Möhlin
Engagement für Menschen in Rumänien: «Armut nicht das Schlimmste»

Ein Kindergarten, eine Bäckerei oder ein Brunnen: Seit Jahren setzt sich Lisbeth Brogli aus Möhlin für die Menschen im rumänischen Falcâu ein.

Susanne Hörth
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Lisbeth Brogli: «Nie hatte ich in all den Jahren das Gefühl, den Leuten etwas beibringen zu müssen.»

Lisbeth Brogli: «Nie hatte ich in all den Jahren das Gefühl, den Leuten etwas beibringen zu müssen.»

Susanne Hörth

Hilfe zur Selbsthilfe. Drei Worte, hinter denen ganz viel steckt, Worte aber auch, die unterschiedlicher nicht interpretiert werden können. Für Lisbeth Brogli aus Möhlin bedeutet diese Art der Freiwilligenarbeit «Gemeinsam und immer auf Augenhöhe mit den Menschen, denen Unterstützung angeboten wird, etwas bewegen und etwas erreichen.»

Dafür braucht es «viel Energie, viel Substanz, viel Aushalten und viel Durchhalten». Wenn dann Hilfe zur Selbsthilfe auch tatsächlich in die Wirklichkeit geholt werden kann, «dann ist das ganz einfach viel Freude».

Seit mehr als 12 Jahren setzt sich Lisbeth Brogli für die Menschen im rumänischen Falcâu ein. Begonnen hatte alles mit einem Satz. «Ein Kindergarten für unsere vielen Dorfkinder wäre wunderbar», sagte der Dolmetscher auf einer Reise durch Rumänien. Das Wunderbare fassbar zu machen, war für die heute pensionierte Lehrerin Lisbeth Brogli ein grosses Anliegen. Sie rief zu Spenden auf und gründete die Stiftung Kindergarten und Forum Falcâu.

Zum ersten Projekt von Lisbeth Brogli gehörte ein Kindergartenbau. Heute spielen hier die Dorfkinder von Falcâu.

Zum ersten Projekt von Lisbeth Brogli gehörte ein Kindergartenbau. Heute spielen hier die Dorfkinder von Falcâu.

zvg

Längst ist der Kindergarten vom Lachen der vielen Dorfkinder erfüllt. Dass er gebaut werden konnte, ist ein Verdienst aller. Die Leute im Dorf waren immer Teil des Projektes. «Es ist ganz wichtig, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, miteinander etwas bewirken», sagt die Fricktalerin, die 2013 mit dem AKF-Frauenpreis ausgezeichnet worden war.

Aus dem Kindergartenprojekt, den vielen Begegnungen, Kontakten, Auseinandersetzungen, dem sich Finden und dem miteinander Weitergehen ist mittlerweile ein gutes Geflecht mit vielen weiteren wahr gewordenen Ideen entstanden. Dazu zählen die Bäckerei, der Mandolinen-Musikunterricht, der Dorfbrunnen, die WC-Anlagen für die Schule, die kleine Handmosterei. Dazwischen sorgen ganz viele kleine Projekte weiter dafür, dass das Geflecht kleinmaschig und sehr tragfähig ist.

Fehlendes Selbstwertgefühl

«Die Armut ist nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist die verlorene Menschenwürde», sagt Lisbeth Brogli. Eigene Meinungen zu haben, diese gar zu äussern, gab es lange nicht. Das Selbstwertgefühl fehle bei ganz vielen Leuten gänzlich. Entsprechend gibt es auch keine gesunde Streitkultur. «Ich habe einmal dem Bürgermeister gesagt, dass ich ihm beim Beschaffen eines Müllautos nicht helfen kann. Er war bei einem späteren Projekt, einem Armenhaus, komplett überrascht, dass wir miteinander reden und etwas realisieren können. Für ihn war klar, dass ich nach meiner Absage mit ihm nichts mehr zu tun haben möchte.»

Um die Leute zu verstehen, gemeinsam mit ihnen etwas zu bewirken, braucht es das Direkte. Dieses Direkte erfährt Lisbeth Brogli durch die vielen Aufenthalte in Falcâu. Sie lebt dann gleich wie die Menschen dort, gehört dazu.

Ab wann funktioniert Hilfe zur Selbsthilfe? «Ab dann, wenn alle in alle Projekte involviert sind.» Lisbeth Brogli weiss, dass mit diesem Mitdabeisein die Menschen selbstständiger werden, an Selbstbewusstsein gewinnen. «Nie hatte ich in all den Jahren das Gefühl, den Leuten etwas beibringen zu müssen. Wir sind uns stets auf der gleichen Augenhöhe begegnet.»

Sie ist überzeugt, dass die Abhängigkeit bleibt, wenn man «nur» gibt. Die Menschen, denen man Unterstützung anbietet und sie dabei auch begleitet, entwickeln sich mit ihren Projekten. Ein Beispiel: «Der Bäckereiofen muss ersetzt werden. Ich hätte jetzt ja dafür schauen können.»

Aber: «Der Bäcker wollte das alleine machen. Er hat sich überall erkundigt, zwischendurch bei mir um Rat gefragt, aber immer mit dem Ziel, den Ofen selbst zu finden.» Das ist ihm dann auch gelungen. Es brauchte dafür einfach Zeit. «Sicher hätte ich es schneller als die von ihm benötigten sechs Monate machen können. Aber er hat es geschafft», ist Lisbeth Brogli stolz.

Stolz wie auch auf Elsa, die nach einem durch die Stiftung bezahlten Coiffeurkurs einen kleinen Raum allein hergerichtet hat. Ein Ort, an dem nun künftig nicht nur Haare geschnitten und gewaschen werden, sondern auch ein weiteres Wunschprojekt, die Bildung einer Frauengruppe, einen guten Boden zum Gedeihen finden wird.

«Wenn ich sehe, dass es funktioniert und ich loslassen kann, ist das meine grösste Freude», strahlt Lisbeth Brogli. Der Weg zu diesem Loslassen geht aber nur, wenn die Menschen ernst genommen werden und ihnen auch etwas zugemutet wird.

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