Mettauertal

Ein kleines Stück heile Welt – Seraina Manzanell lebt einen schönen Traum

Auf dem Lebenshof von Seraina Manzanell leben aktuell 27 Tiere – einige für immer, andere vorübergehend.

Auf dem Lebenshof von Seraina Manzanell leben aktuell 27 Tiere – einige für immer, andere vorübergehend.

Seraina Manzanell betreibt in Mettauertal seit fünf Jahren ihren Lebenshof Aiavita. Er ist ein Rückzugsort, wo Mensch und Tier heilen können.

Am Anfang steht ein Traum. Ein schöner Traum ist es, ein guter auch, einer, in dem Mensch und Tier einen geschützten Ort vorfinden, einen Ort zum Leben, zum Heilen, zum Verweilen, die einen kürzer, andere länger. Ein Ort, an dem sich Mensch und Tier geborgen fühlen, geborgen sind, gesunden können, zu Hause sind, auf Zeit, mit Zeit.

Seraina Manzanell lebt diesen Traum – oder besser: Sie hat ihm das Leben geschenkt, hat das, was andere eine Utopie nennen würden, zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Seit fünf Jahren führt sie im Mettauertal ihren Lebenshof.

Lautstarke Begrüssung

Der Name ist Programm, Aiavita, ein geschützter Ort zum Leben. Es ist ein Ort, «an dem Menschen und Tiere vorübergehend landen können, die einen länger, die anderen kürzer und ein paar auch für immer», umschreibt Manzanell die Idee. Der Hof ist «ein kleines Stück heile Welt, in der sich Mensch und Tier gegenseitig guttun».

Es ist ein Ort, an dem man lautstark begrüsst wird von den vier Hunden, die hier leben, allesamt mit einer besonderen, zum Teil auch schwierigen Biografie. Manzanell liebt Herausforderungen, sucht sie wohl auch, das zeigt sich im Gespräch schnell.

Den Hof mitten im Ortsteil Wil hat sie vor fünf Jahren gekauft, vorher war sie mit ihrem Lebenshof zur Miete, was mit so vielen Tieren nicht einfach war. Sie habe den Hof mit Freunden und Bekannten «kernsaniert», sagt die 41-Jährige, blickt sich um, lacht. «Zu tun gibt es noch viel.»

Die Idee zum Lebenshof liegt weit zurück und hat auch viel mit ihrem Leben und ihrem Aufwachsen zu tun. Bereits ihre Eltern hätten Tiere aufgenommen, gesund gepäppelt und auch Kinder, die Familienanschluss brauchten, fanden diesen im Hause Manzanell. Dieses Helfer-Gen übertrug sich auf Seraina und schon viele Jahre, bevor sie ihren Lebenshof gründete, nahm sie Mensch und Tier, die in Not waren, bei sich auf.

Es gibt hier auch Wildtiere

Daraus habe sich die Idee entwickelt, ganz dafür zu leben. Die Frage nach dem Wieso beantwortet Manzanell mit einem Vergleich. «Einem Hobby frönt man, wenn man Lust dazu hat. Bei einer Passion dagegen fragt man nicht, sondern macht einfach.» Es sei keine Kopfsache, komme tief von innen, aus dem Herzen, «ich kann einfach nicht anders».

Was Manzanell auf ihrem Hof anbietet, ist vielschichtig, so wie das Leben. Da sind die Tiere, die für immer hier sind, die gekommen sind, um zu bleiben. Dies ist durchaus auch wörtlich zu nehmen, denn nicht selten kommen die (Wild-)Tiere zu ihr. Einmal lag ein verletzter Fuchs auf dem Hof, den sie dann gesund pflegte. Einmal, in den Ferien am Meer, watschelte eine kranke Möwe zum Camper. Auch ihr half die gebürtige Churerin.

