Kaiseraugst

Er unterstützt Geflüchtete – und gibt was er im Leben erhalten hat zurück

Bei der Arbeit von Michael Bock (rechts) mit Geflüchteten ist viel kulturelle Kompetenz nötig.

Bei der Arbeit von Michael Bock (rechts) mit Geflüchteten ist viel kulturelle Kompetenz nötig.

Michael Bock, ehemaliger Manager des Pharma-Konzerns Bayer, berät im Verein Freiwilligenarbeit Kaiseraugst Geflüchtete. Zudem ist er selbstständiger Berater und Coach auf Bezahlbasis.

Aufgewachsen ist er in Berlin, im roten Wedding, dem Arbeiterviertel, in der Nähe der Mauer. «Als die Mauer 1961 aufgezogen wurde», erinnert er sich, «winkten wir rüber zur Freundin meines Grossvaters. Sie musste auf der anderen Seite bleiben.» In Berlin absolvierte er die Grundschule und das Lessing- Gymnasium. Und weil, wie er lachend erzählt, die Berliner dazu neigen, in Berlin zu bleiben, studierte er auch dort. Ursprünglich wollte er sich in Zoologie immatrikulieren. Sein Jugendtraum war, Nachfolger des berühmten Tierforschers Professor Grzimek zu werden, doch dann stellte er fest, dass man da nur viel Stoff auswendig lernen muss. Chemie, «eine Naturwissenschaft mit logischen Ansätzen und Herleitungen von Zusammenhängen», interessierte ihn mehr.

Wollte nach Studienabschluss bei Scherin anheuern

Michael Bock erzählt humorvoll und höchst unterhaltsam, selbstironisch, bescheiden. Die Pointen folgen in hoher Kadenz. Dauernd nimmt er sich selbst auf die Schippe. Dass er doktoriert hat, ist ihm nicht der Rede wert, dafür schildert er ausführlich seine Sportkarriere. In der Freizeit fuhr er Kanu, wie schon seine Eltern, die sich im Kanu-Verein kennen gelernt hatten, doch habe er immer Angst gehabt, aus dem wackligen Boot zu fallen. Er sei dann halt Trainer geworden und später Vorsitzender der Kanu-Abteilung in Berlins ältestem Turnverein.

Nach Studienabschluss wollte er bei Schering anheuern, «die sind für den Verkauf der Pille bekannt». Das erste Mal klappte es nicht, weil der Produktionsleiter Vorstandsmitglied bei Hertha BSC war, Michael Bock aber von Fussball keine Ahnung hatte. Das zweite Mal traf er beim Bewerbungs­gespräch auf einen Abteilungsleiter, der ebenfalls am Lessing-Gymnasium Abitur gemacht hatte, man sprach über gemeinsame Lehrer, da bekam er die Stelle.

Zehn Jahre war er bei dem Konzern in der Qualitätskon­trolle tätig, dann wechselte er ins Projektmanagement. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, der grösste Sprung seiner Karriere. Er habe dabei viel gelernt, besonders Teams zu leiten mit unterschiedlichen Interessen und Aufgaben, Kulturen und Persönlichkeiten.

Sushi und Sauerkraut als Vortragsthema

Gelernt hat Michael Bock vor allem, Japan zu verstehen, wo man mehrere Produkte auf den Markt brachte. «Nicht die Sprache, da sagte mir die Lehrerin nach vier Jahren resigniert, sie habe jetzt einen anderen Auftrag.» Aber in dieser Art indirekter Rede – die Lehrerin wollte ihm offenbar nicht auf den Kopf zusagen, dass er keine Fortschritte mache – kommt eine der kulturellen Differenzen zum Ausdruck, auf die Bock sich mit der Zeit spezialisierte.

Das Thema eines seiner Vorträge lautete: «Sushi und Sauerkraut», Kaizen, die japanische Arbeitsphilosophie der «Veränderung zum Besseren» nahm Einfluss auf das Qualitätsmanagement der eigenen Firma. Später wurde aus Japan die ganze Welt. Bock zählt asiatische, südamerikanische, europäische Länder auf, in denen er tätig war. Die Liste ist endlos, seine Reisen führten ihn zuweilen rund um die Welt. Ökologie und digitale Kommunikation waren damals noch nicht wirklich Themen.

