Grossratswahlen 2020
Das Fricktal hat Linksdrall: Bleibt es auch den Wahlen im Herbst dabei?

Die Region rund um Laufenburg ist auf der Grossratskarte ein blinder Fleck. Bleibt es nach den Wahlen dabei? Eher ja, wie es scheint.

Thomas Wehrli
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Neues Spiel, neues Glück? Kann der blinde Fleck bei den Grossratswahlen am 18. Oktober entfernt werden? (Archivbild)

Neues Spiel, neues Glück? Kann der blinde Fleck bei den Grossratswahlen am 18. Oktober entfernt werden? (Archivbild)

Mario Heller

Die Grafik hat Linksdrall. Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Nicht die darauf ikonisch abgebildeten Damen und Herren Grossräte aus dem oberen Fricktal haben, zumindest in ihrer Summe, einen Linksdrall. Im Gegenteil: Vier der sieben amtierenden Grossräte aus dem Bezirk Laufenburg gehören einer bürgerlichen Partei an.

Aber geografisch ist der Linksdrall unverkennbar; kein einziger Grossrat stammt aus der Region um Laufenburg oder dem Mettauertal. Oder besser: nicht mehr. Denn bei den letzten Wahlen wurde Martin Steinacher (CVP) mit Bravour wiedergewählt. Er trat allerdings Ende 2017 als Grossrat zurück. Für ihn rutschte Werner Müller aus Wittnau nach, der nach dem Sitzverlust der CVP bei den Wahlen 2016 seinen Sessel räumen musste und so zum Grossrats-Comeback kam.

Neues Spiel, neues Glück? Kann der blinde Fleck bei den Grossratswahlen am 18. Oktober entfernt – oder vielleicht treffender: mit einem roten oder blauen Icon gefüllt werden?

Die Chancen dazu stehen nicht allzu gut. Denn von den amtierenden sieben Grossräten tritt einzig Tanja Primault (SVP) aus Gipf-Oberfrick nicht mehr an. Unter der Prämisse, dass kein Bisheriger abgewählt wird, müsste die Region Laufenburg also über die SVP-Liste zu einem Sitz kommen.

Klar ist: Die Partei wird ihren zweiten Sitz halten. Aber: Auf der SVP-Liste, auf der man notabene nur blaue Icons findet – sprich: die komplett frauenlos ist, figuriert nur ein Kandidat aus der Region rund um Laufenburg. Christian Rüede aus dem Laufenburger Ortsteil Sulz. Ob der Gemeinderat den Sprung von Listenplatz sechs auf zwei – ein dritter SVP-Sitz ist derzeit nicht sehr wahrscheinlich – schafft, ist fraglich.

Sicher, Rüede, der in der Region kein Unbekannter ist, wird in und um Laufenburg viele Stimmen sammeln. Aber er muss gegen eine deutlich höhere Stimmkraft antreten, die Kandidierende von ennet dem Berg von Haus aus mitbringen.

Ein «eigener» Grossrat bringt der Region Vorteile

«Es ist schwierig für Politiker aus unserer Region, in den Grossrat zu kommen», konstatiert Peter Weber, Gemeindeammann von Mettauertal. Er selber landete auf der FDP-Liste 2016 auf dem ersten Ersatzplatz – mit knapp 300 Stimmen Rückstand auf den Fricker Gemeindeammann Daniel Suter, der damals neu in den Grossen Rat einzog.

Suter trat dann zwar Ende 2019 aufgrund der Mehrfachbelastung aus dem Grossen Rat zurück, Weber verzichtete jedoch und so zog der Münchwiler Gemeindeammann Bruno Tüscher ins Parlament ein. Es sei für eine Region sicher ein Vorteil, einen Grossrat zu stellen und damit einen weiteren Zugang zu Regierungsräten und Verwaltung zu haben, findet Weber. Zudem hätten ländliche Regionen andere Probleme als urbanere.

Fricktaler Grossräte stehen zusammen

Ein Zaubertrank ist ein Grossrat aus dem Dorf jedoch nicht. Zum einen, weil er die Geschäfte nicht nur mit der regionalen Brille sehen darf. Zum anderen, weil Lobbying immer noch am besten direkt funktioniert. Das weiss Weber. «Es ist die Aufgabe des Gemeindeammanns, sich mit Aarau zu vernetzen.» Dies sei zwar zeitintensiv, aber wichtig. Weber hat danach gehandelt und so einen direkten Zugang sowohl zu den Regierungsräten als auch in die Departemente.

Martin Steinacher liess den regionalen Gedanken durchaus in seine Überlegungen einfliessen, als es um den Rücktritt ging. «Ich fragte mich, wie schlimm es ist, dass die Region nicht mehr in Aarau vertreten ist.» Und? Ein eigener Grossrat wäre zwar wünschenswert, so Steinacher, aber von den strukturellen Gegebenheiten her stünden im oberen Fricktal die meisten Gemeinden vor ähnlichen Herausforderungen. Er sieht einen eigenen Grossrat im Dorf vor allem auch als Signal an die Bevölkerung: Da sitzt einer in Aarau, der um unsere Sorgen weiss.

Da sind 17, die um die Sorgen wissen, kann man mit Blick auf das Fricktal sagen, denn die Fricktaler Grossräte zeigten in den letzten Jahren, dass sie über die Parteigrenzen hinweg zusammenstehen, wenn es um ein regionales Anliegen geht. Das war beim TNW und beim Berufsbildungszentrum so, das war beim Halbstundentakt nach Laufenburg nicht anders. «Wenn wir mit Anliegen auf die Fricktaler Grossräte zugehen, hören sie zu», hat auch Weber festgestellt.

Blick in die Glaskugel: Was ist im Herbst möglich?

Die Fricktaler Grossräte stünden solidarisch zusammen, wenn es um die Region geht, sagt Herbert Weiss, Stadtammann von Laufenburg. Gleichwohl findet er: Es wäre wichtig, dass die Region Laufenburg künftig wieder im Grossen Rat vertreten ist. «Es hilft, mit Anliegen durchzukommen.»

Wer in die Glaskugel guckt, sieht, noch etwas verschwommen, zwei weitere Optionen, wie die Region rund um Laufenburg in absehbarer Zeit doch noch zu einem Sitz kommen könnte. Die erste Kaffeesatz-­Leseaktion geht so: Die SP verliert den vor vier Jahren gewonnenen zweiten Sitz wieder an die CVP – das liegt durchaus im Bereich des Möglichen – und bei den Christdemokraten holt der Laufenburger Daniele Mezzi, der von Listenplatz 2 aus startet, den Sitz.

Der zweite Blick in die Kugel zeigt gerade das Umgekehrte: Die SP behält ihre zwei Sitze, die beiden Bisherigen, Elisabeth Burgener und Colette Basler, werden wiedergewählt. Burgener, die im nächsten Jahr 60 wird und 2022 den Höhepunkt ihrer politischen Karriere erreicht – sie amtet dann als Grossratspräsidentin –, tritt nach dem Präsidialjahr zurück. Aussichtsreichster Kandidat für den ersten Ersatzplatz ist das SP-Polittalent Rolf Schmid (27). Er wohnt aktuell zwar in Frick, ist aber ein Mettauertaler. Das wäre ein halbes blaues Icon. Auf der rechten Seite. Der Grafik, nicht des Spektrums.

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