Unterwegs

«Du hast es mir nicht leicht gemacht» – Hannes Burger erzählt vom Pilgern auf dem Jakobsweg

Die Pilgergruppe aus dem Fricktal vor der Kathedrale in Santiago de Compostela Marianne Schraner (v.l.), Hannes Burger, Edwin Rüede, Sabine Rüede, Jaqueline Weiss und Stadtammann Herbert Weiss.

Die Pilgergruppe aus dem Fricktal vor der Kathedrale in Santiago de Compostela Marianne Schraner (v.l.), Hannes Burger, Edwin Rüede, Sabine Rüede, Jaqueline Weiss und Stadtammann Herbert Weiss.

Alt Stadtrat Hannes Burger pilgerte in einer Gruppe auf dem Jakobsweg. Die hat Pilgergruppe insgesamt 2154,2 Kilometer auf dem Jakobsweg von Romont nach Santiago de Compostela zurückgelegt. Sie machte den Weg in neun rund zweiwöchigen Etappen.

Es sind ebenso eindringliche wie persönliche Worte, die Hannes Burger am 23. September 2016 in Laredo an der spanischen Küste auf ein Blatt Papier kritzelt. Es sind Worte eines Zweifelnden, eines Hoffenden, eines Scherzerfüllten.

Seit zehn Tagen pilgert der ehemalige Laufenburger Stadtrat mit seiner Gruppe auf dem Jakobsweg. Pilgert wieder, muss man sagen, denn zusammen hat die stets etwa zehnköpfige Gruppe aus dem Fricktal bereits sechs Etappen auf dem Camino del Norte, einem nicht ganz so stark frequentierten Jakobsweg, absolviert. Die siebte Etappe, auf der sie 2016 unterwegs sind, führt von Irun nach Santander. 262.9 Kilometer in 14 Tagen.

Fast 1500 Kilometer haben die Pilger aus dem Fricktal zu diesem Zeitpunkt seit dem Pilgerstart 2010 in Romont in den Füssen; knapp 600 liegen noch vor ihnen, die sie bis 2018 gehen wollen.

«Schmerzen im Knie, Abstiege, die mich an Grenzen brachten»

Und dann das. Heftige Schmerzen im Knie, heftige Schmerzen im Rücken. Kaum an Schlaf zu denken. Verdacht auf eine Nierenentzündung.

«St. Jakobus», kritzelt Burger also an jenem 23. September auf das Papier, «so nahe war ich Dir noch nie. Du hast es mir nicht leicht gemacht, mich zu führen war auch für Dich nicht leicht. Schmerzen im Knie, Abstiege, die mich an Grenzen brachten. Dies zeigtest Du mir, indem ich kaum mehr gehen konnte. Schmerzen im Rücken, indem ich kaum mehr schlafen konnte. Das Aufstehen vom Bett, Du hast es mir nicht leicht gemacht.»

Burger beisst durch, lässt den zehn Kilogramm schweren Rucksack auf den letzten Abschnitten von Hotel zu Hotel transportieren, läuft weiter, kommt an. Er ist überglücklich – und nimmt von Jakobus mit, «dass du von mir nicht erwartest, dass ich möglichst schnell zur Dir nach Santiago komme».

In diesem Jahr war er zusammen mit seiner Gruppe bei ihm, Jakobus, in Santiago de Compostela. Und das mit einem neuen Knie. Im letzten November wurde es ihm eingesetzt. Seither hat er «mit eiserner Disziplin» trainiert, Tag für Tag, unermüdlich, damit er für die letzte Pilgeretappe im September wieder fit ist. Die 255 Kilometer seien nahrhaft gewesen, sagt er, lacht. «Das Schlimmste waren die letzten knapp 100 Kilometer. Das war ein Frust.»

Nicht wegen dem Knie, das hielt gut durch. Sondern weil der Camino del Norte auf den letzten Kilometern in die Haupt-Pilgerachse einmündet. «Das war eine riesige Völkerwanderung», sagt Burger. Nicht sein Ding. Das Pilgerzertifikat, das jeder bekommt, der die letzten 100 Kilometer bis Santiago de Compostela gelaufen ist («deshalb waren da so viele unterwegs»), hat er denn auch nicht, wie andere, gerahmt und aufgehängt. «Das Zertifikat bedeutet mir nicht so viel. Mit ist das wichtig, was ich von der Pilgerreise in mir trage.»

Die Frage nach dem Beten

In sich trägt er auch Santiago de Compostela. Es sei «eine wunderschöne Stadt», erzählt Burger. Sie hat ihn ebenso beeindruckt wie die Messe in der Kathedrale. «Wer einen Platz haben will, muss gut eine Stunde vor der Messe da sein», so Burger.

Beeindruckt hat ihn aber auch etwas, was nicht da war: die Händler. «Der ganze Platz vor der Kathedrale ist händlerfrei», so Burger. «Das hätte ich so nicht erwartet.»