Was man gelernt hat weitergeben

Schering wurde von Bayer übernommen. Als Bock eine Produktionsstelle in Basel übernahm, zog er erstmals ins Ausland. Und erstmals weg von Berlin. Das war 2008. 2016 wurde ihm nach einer Restrukturierung «eine Brücke zur Selbstständigkeit» geschaffen. Nach Kaizen wurde für ihn ein anderer Begriff bedeutsam. Diesen lernte er in seiner Manager-Karriere an einer Charity-Veranstaltung in den USA kennen: «Give back.» Es gilt, das, was man im Leben erhalten hat, zurück-, das, was man gelernt hat, weiterzugeben. Bock tut dies einerseits als selbstständiger Berater und Coach auf Bezahlbasis. Er gibt Start-ups Support, ist in Netzwerke eingebunden. Andererseits tut er es ehrenamtlich, unter anderem als Vorstandsmitglied des Vereins Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst.

Lernen, auch mal ­­ Nein zu sagen

Sein wichtigstes Engagement in diesem Zusammenhang sind die Beratungen, die er jeweils am Montagabend von 17 bis 19 Uhr anbietet, bei Bedarf auch aus­serhalb dieses Zeitfensters. Doch da habe er gelernt, auch mal Nein zu sagen. Gerade eben habe ihn jemand angerufen und gefragt, ob man sich treffen könne. «Wann?», hat er zurückgefragt. «Jetzt», lautete die Antwort. «Da gibt’s Ansprüche», erzählt Bock und lacht.

«Aber wie im Leben wird auch in der Beratung nicht jeder Wunsch sofort erfüllt.» Er unterstützt die Geflüchteten beim Erstellen von Lebensläufen, bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen. Grundsätzlich gelte, dass der Mentor den Mentee bei seinen Aktivitäten unterstützt, dass dieser es aber selbst machen muss. Solche Grundsätze vermittelt Bock auch bei Weiterbildungen für Mentoren im ganzen Fricktal. Auch hier, wie früher im Management, ist sein Steckenpferd die interkulturelle Verständigung.

Wenn «gleich» in Wirklichkeit «nie» bedeutet

Die wichtigsten Parameter sind dabei Unterschiede im Zeitempfinden und in der Direktheit des Ausdrucks. Was die indirekte und die direkte Sprache anbelangt, seien die Schweizer wohl irgendwo zwischen den Asiaten und den Deutschen zu verorten. Was die Pünktlichkeit anbelangt, seien sich Schweizer und Deutsche sehr ähnlich. Das Gegenteil davon habe er in Südamerika erlebt.

Wenn der Mexikaner «ahorita» sage, was «jetzt gleich» bedeute, dann meine er möglicherweise «nie». «Ja, das muss man wissen und einen Umgang damit finden», sagt Bock. Und meint weiter: «Das äthiopische Zeitverständnis scheint Ähnlichkeiten mit dem mexikanischen zu haben.» Da gelte es, Kenntnis davon zu nehmen. Da seien auch er und seine Frau in einem kontinuierlichen Lernprozess, fügt er hinzu und lacht wieder sein herzliches Lachen. «Aber wir fühlen uns wohl hierzulande. Und mein 94-jähriger Vater, der sein ganzes Leben in Berlin verbracht hat, empfiehlt uns: Bleibt ihr mal schön in der Schweiz!»

Bucketlist ist abgearbeitet

Seit Januar konnte Bock ihn nicht mehr besuchen, immerhin können sie regelmässig telefonieren. Aber der Sohn sehnt sich nach direkter Begegnung. Und auch Berlin, die alte Heimat, würde er gern endlich mal wieder sehen. Sonst, sagt er mit einer letzten Pointe, sei seine Bucket List – «was man im Leben noch machen und erreichen möchte» – abgearbeitet, und das sei in Coronazeiten ein angenehmer Zustand.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1