Ich mag Jahresrückblicke. Zwischen Weihnachten und Neujahr findet man sie jeweils auf allen Medienkanälen. Ich zappe dann durch die Fernseh- und Radioprogramme und besorge mir auch Zeitungen, die ich das Jahr hindurch meide, nur um mir die Highlights des zu Ende gehenden Jahres noch einmal genüsslich vor Augen zu führen. Dabei interessieren mich neue royale Verbandelungen und deren Nachfolgeproduktion ebenso wenig wie Unglücksfälle und Verbrechen. Es ist vielmehr die Rückschau auf das Politik- und Sportgeschehen, das mich zum Jahresende nochmals in seinen Bann zieht.

Sowohl im Sport wie auch in der Politik war 2018 einiges los. Denken wir an die Eskapaden des Donald Trump, den aussichtslosen Kampf von Emmanuel Macron mit den Gelbwesten oder die schrittweise Demontage von Angela Merkel. Auch die Bundesratswahlen mit der damit einhergehenden Geschlechterfrage beschäftigten die Autoren der Rückblicke. Und im Fricktal wurden schon im ersten Jahr der neuen Amtsperiode Gemeinderatsvakanzen vermeldet. Am meisten faszinierten mich jedoch die erfolgreichen Schweizer Sportlerinnen und Sportler in den kompakten 2018er-Zusammenfassungen. Der vierte Sieg von Daniela Ryf beim Ironman Hawaii trotz schmerzhaftem Kontakt mit einer Feuerqualle, der sensationelle Gewinn der Silbermedaille der Eishockeyaner an der Weltmeisterschaft in Kopenhagen und das gute Abschneiden der Skifahrer und Langläufer an den Olympischen Winterspielen liessen das Herz noch einmal höher schlagen. Dazu gehörten auch die emotionalen Momente, wie die Freudentränen von Lea Sprunger nach ihrem Start-Ziel-Sieg im 400-Meter-Hürden-Lauf oder der ausgeflippte Kommentar von Alex Wilson nach seinem Gewinn der Bronzemedaille über 200 Meter an den Leichtathletik-Europameisterschaften. Ebenfalls so richtig eingefahren ist die Geschichte mit Torhüter-Oldie Marco Wölfli. Der Ersatzkeeper der Berner Young Boys musste lange Zeit untendurch. In der Schlussphase der Fussballmeisterschaft durfte er einspringen. Wölfli brillierte in den entscheidenden Spielen und wurde zu Recht als Held gefeiert.

Auch unsere Fussball-Nationalmannschaft fehlte in keinem Jahresrückblick. Im Fokus der Rückschauen standen allerdings weniger die sportlichen Ergebnisse als vielmehr die Doppeladler-Gesten von Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Stefan Lichtsteiner im Spiel gegen Serbien. Wir erinnern uns: Die Hände werden vor der Brust übereinandergelegt und die beiden Daumen ineinanderverhakt. Die Finger bewegen sich auf und ab. Der Doppeladler aus dem Wappen Albaniens. Nicht nur die im Spiel unterlegenen Serben waren verärgert, auch in der Schweiz löste die Geste im letzten Sommer eine landesweite Aufregung aus. Auch bei mir. Ich gebe es heute zu, ich stimmte in den Chor jener ein, die schärfste Sanktionen verlangten. Ich vertrat diese Meinung am Stammtisch ebenso laut, wie ich die Infragestellung der Doppelbürgerschaften durch den Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes begrüsste.

Mit etwas zeitlicher Distanz und nach einer Australienreise habe ich meine Haltung korrigieren müssen. Wieso dieser Sinneswandel? Und was hat das mit Australien zu tun? Wohlverstanden, ich finde immer noch, dass das Verhalten von Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner saudumm war. Ich erwarte von den Millionären in kurzen Hosen, dass ihr Grips nicht nur für die rasche und perfekte Umstellung des Spielsystems von 4-4-2 auf 4-3-3 ausreicht. Ihr Verstand müsste eigentlich auch in der Lage sein, solche unnötigen Provokationen zu vermeiden.

Deutlich revidiert habe ich meine Meinung zu den Doppelbürgerschaften. Der dreimonatige Australienaufenthalt im Herbst galt dem Besuch der Familie meiner Tochter. Sie ist australisch-schweizerische Doppelbürgerin. Auch ihr gut dreijähriger Sohn Jake hat beide Pässe. Er ist in Australien geboren und spricht wie seine Mutter neben Englisch lupenreines Schweizerdeutsch. Irgendwie habe ich in dieser Familie gespürt, dass man sehr wohl in zwei Kulturen zuhause sein kann. Ja, man kann zwei Heimaten haben. Und damit rechtfertigen sich auch die Doppelbürgerschaften.

Der Vater unseres Enkels ist Australier und leidenschaftlicher Wellenreiter. Er hat seinem Sohn zum Geburtstag ein Surfbrett geschenkt. Ich werde schon mal nach einer Skiausrüstung für Jake Ausschau halten. Oder soll ich ihm ein Paar Schwingerhosen besorgen?

*Hansueli Bühler war 24 Jahre lang Gemeindeammann von Stein. Er sass für die FDP 7 Jahre im Grossrat und präsidierte den Planungsverband Fricktal Regio von 2005 bis 2016.