Frick/Mumpf/Rheinfelden

«Die Schule sichert die Zukunft»

«Mit einem Standort werden die Kräfte gebündelt»: Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF.

Jean-Paul Schnegg verteidigt den Entscheid, die Heilpädagogische Schule Fricktal in Mumpf zu konzentrieren.

Frick und Rheinfelden geben im nächsten Sommer die Trägerschaft der beiden Heilpädagogischen Schulen (HPS) an die Stiftung MBF ab. Diese betreut heute 252 erwachsene Menschen mit Behinderung in der geschützten Werkstätte in Stein sowie in mehreren Ateliers. Zudem bietet die Stiftung 107 Wohnplätze an.

Mit der Übernahme der Heilpädagogischen Schulen wird die Stiftung zum integralen Kompetenzzentrum für Menschen mit Behinderung im Fricktal. Dass dies Sinn macht, bestreitet niemand.

An der Umsetzung dagegen scheiden sich die Geister. Die Stiftung MBF möchte die beiden heutigen Schulstandorte Frick und Rheinfelden – nicht zuletzt aus Synergie- und Ressourcengründen – zusammenlegen.

Dafür erwirbt die Stiftung für 9,3 Millionen Franken das ehemalige Oberstufenzentrum in Mumpf. Der Einzug ist im Sommer 2021 geplant.

Eine Win-win-Situation, könnte man meinen. Denn die Stiftung MBF kommt für nicht allzu viel Geld zu einem guten Schulhaus; das Oberstufenzentrum wurde 2005 für 16 Millionen Franken erstellt. Gleichzeitig ist der Schulverband seine Sorge los, was er mit dem leerstehenden Schulhaus machen soll.

Und die Steuerzahler müssen nicht einen An- oder Neubau für die HPS Fricktal finanzieren, was vermutlich deutlich teurer käme. Nur: Mit diesem Umzug sind mehrere Eltern nicht einverstanden und kritisieren ihn scharf. Gegenüber der AZ nimmt Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF, Stellung.

Zum Vorwurf, das Wort gebrochen zu haben

In der Botschaft an die Stimmberechtigten in Frick und Rheinfelden hiess es im Juni 2018, dass sich für die Schüler kaum etwas ändere und sie weiterhin an den bisherigen Standorten zur Schule gehen können. Werden Gemeinden und Stiftung MBF wortbrüchig?

Eine Fricktaler HPS mit zwei Standorten sei die Ausgangslage bei Projektstart gewesen, räumt Schnegg ein. «Bei Beginn eines Projektes von diesem Umfang ist, trotz grosser Sorgfalt, nicht alles vorhersehbar und planbar.»

Die Ist-Analyse habe aufgezeigt, dass die Infrastruktur am Standort Rheinfelden den aktuellen Anforderungen knapp und den zukünftigen nicht genüge, so Schnegg. Zudem habe sich bei der Projektarbeit der Steuergruppe gezeigt, dass zwei Schulstandorte beim Aufbau einer gemeinsamen Schulkultur und der Möglichkeit Synergien zu nutzen, eher hinderlich sei.

«Mit einem Standort werden grösstmögliche Synergien genutzt, Kräfte gebündelt und es können so ideale Bedingungen für die Schule geschaffen werden.»

Zu den unterschiedlichen Schulstrukturen

Es gibt laut Schnegg zwar Unterschiede zwischen den drei Organisationen – also den beiden Schulen und der Stiftung MBF. Diese seien aber gut lösbar und für die die Weiterentwicklung befruchtend, ist er überzeugt.

«Es ist mir aber durchaus bewusst, dass die Zusammenführung anspruchsvoll ist, jedoch ist sie lösbar.» Für ihn ist es zudem «effizienter und effektiver», die Kräfte zu bündeln statt die konzeptionellen Arbeiten zweimal getrennt durchzuführen. «Aufgrund des Spardrucks des Kantons werden die Ressourcen tendenziell kleiner», fügt Schnegg an.

Zum Vorwurf, die Eltern erst spät zu informieren

Die Einladungen zur Elterninformation am 4. September wurden am 19. August versandt – und damit knapp zwei Wochen nachdem die ersten Briefe von Eltern, die sich gegen Mumpf aussprachen, auf das Pult von Jean-Paul Schnegg geflattert sind.

Es sei so wohl bei einigen der Eindruck entstanden, dass die Stiftung MBF erst aufgrund des Elternbriefs reagiert habe, so Schnegg. Dies sei jedoch nicht der Fall, der Termin für die Elterninformation sei schon Ende Juni festgelegt worden.

Zum Vorwurf, man nehme die Eltern nicht ernst

Schnegg widerspricht. «Weil die Entscheidung anders ausgefallen ist, als ein Teil der Eltern der HPS Frick und der HPS Rheinfelden sich das gewünscht hätten, heisst es nicht, dass wir ihre Anliegen nicht ernst aufgenommen haben.»

Als Vater von drei erwachsenen Töchtern und von einer kurz nach der Geburt verstorbenen schwerbehinderten Tochter, «verstehe ich sehr gut, dass die Eltern sich so fühlen». Man habe ihre Anliegen durchaus aufgenommen.

Stiftungsrat, Steuergruppe wie auch er «werden auch dafür besorgt sein, dass bei der weiteren Projektarbeit die Anliegen berücksichtigt werden». Zudem stünden sowohl der Stiftungsrat als auch er für persönliche Gespräche gerne zur Verfügung.

