Wohlen
Wohnen in flexiblen Räumen: Nein, danke

Weitsichtige Planer konnten sich in den 60er-Jahren mit ihren Ideen im Neuwil nicht durchsetzen.

Jörg Baumann
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Das Metron-Wohnhaus im Neuwil im Bau. Flugaufnahme von 1964, ETH-Bibliothek Zürich

Das Metron-Wohnhaus im Neuwil im Bau. Flugaufnahme von 1964, ETH-Bibliothek Zürich

zvg

In Wohlen scheiterte vor 50 Jahren ein Wohnexperiment: In einem Mehrfamilienhaus im Neuwil am Fischerhüsliweg propagierten die Planer der Metron AG, Brugg, das Wohnen in flexiblen Grundrissen. Hans Anliker, damals Innenarchitekt bei der Metron, erinnert sich: «Wir leiteten die Idee, dass die Grundrisse einfach an die veränderten Wohnverhältnisse angepasst werden sollten, vom Bürobau ab.»

Aus eines mach zwei

Anliker verfasste für die Mieter im Neuwil eine Broschüre, in der er die praktisch unbegrenzten Möglichkeiten darstellte, wie man mit dem Umstellen der Wände die Wohnung selber einteilen konnte. Aus einem grossen Kinderzimmer konnte man, sobald die Familie gewachsen war, zwei kleinere Zimmer einrichten. Oder die Grossmutter konnte später zu ihrer Tochter ziehen und ein eigenes Zimmer beziehen. Oder die Eltern wünschten sich ein Arbeitszimmer. Im Neuwil kein Problem – scheinbar.

Die Idee, den Mietern mit einer flexiblen Wohnform grösste Freiheiten einzuräumen, kam von einem innovativen Architektenteam. Alexander Henz, Mitgründer der Metron AG, übernahm den Lead. Henz studierte nach dem Polytechnikum Zürich in Paris weiter und besuchte Soziologie-Vorlesungen bei Paul-Henry Chombart de Lauwe, weltweit ein Pionier der Wohnforschung. «Henz liess sich sicherlich auch vom Architekten Le Corbusier inspirieren», sagt Anliker. Dieses entwickelte schon früh neue Wohnformen. Von ihm dürfte Henz viel gelernt haben.

Brunnen und Gemeinschaftsräume

Das Architektenteam hielt im Neuwil die Verkehrsflächen so klein wie möglich und bemass die Eingangshalle so, dass die Kinder bei schlechtem Wetter darin spielen konnten. Die sonst toten Korridorflächen sollten so belebt werden. An verschiedenen Orten des Gangsystems schlossen sich Gemeinschaftsräume an: im Eingangsgeschoss ein Bastelraum, im Dachgeschoss die offene Waschküche (im Jargon der Architekten der «Dorfbrunnen»), ein Aufenthaltsraum mit 35 Sitzplätzen, Teeküche und Cheminée und eine Sonnenterrasse mit Dusche und WC.

Der Programmpunkt der flexiblen Wohnung bereitete den Architekten am meisten Kopfzerbrechen. Es galt, für technische Probleme Lösungen zu finden, für die es noch kein Vorbild gab. Man entschied sich für die mobile Wandkonstruktion mit verleimten Spanplatten. Das gewählte System erlaubte je nach Wohnungstyp drei bis vierzehn Varianten. Die Kosten für eine Umstellung setzten die Architekten auf 50 bis 200 Franken fest. Die Garagen wurden nach einem dänischen Vorbild kreisförmig rund ums Haus verteilt. Die darauf aufgeschichteten Hügel rechnete man zu den Spielplätzen.

Die Fachpresse lobte die Architekten zwar einhellig. Aber Hauswart und Hausbesitzer ignorierten bald, worüber die Fachleute frohlockten. «Die Infobroschüren wurden nicht mehr verteilt und hätten von den zahlreichen ausländischen Mietern auch gar nicht verstanden werden können», schreibt der Wohler Architekturhistoriker Fabian Furter im Begleitheft zur Ausstellung «Wohlen – Zeitsprünge», die ein grosses Publikum anzog. Im Neuwil wurden die Wohnungen – gegen die Idee der Architekten – einfach mal nach Standard eingeteilt und vermietet. Das Wohnexperiment war gescheitert.