Es sind zwei «T», die fast bei jedem Gespräch, das die AZ mit Fricktalern zum abrupten Ende des Circus Nock führt, fallen: tragisch und traurig. Es stimmt traurig, dass es den ältesten Wanderzirkus der Schweiz seit dieser Woche nicht mehr gibt, dass ein Stück Brauchtum und Kultur wegbricht; und es sei tragisch, dass am Montag über das Traditionsunternehmen aus Oeschgen der Konkurs eröffnet werden musste, gerade auch, weil es die Familie Nock trifft, eine Familie, die von denen, die sie kennt, als sympathisch und empathisch beschrieben wird. Sie hat gekämpft und bis zuletzt gehofft. Vergeblich, wie sich nun zeigt.

Wie lange das Konkursverfahren dauern wird und wie es ausgeht, lässt sich laut Patrick Ammann vom zuständigen Konkursamt derzeit noch nicht sagen (siehe Box unten).

Nach dem Wunsch für die Familien Nock gefragt, tönt es bei den Befragten stets ähnlich. Dass sie ihren Weg finden. Oder wie es der Fricker Confiseur und Zirkus-Fan Markus Kunz formuliert: «Dass sie die Glücksgefühle, die sie im Zirkuszelt all die Jahre über hatten, in Zukunft wieder erleben können.» Es werde für die Familienmitglieder nicht einfach werden, befürchtet er. Er wünscht ihnen, dass sie in einem Bereich Fuss fassen können, der ihnen eine ähnliche Befriedigung gibt, wie es das Zirkusleben tat.

Kunz erinnert sich gerne an die Abende im Nock-Chapiteau zurück. Er sei, wenn irgendwie möglich, immer an der Premiere dabeigewesen. «Der Circus Nock war Teil unserer regionalen Wirtschaft und die habe ich gerne unterstützt.» In den zehn Jahren, in denen er Präsident des Gewerbes Region Frick-Laufenburg war, habe er bei der Jahresplanung denn auch immer strikt darauf geachtet, dass am Premierenwochenende kein Gewerbeanlass stattgefunden habe.

An eine Premiere erinnert sich Kunz noch besonders. Im Vorzelt traf er Regierungsrat Alex Hürzeler. Der SVPPolitiker fragte ihn, wo er sitze. Kunz zeigte au eine Reihe hinten im Zelt. Da lud ihn Hürzeler, der noch ein Billett übrig hatte, zu sich in die Loge ein. Schräg vis-à-vis sass an diesem Abend in einer anderen Loge der legendäre Volksschauspieler Walter Roderer. «Ich beobachtete ihn und musste schmunzeln, wie Roderer mitging und sich immer wieder vor Lachen kaum Halten konnte», erzählt Kunz. Es habe ihn an Charlie Chaplin erinnert, von dem man sagt, dass er bei den Vorstellungen im «Knie» jeweils wieder zum Kind geworden sei. «Nach der Premiere wurde Roderer stilvoll im Bentley abgeholt», erinnert sich Kunz. Zwei Welten in einer.

«Der Circus Nock war ein Aushängeschild für das Fricktal», ist Kunz überzeugt. Für ihn ist es ein herber kultureller Verlust, dass es den Nock nun nicht mehr gibt. Er überlegt kurz, fügt dann einen Satz hinzu, den man in diesen Tagen auch immer wieder zu hören bekommt: «Man merkt erst, wenn etwas nicht mehr da ist, was es für einen selber und für die Region bedeutet hat.»

Das Highlight für die Schüler

Viel hat der Circus Nock auch René Sommer bedeutet. Er war von 1983 bis 2014 Schulleiter der Heilpädagogischen Sonderschule (HPS) in Frick. Die Schule befindet sich gleich hinter der Zirkuswiese auf der Ebnet, dort also, wo er Circus Nock sein Chapiteau jeweils rund zwei Wochen vor der Premiere aufbaute und dem Programm den letzten Schliff verpasste. «Wir marschierten jeweils durch den werdenden Zirkus», sagt Sommer, der heute als Schriftsteller im Baselbiet lebt. «Der Zirkus war ein fester Bestandteil unseres Jahresprogramms. Für die Kinder war er das Highlight», erinnert sich Sommer. Er beschreibt die Zirkusfamilie als «Super-Nachbarn» und die Familie Nock als offen und zuvorkommend. «Sie nahmen sich immer Zeit, alle Fragen der Schüler zu beantworten, reagierten gelassen und freundlich, auch wenn unsere Schüler einmal im Weg standen.» Auch, dass die Zirkusdirektion der HPS immer Plätze ganz vorne bei der Manege gegeben habe, rechnet Sommer der Familie hoch an. «Es sind schöne Erinnerungen.»

Solche hat auch Markus Obrist – und dies gleich doppelt. Der Leiter der Tissa Marketing Frick GmbH und Schulleiter von Münchwilen wuchs direkt beim Bahnhof auf. Regelmässig fuhren hier besondere Waggons vor: Jene des Circus Knie, der damals noch per Zug von Ort zu Ort reiste und regelmässig auch in Frick gastierte. «Die Bilder, wie die Elefanten aus den Waggons ausgeladen wurden und von Franco Knie durch das Dorf geführt wurden, werde ich nie vergessen.»

Der Traum von der Tournee

Fast noch mehr schlug sein Herz aber für den Circus Nock. «Die Familie faszinierte mich.» Er lacht. «Als Jugendlicher war es ein kleiner Traum von mir, mit dem Circus Nock eine Saison lang auf Tournee zu gehen», erzählt er, stockt kurz, fügt dann hinzu: «Einmal war ich ganz nahe davor, anzuklopfen.» Das war, als er etwa 16 Jahre alt war. Als Artist hätte er sich nicht gesehen, fügt er hinzu, aber die Pressearbeit hätte er gerne gemacht. Er schmunzelt. «Das Fernweh packte mich manchmal, wenn ich den Töchtern Nock im Dorf begegnet bin.» Sie waren im ähnlichen Alter wie Obrist und besuchten in der Winterpause auch die Schule in Frick. Er spricht von einem weinenden Auge, das er neben dem lachenden stets für den Circus Nock übrig gehabt habe. «Er war hinter dem Knie stets die Nummer zwei und ihm wurde deshalb oft nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die er verdient hatte», sagt Obrist, der findet: «Er war ein toller Zirkus.»

Als Schulleiter war es ihm immer wichtig, den Schülern zu ermöglichen, in den Zirkus zu gehen. «Die Schüler waren enttäuscht, dass der Nock in diesem Frühling nicht kam – und sie freuten sich schon auf den Sommer.» Denn Ende Juni wollte der Circus Nock in eine verkürzte Saison 2019 starten, um Kräfte zu sparen für das Jubiläumsjahr 2020. Dann hätte der älteste Zirkus der Schweiz sein 160-Jahr-Jubiläum feiern können. Hätte.

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