Gesetzesänderung ­erschwert die Arbeit

Da sind die Tiere, die vorübergehend auf dem Hof leben, weil sie ein neues Zuhause suchen. Derzeit erschwert ihr das Vermitteln eine Gesetzesänderung, wonach jeder, der Tiere vermittelt, eine Handelsbewilligung braucht. Die hat sie nicht, ob sie sie beantragen wird, ist noch unklar. In dem Gesetz gingen die Landwirte vergessen. Sie sei «mit dem Kanton in Abklärung», ob ihre landwirtschaftliche Ausbildung anerkannt wird. Sie vermittelt deshalb im Moment keine Katzen und die wenigen Tiere, die sie im Moment dennoch aufnimmt, sind Notfälle. Vermittelt werden dürften sie nur, ohne eine Schutzgebühr zu verlangen und auf Spenden zu hoffen. Das ist in mehrfacher Hinsicht problematisch.

Katzen in Not weist sie nicht ab, wie kein Tier, auch wenn jedes Tier, das sie aufnimmt, kostet. Sie habe Platz, aber ihre Finanzen seien beschränkt, sagt sie. Gerade bei Notfällen, alten und kranken Tieren kämen aber schnell grosse Beträge zusammen. «Deshalb kann ich derzeit nur Tiere aufnehmen, die einen Paten haben.» In der Theorie zumindest, denn wenn sie in traurige Augen blickt, wenn jemand anruft und sagt, er oder sie könne nicht anders, der Schusstermin für das Pferd stehe bereits, saust sie los. Sie kann nicht anders.

Längst nicht jedes Tier, um das sie sich kümmert, für das sie einen Platz sucht, kommt auch zu ihr auf den Hof. In den letzten Jahren hat sie rund 80 Pferde platziert, 15 lebten vorübergehend auf dem Hof. «Der grösste Teil der Tierschutzarbeit findet fast unsichtbar statt», sagt sie.

Aufklärung, Beratung, Unter­stützung. Oft hilft es bereits, den Menschen, die sich an sie wenden, die Garantie zu geben, dass sie das Tier aufnehmen würde. «Das nimmt den Druck und öffnet oft den Weg für eine gute Lösung.» Dabei hat sie festgestellt: Das Tier zu «übersetzen», sein Verhalten, seine Art dem Menschen verständlich zu machen, «ist ein wichtiger Teil im Tierschutz». In Problemkonstel- lationen muss oft zuerst der Mensch stabilisiert werden, dann stabilisiert sich das Tier.

Tiere sind oft Teil der ­Therapie von Menschen

Die Beratung von Menschen ist ihr zweites Standbein. Manzanell hat sich intensiv weitergebildet und bietet ein breites Therapieangebot an. Auch hier spielen Tiere oft eine Rolle. Sie sind Teil der Therapie, interagieren mit den Menschen – wann sie wollen und soweit sie wollen. «Die Tiere bringen sich in ihrem Rahmen ein und unterstützen mit ihrer Anwesenheit, ihrer Kraft, ihrem Vertrauen und ihrer feinen Sensorik die Menschen in ihren Prozessen», so Manzanell.

Als drittes Standbein, zur Querfinanzierung des Tierschutzes, wie sie sagt, malt die Wahl-Fricktalerin. Vor allem, wenig erstaunlich, Tierporträts.

Seraina Manzanell lebt ihren Traum – und träumt noch ein bisschen weiter. Von helfenden, handwerklich geschickten Händen – ein Aussengehege für die aktuell 15 Katzen harrt der Ausführung –, von einer Vertretung, damit sie auch mal weg kann.

Ihr ganz grosser Traum ist ein eigener Bauernhof mit ein bis zehn Hektaren Land, etwas abseits gelegen, wegen der Tiere. Am Anfang steht der Traum.

Am 6. September öffnet Seraina Manzanell im Rahmen des Lebenshoftags von 11 bis 17 Uhr ihre Türen. Infos und Anmeldung unter lebenshoftag.ch.

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