte ich mitzunehmen. Liegekur! Im übrigen würde die Sonne des Südens dazu beitragen, dass alles wieder besser käme. Die Hauptsache aber: eine neue Umwelt, andere Menschen,andere Kost… salzlose…. Ja, ja, das würde mir helfen.

War ich denn aber wirklich so krank? Vielleicht wäre das Ganze nur eine fixe Idee, so meinten meine Freunde. «Komm mit uns, abends!», schlugen sie mir vor.

«Trinke Bier, jasse mit uns am langen Wirtshaustisch; das vertreibt dir deine Grillen!»

So tat ich auch und hielt die Spielkarten während ein paar Abenden in meinen zitternden Händen. Was half es mir?

In einer Abteilecke des Gotthardzuges fror ich. Weder die Berge, noch die schäumende Reuss sah ich, und, als ich die neue Welt betrat, die mir todsicher Heilung und Frohmut herzaubern würde, erfasst mich ein so schreckliches Angstgefühl wie kaum je zuvor. Wie würde das enden?

Rund um mich warteten nur Unheil, Tücke und Bedrohung. Die neue Umwelt war die Hölle.

Die «anderen Menschen» kamen mir als gefährliche Wesen vor, die mir Tag und Nacht nachstellten.

Eines Abends schritt ich durch die südliche Stadt, voller Angst, die Nacht nicht überleben zu können.

Doch nun geschah etwas Sonderbares. Eben bog ich in eine der engen Nebengassen ein, als mir aus einem finsteren und engen Hausgang ein Geruch entgegenströmte, der mich zusammenfahren liess. Was war das? Ein Wunder? Wie gebannt blieb ich stehen. Jetzt, um alles in der Welt nur nicht weitergehen! Hinein, in den unbekannten, gähnenden Hausgang, aus welchem mir Heil und Rettung winkten!

Und so tat ich denn auch und atmete gierig den mich beglückenden Geruch ein. Noch heute kann ich nicht sagen, was es war. Vielleicht der Geruch von Anis oder einer ähnlichen Pflanze. Der Name tut nichts dazu; es war mein Heilmittel.

Vor Erregung und Glückseligkeit erzitterte ich und liess meinen Regenschirm fallen.

Niemand nahm den Lärm wahr. Es blieb still im finsteren und langen Hausgang. Ich aber jubelte auf. Der Geruch… der Geruch! Alle Traurigkeit floh von mir. Die zentnerschwere Last, die mich monatelang niedergedrückt hatte, fiel von mir, und am liebsten hätte ich die ganze Welt umarmt.

Denn diese Welt wurde mit einem Schlage schön, tröstlich, froh und lebenswert. An jenem Abend, wie erinnere ich mich doch daran, schrieb ich Karten und Briefe heim, in mein Dorf. Wie es hier doch schön wäre… wie die Sonne herrlich schiene und mir Heilung verheisse… Zwar log ich; nicht die Sonne, der Geruch war es, welcher mich nun heilte.

Wer daheim würde mich aber begreifen?

Die Jahre eilten vorüber. Noch einmal durfte ich das Wunder erleben. Das war drunten, in unserer Kantonshauptstadt. Unsäglich bedrückt wanderte ich einher. Seit Wochen mieden mich Freude und Trost. Da, was war das? Auf einmal riss mich starker Terpentin- und Lackgeruch aus der Betrübnis empor.

Ein biederer Schreiner hämmerte und hobelte eben in seiner Werkstatt – es mag in der Milch- oder Pelzgasse gewesen sein – ich weiss es nicht mehr. Er hatte die Türe seiner Butik offenstehen lassen.

Der Geruch! Wie dankte ich Gott!

Und in jenem bis auf den heutigen Tag unvergesslich geblieben Augenblick wurde mir aber auch klar, dass ich keineswegs unterzugehen brauchte.

Noch mehr: dass ich eines Tages dem Kaufmannsstande entsagen und Lehrer werden würde. Und einmal mehr jauchzte mein Herz auf, das so lange wieder in Trauer und Weh verweilt hatte. Frohgemut fuhr ich damals aus der Aarestadt wieder in mein liebes Bünztal hinauf.