Zu den fehlenden Alternativen

«Weder an der Regel- noch der Sonderschule haben die Eltern eine Wahlmöglichkeit», sagt Schnegg. Die Kinder würden von der Schulpflege nach Wohnregion zugewiesen. «Die Eltern haben aber die Möglichkeit, die Zuweisung anzufechten.»

Zum Vorwurf, die Kinder würden «abgeschoben»

Dies sieht Schnegg anders. Der Standort Mumpf habe Vor- und Nachteile, ist er überzeugt. Das gelte aber für alle Schulstandorte. «Wir werden bei den weiteren Projektarbeiten alles daransetzen, Lösungen zu erarbeiten, um die Schwächen zu reduzieren.»

Dazu gehört auch, für die Schüler ein Umfeld zu schaffen, das eine Inklusion in die Gesellschaft unterstützt. Man denke bereits darüber nach, wie man Aktivitäten der Gemeinde und der umliegenden Vereine ins Schulhaus holen könne, so Schnegg.

Auch den von den Eltern befürchteten Kontaktabbruch zu Regelklassen dementiert der Geschäftsleiter. «Ich, die Geschäftsleitung und der Stiftungsrat werden uns dafür engagieren, dass die Kontaktpflege zur Regelschule durch Projektarbeiten und Anlässe weiterhin stattfinden wird.» Wo ein Wille sei, sei auch ein Weg.

Inklusion bedeute aber, gerade bei einer regionalen Institution, wie es die HPS sei, auch, dass die Kinder auch ausserhalb der Schule, zum Beispiel im eigenen Dorf, Kontakte habe, mahnt Schnegg.

Zum Vorwurf, man nehme das Schulhaus, weil es halt gerade frei sei

Das stimme nicht, sagt Schnegg. Die Stiftung und der Kanton hätten die Schulanlage «sorgfältig geprüft und als gute und zukunftsorientierte Lösung für die HPS Fricktal befunden».

Man stelle auch nicht, wie Eltern monieren, wirtschaftliche Aspekte über das Wohl der Schüler. «Ihr Wohl hat bei allen Entscheiden hohes Gewicht», so Schnegg.
Als Verantwortliche stünden sie in der Pflicht, bei jeglicher Entscheidfällung sämtliche Aspekte zu berücksichtigen.

«Aus meiner Sicht wurde der wirtschaftliche Aspekt nicht stärker gewichtet als das Wohl der Schülerinnen und Schüler.» Fakt sei gleichzeitig, dass der finanzielle Druck des Kantons und der Gemeinden stetig steige.

Anders als die Eltern, mit denen die AZ sprach, beurteilt Schnegg das Verständnis der Bevölkerung für einen Neubau. Ein solcher würde rund 22 Millionen Franken kosten. Rückmeldungen, die er, die Steuergruppe und Mitglieder des Stiftungsrates erhalten hätten, zeigten: «Der Steuerzahler hätte einen Neubau nicht verstanden.»

Zum Vorwurf, der Schulweg sei schlecht

Sicherheit und Behindertengerechtigkeit des Schulwegs würden in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung, der Regionalpolizei und der Gemeinde Mumpf überprüft und gegebenenfalls angepasst, verspricht Schnegg.

«Der Besichtigungstermin ist bereits geplant.» Gemäss Auskunft der Gemeinde wollten die SBB zudem die Bahnhofunterführung sanieren und einen Lift einbauen.

Zum Vorwurf, die Kinder würden Selbstständigkeit verlieren

Eltern monieren, dass die Kinder Dinge, die sie heute an der HPS Frick selbstständig tun – etwa im Dorf für die Kochschule einkaufen – in Mumpf nicht mehr tun könnten.

Schnegg erinnert daran, dass der Auftrag der HPS nicht ausschliesslich aus Einkaufen, Kochen und dem Kontakt mit der Regelschule bestehe. Dies seien sicher wichtige Elemente, aber es gebe weitere wichtige Elemente im Bildungsauftrag einer HPS.

Das Einkaufen in Stein oder in einer anderen Ortschaft wie Schupfart sei sicher nicht wie das Einkaufen in Frick, räumt Schnegg ein. Er kann dem Umstand, dass der Laden nicht im gleichen Dorf liegt, aber auch etwas Positives abgewinnen.

So könne beispielsweise das Benutzen des öVs trainiert werden, «was für Schülerinnen und Schüler, die in einer Ortschaft wohnen, die über keine Einkaufsmöglichkeit verfügt, ein Mehrwert wäre».

Zum Vorwurf, unter der Grösse leide die Qualität

Eine Schule mit rund 100 Schülern stelle die Qualität des Schulbetriebs nicht infrage, ist sich Schnegg sicher. Auch andere HPS im Kanton seien ähnlich gross – und funktionierten bestens.

Erfahrungen anderer Schulen dieser Grösse zeigten sogar, dass sich viele Vorteile bei der Qualität des Schulbetriebes ergeben würden. «Davon profitieren die Schülerinnen und Schüler direkt.»

Es würden Synergien entstehen, sei es bei der Erarbeitung von Konzepten oder Unterrichtsunterlagen, Stellvertretungen, in der Einsatzplanung, im täglichen Austausch sowie bei der Anschaffung von spezifischen Mitteln.

Für Schnegg ist deshalb klar: «Die neue, grössere Schule mit 100 Schülerinnen und Schülern sichert die mittel- bis langfristige Zukunft einer HPS im Fricktal.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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