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Der moderne Mensch will den Tod in der eigenen Hand haben

Dachten über Leben und Sterben nach: Bernhard Lindner (v.l.), Gemeindeleiter von Oeschgen, Allgemeinmediziner Markus Denger, Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle und Jacqueline Wepfer von der Spitex Fricktal in Magden.

Dachten über Leben und Sterben nach: Bernhard Lindner (v.l.), Gemeindeleiter von Oeschgen, Allgemeinmediziner Markus Denger, Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle und Jacqueline Wepfer von der Spitex Fricktal in Magden.

Im Saalbau referierte Theologin Ruth Baumann-Hölzle über selbstbestimmtes Sterben. Wer jedoch pfannenfertige Antworten zum Thema erwartete wurde enttäuscht. Denn das Thema wirft jedoch so viele Fragen auf, dass nicht einmal Experten immer die passende Antwort hatten. Es war eher ein gemeinsames Nachdenken.

Selbstbestimmt sterben – wie ist das möglich? Rund 70 Zuhörer wollten das am Dienstagabend im Saalbau erfahren. Doch Referentin Ruth Baumann-Hölzle beantwortete die Frage nicht. «Der Titel des Vortrags ist mir vorgegeben worden, ich bin heute nicht hier, um zu zeigen, wie es geht», räumte sie zu Beginn ein. Und wer die Theologin und Leiterin des Institutes für Ethik im Gesundheitswesen kennt, wusste auch, dass sie die Antwort schuldig bleiben würde.

Statt Antworten gab es vielmehr noch mehr Fragen: Was ist selbstbestimmtes Sterben? Gibt es das überhaupt? Wer schaltet das Beatmungsgerät tatsächlich ab? Was hat der Patient selbst verfügt?

Nicht mehr gottgegeben

Das sich der moderne Mensch diese Fragen überhaupt stellen kann, ist für Ruth Baumann-Hölzle Konsequenz eines Bündels von Prozessen: der Säkularisierung, der Individualisierung und des medizinischen Fortschritts. Habe in früheren Jahrhunderten der Tod als schicksalhaft und gottgegeben gegolten, als Erlösung und Eintritt ins bessere Jenseits, wolle der moderne Mensch ihn in der eigenen Hand haben, von einem Schicksal zu einem «Machsal» umdeuten.

Die Frage ist doch auch hier: Wie selbstbestimmt ist das? Oder ist es nicht vielmehr Folge äusserer Zwänge, gesellschaftlicher Wertvorstellungen von Effizienz, Gesundheit und Stärke? Andererseits: Das Recht des Einzelnen, selbst aus dem Leben zu scheiden oder sich dabei von Organisationen wie Exit helfen zu lassen, reklamiert die Gesellschaft auch immer mehr für sich – ohne Stigmatisierung, ohne moralische Verdammung.

Doch auch hier Fragezeichen: Wer soll sterben dürfen? Nur wirklich todkranke Menschen oder auch solche, die lediglich einen Lebensüberdruss verspüren, nur, weil sie betagt und gebrechlich sind? Müssen die Hürden für jüngere Kunden von Exit tiefer liegen als für ältere? Kann man sich überhaupt noch frei entscheiden, in dem Wissen, als Pflegefall hohe Kosten zu verursachen und anderen schweres Leid zuzufügen?

Verfügung beantwortet Fragen

Das waren Fragen, die Ruth Baumann-Hölzle aufwarf und deren Beantwortung sie auch dem Publikum im Saalbau überliess. Immer wieder spielte sie den Ball zurück, bezog die im Saalbau anwesenden Mediziner, Pflegekräfte und Hospizmitarbeiter mit in ihren Vortrag ein. Das lockerte den Abend auf und zeigte, dass auch die Fachfrau keine fertigen Antworten bereithielt, schon gar nicht bei einem solch hochsensiblen Thema.

Selbstbestimmt sterben – wie ist das möglich? Die Vortragsthese dann doch noch aufgreifend, riet Ruth Baumann-Hölzle den Zuhörern, eine Patientenverfügung zu formulieren. Und zwar so detailliert, dass im Fall der Fälle die Angehörigen wirklich im Sinne des Patienten entscheiden können und möglichst keine Fragen offenbleiben.

Dennoch: Die Vortragsgäste gingen nach den 90 Minuten auseinander, ohne eine Anleitung zu einem «schönen Tod» bekommen zu haben. Vielmehr war es, wie die Referentin den Abend abschloss, ein gemeinschaftliches «Nachdenken über die letzte Lebenszeit».


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