Wie er zusammen mit seiner Gruppe in der Kathedrale sass, dem riesigen Weihrauchfass, das quer durch den Raum geschwungen wird, zuschaute, spürte er schon auch Stolz und eine innere Genugtuung, es geschafft zu haben. Angekommen zu sein. In Compostela. In sich.

Rückblick. 2010 erzählte ihm Dieter Deiss von der geplanten Pilgerreise, fragte, ob er sich der Gruppe nicht anschliessen wolle. Burger lacht, wie er daran zurückdenkt. «Ich sagte: Ich komme mit, wenn ich nicht so viel beten muss.» Er musste nicht. Er sei nicht aus religiösen Gründen mitgegangen, sondern weil er das Laufen liebe. «Ich war schon immer ein Bewegungsmensch.» Früher ging er joggen, machte Orientierungslauf und Langlauf. Heute nimmt er es etwas ruhiger, geht regelmässig ins Fitness und wandert «für mein Leben gern».

Geschichte und Geschichten faszinieren 

Dieses Unterwegssein gemeinsam zu erleben, ein Ziel zu haben, sei wunderschön gewesen. Wieder schmunzelt er. «Aber auch nicht immer ganz einfach.» Denn beim gemeinsamen Pilgern müsse man Rücksicht auf die anderen nehmen, könne den Weg und die Pausen nicht so einteilen, wie man es alleine tun würde.

Nicht selten wäre er gerne an einem Ort noch etwas länger geblieben. Um die Stadt zu erkunden, um ihre Geschichte zu erforschen. Denn Geschichte und Geschichten faszinieren ihn, den Präsidenten des Museumsvereins Laufenburg, mindestens so sehr wie das Unterwegssein. Wieder lacht er. «Ich bin dann vor zwei Jahren einen Grossteil der Strecke nochmals mit dem Auto abgefahren und habe mir die Orte genauer angeschaut.»

Auch wenn das Religiöse für ihn nicht ausschlaggebend war, so gaben ihm die besinnlichen Momente, das Meditieren, das Schweigen doch sehr viel. Und das Singen. «Wir haben unterwegs viel gesungen und oftmals hörten uns andere Pilger zu.» An eine Szene erinnert er sich noch, als wäre sie gestern gewesen. Die Gruppe aus dem Fricktal machte auf einem freien Feld Halt, stellte sich auf, sang. Immer mehr Pilger hörten ihnen zu. Dann, als sie weiterliefen, bildeten die anderen eine Gasse und standen mit den gehobenen Wanderstöcken Spalier. «Das war gigantisch.»

«Altersgemässes Pilgern»

Sie seien eine Super-Gruppe gewesen, blickt Burger auf die neun rund zweiwöchigen Pilger-Fussreisen zurück, und sie hätten es zusammen wirklich toll gehabt. Wieder macht sich auf seinem Gesicht das für ihn typische, schelmisch-spitzbübische Grinsen breit. Natürlich habe es ab und an auch kleinere Konflikte gegeben, das gehöre dazu, erzählt er. «Zum Beispiel wegen des Schnarchens.»

Übernachtet hat die Gruppe meist in Hotels. In Pilgerherbergen nur, wenn es nicht anders ging. So gehe eben «altersgemässes Pilgern», meint Burger schmunzelnd und erzählt die eine oder andere WC-(Papier-) Episode aus den Pilgerherbergen.

«Was man zum Pilgern mitnimmt?», wiederholt er die Frage, klaubt eine Checkliste hervor und list vor. Socken, Ersatzhose, Regenhose, Ersatzunterwäsche. «Viel braucht man nicht, denn man wäscht beispielsweise die Unterwäsche jeweils am Abend aus. Die trocknet bis am nächsten Morgen.»

Pilgern auch in der Schweiz möglich

Burger hat auf dem Jakobsweg einiges gelernt. Über sich, das Leben, das Tempo. «Ich bin ruhiger geworden», sagt er. Wieder lacht er. «Und ich habe verinnerlicht, dass das Wandern kein Wettkampf ist.»

Für ihn, der zwischen 2011 und 2016 zusätzlich alleine in der Schweiz und in Deutschland pilgerte, ist das Kapitel Jakobsweg nun abgeschlossen. Er werde zwar weiter wandern, das sei Teil von ihm, sagt er. Aber nicht mehr unbedingt auf den Jakobswegen dieser Welt. Es gebe genügend andere schöne Wege, gerade auch in der Schweiz. Sein Tipp an alle, die anfangen wollen, zu pilgern: «Die Schweiz bietet wunderschöne Pilgerabschnitte. Hier zu pilgern, hat den Vorteil, dass man nicht weit reisen muss und das man mit kleineren Etappen anfangen kann.»

Freitag, 23. September 2016. Hannes Burger hat den Brief an Jakobus fertig geschrieben. «Du zeigtest mir den Weg und ich muss akzeptieren, auf Deine Stimme zu hören», steht da. Und: «Danke Jakobus.»

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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