Fricktal

Bestattungstrend: Der Wald wird zum Friedhof

«Der Grabschmuck ist der Wald»: Hans und Gertrud Häseli im Waldstück, das sie als letzte Ruhestätte eingerichtet haben.

«Der Grabschmuck ist der Wald»: Hans und Gertrud Häseli im Waldstück, das sie als letzte Ruhestätte eingerichtet haben.

Bestattungen ausserhalb des Friedhofs sind im Trend. Im Fricktal gibt es bereits drei Ruhestätten im Wald. So auf dem Buschberg: Wer seine Asche hier unter einem Baum bestatten lassen will, zahlt 2000 Franken.

Ein Mensch geht. Was bleibt? Erinnerungen, ganz viele; ein Grab, so hat es Tradition. Doch dieser Ritus wird zusehends infrage gestellt. Der Wunsch, den Tod – oder besser: Das Sein nach dem Tod persönlicher zu gestalten, ist gross. Im Tod spiegelt sich das Leben der hochgetakteten, individualisierten Gesellschaft.

«Es gibt immer mehr Leute, die sich ausserhalb des Friedhofs bestatten lassen wollen», sagt Gertrud Häseli. «Viele Menschen suchen eine naturnahe, freie Art der Bestattung», weiss Ueli Sauter. Beide erfüllen dieses Bedürfnis: Sie bieten – wie auch die Gemeinde Olsberg – im Fricktal Bestattungen im Wald an.

Ueli Sauter schon seit 1999. Ein langjähriger Freund von ihm, der in London lebte, hatte den Wunsch, in der Schweiz beigesetzt zu werden. Sauter erfüllte ihm diesen und ihm kam die Idee, einen Baum zu pflanzen und seine Asche in die Wurzeln einzubringen. «So würde aus den Nährstoffen seiner Asche neues Lebens entstehen können», so Sauter. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus entstand seine erste Waldbestattungs-Stätte, die er «Friedwald» nannte. Den Namen liess er schützen. Heute betreibt Sauter in der ganzen Schweiz 70 Friedwälder; in der Region gibt es einen auf der Anhöhe zwischen Kaisten und Laufenburg und einen auf dem Bözberg.

«Gmeind» lehnt Projekt ab

Auch bei Gertrud Häseli entstand die Idee, eine Bestattungsstätte im Wald zu errichten, aus einem persönlichen Erlebnis heraus. Häseli, die als Gemeinderätin von Wittnau und als Grossrätin politisch aktiv ist, fand, es wäre eine öffentliche Aufgabe, eine Alternative zur Bestattung auf dem Friedhof zu schaffen. So wie es Olsberg realisiert hat. Das sahen ihre Kollegen im Gemeinderat ebenso und legten der Gemeindeversammlung im November 2013 ein entsprechendes Projekt vor.

Die Gemeindeversammlung lehnte ab. Kritische Stimmen, so sagt Häseli im Rückblick, seien vor allem von Menschen gekommen, die stark in den Traditionen verwurzelt sind. Sie argumentierten: Der Friedhof sei der Ort des kollektiven Erinnerns; das solle man nicht ändern.

Häseli liess die Idee trotz Volks-Nein nicht los. Zusammen mit ihrem Mann realisierte sie die Bestattungsstätte auf dem Buschberg, jenem Kraftort, wo einst die Kelten ihre Angehörigen beigesetzt haben, auf eigene Faust. Im rund fünf Hektaren grossen Waldstück kann sich seit einem Jahr jeder bestatten lassen. Ein «Baum» kostet 2000 Franken.

«Den Baum kann man für sich alleine oder als Familien- oder Freundesbaum nutzen», sagt Häseli. Zudem bietet sie – analog zum Gemeinschaftsgrab – einen «Gemeinschaftsbaum» für 500 Franken an. Der persönliche Baum, den man sich selber aussucht, wird nach der Beisetzung mit einer kleinen Plakette gekennzeichnet – Inschriften oder Grabtafeln sind nicht erlaubt. Er bleibt ab dem Zeitpunkt der Bestattung mindestens 20 Jahre lang stehen.

Sauter lässt seine Friedwälder im Grundbuch eintragen; sie sind damit bis zu 99 Jahre lang als Bestattungsorte geschützt. Für einen Baum verlangt der Thurgauer einmalig 4900 Franken, plus Mehrwertsteuer; besondere Bäume sind etwas teurer. Ob bei der Wurzel des Baumes nur die Asche einer Person, jene eines Paares oder einer ganzen Familie bestattet wird, überlässt auch er dem Käufer. «Es gibt auch Vereine, die einen Baum erworben haben.»

Nur Asche, keine Urnen

Klar geregelt ist bei Häseli wie Sauter, dass nur die Asche beigesetzt werden darf. «Urnenbeisetzungen sind nicht erlaubt», sagt Häseli. Beide Anbieter legen Wert darauf, dass der Wald ein Wald bleibt. «Blumenschmuck, Fotos oder Kreuze würden dem Geist und der Idee des Friedwaldes widersprechen und sind nicht zulässig», erklärt Sauter und Häseli ergänzt: «Der Grabschmuck ist der Wald.»

Wie viele Bäume Sauter im Fricktal schon verkauft hat, will er nicht sagen. Er sei «zufrieden, wie es läuft». Bei Häselis gab es im ersten Jahr drei Bestattungen; zwei Bäume sind zudem reserviert. Sauter weiss aus Erfahrung: Rund die Hälfte der Baumstätten wird reserviert, die andere Hälfte nach dem Todesfall gekauft.

Angesprochen von einer Naturbestattung fühlen sich Menschen, deren Weltbild oft etwas freier ist, Menschen, für die Gott überall ist – und besonders auch in der Natur manifest wird; Menschen auch, «die das Danach selber gestalten wollen», so Häseli.

Die Häselis waren bei den drei Bestattungen in ihrem Wald dabei, als «eine Art Totengräber», wie es Häseli nennt. Es seien eindrückliche Feiern gewesen; bei einer war ein Priester Zeremoniar, bei den anderen beiden übernahm ein Kind des Verstorbenen diese Rolle.

Mit dem Start ist Häseli zufrieden. «Das Interesse nimmt stetig zu.» Das zeigt sich auch daran, dass sie die Flyerbox regelmässig auffüllen muss. «Das Projekt ist zudem langfristig angelegt.» Klar ist jetzt schon, dass die Kinder den Bestattungsort weiterführen werden.

Ob sich Gertrud Häseli selber dereinst unter einem Baum bestatten lassen wird, weiss sie noch nicht. «Es ist eine Option für mich», sagt sie, «aber ich kann mir auch vorstellen, auf dem Friedhof beerdigt zu werden.» Der Entscheid betreffe nicht nur sie, sondern auch diejenigen, die zurückbleiben. «Auch für sie soll es stimmen.»

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