Abschiedsrundgang-Serie

Franziska Winter, Ammann von Kaisten: «Viele Junge kommen zurück, wenn sie heiraten»

Ende Jahr treten mehrere langjährige Gemeindeammänner zurück. Die AZ lud sie zum Spaziergang durch ihr Dorf ein. Heute: Franziska Winter über ihre Präsenz im Dorf, Diskussionen an Gemeindeversammlungen und ihr Faible für Zahlen.

Es geht nur langsam voran, als ich nach Kaisten fahre. Gleich zwei Lastwagen ruckeln vor mir den Kaistenberg hoch. Zum Glück bin ich im Büro rechtzeitig losgefahren. Denn bevor ich mich mit Gemeindeammann Franziska Winter zum Abschieds-Dorfrundgang treffe, ist noch ein Zwischenstopp nötig.

Das Aufnahmegerät will gefüttert werden, eine neue Batterie ist gefragt.
Beim Volg ergattere ich gerade noch den letzten freien Parkplatz. Handwerker mit später Znünipause kaufen ebenso ein wie Hausfrauen und Rentner. Auf der Suche nach dem Batterie-Regal erhasche ich viele Gesprächsfetzen, die Kunden grüssen sich, halten einen kurzen Schwatz.

Der Sturm der Vornacht ist ebenso Thema wie ein gelungenes Menü. Welches Rezept geklappt hat, erfahre ich leider nicht mehr. «Mmmhhh, fein wars», höre ich nur noch, als ich die Batterien – fast schon nach der Kasse – finde. Rasch bezahlt, Batterie eingelegt, Gang eingelegt und ab zum Gemeindehaus – wo alle Parkplätze belegt sind. Also weiter zur Sporthalle und zu Fuss zurück. Als ich ankomme, gerade noch knapp pünktlich, erwartet mich Franziska Winter beim Eingang zu «ihrem» Gemeindehaus, das nur noch knapp zwei Wochen «ihr» Gemeindehaus ist.

Sie schlägt vor, den Rundgang bei der Kirche zu beginnen. Wir steigen die Stufen empor und reden über den Einstieg von Franziska Winter im Gemeinderat. Ihren gemeindepolitischen Aufstieg quasi. Aufgewachsen in Kaisten, verliess sie die Gemeinde fürs Studium, kehrte erst 2004 wieder zurück – und wurde 2005 bereits als Gemeinderätin gewählt. «Eigentlich war es eine tragische Situation», so Winter. «Alfons Vögeli ist im Amt überraschend verstorben. Ich wurde dann als seine Nachfolgerin gewählt.»

Franziska Winter, was hat Sie bewogen, so rasch nach Ihrer Rückkehr nach Kaisten Verantwortung zu übernehmen?

Franziska Winter: Ich bin ja zwar parteilos. Aber es ist jemand aus einer Partei an mich herangetreten. Sie waren auf der Suche nach jemandem Jüngeren und einer Frau. Und für mich war das Amt auch ein guter Einstieg, um wieder zurückzukommen. Die Leute habe ich ohnehin noch gekannt, da ich ja hier aufgewachsen bin.

Und die Kaister haben Sie als Rückkehrerin auch sogleich gewählt?

Wahrscheinlich waren einfach alle froh, dass sich jemand zur Verfügung stellt (lacht). Wobei: In Kaisten war es eigentlich in letzter Zeit meistens so, dass es mehr Kandidaten gab als freie Sitze.

Woran liegt das?

Die Leute sind noch engagiert. Und es gibt noch aktive Ortsparteien.

Als wir bei der 300 Jahre alten Kirche angekommen sind, haben wir einen guten Blick aufs Dorf. «Aufs alte Zentrum und auch auf Neubaugebiete», sagt Franziska Winter.
Was man auch sieht, sind die Profile des Projekts Mitteldorf, dem geplanten neuen Zentrum.

Stockt dieses Projekt?

Es beschäftigt uns im Moment relativ stark. Die Abklärungen mit dem Kanton brauchten mehr Zeit als erwartet. Zudem gibt es gewisse Anpassungen am Projekt.

Aber es geht vorwärts?

Momentan ist eine Überarbeitung des Projekts im Gang. Das neue Baugesuch sollte aber bald eingereicht werden. Danach wird die Gemeinde dann die Dorfplatzgestaltung in Angriff nehmen. Man muss zuerst wissen, wie die Häuser aussehen, bevor man den Platz planen kann. Im Laufe des nächsten Jahres sollte alles spruchreif werden.

Wie wichtig ist das neue Zentrum für die Gemeinde Kaisten?

Aus Sicht des Gemeinderats ist es sehr wichtig. Wir können hier einen zentralen Ort für die Gemeinde schaffen. Der Platz besteht ja eigentlich schon, gehört aber einem Privaten. Er ist der Ort in Kaisten, wo man sich trifft. Der Volg mit Postagentur, der sehr gut läuft, ist dort. Die Bank ist gerade vis-à-vis, die Bushaltestelle ist in der Nähe.

Wie schwer fällt es Ihnen, dass Sie dieses Projekt nun nicht mehr bis zum Abschluss begleiten können?

So ist das nun mal: Es ist immer viel im Fluss in einer Gemeinde. Das Projekt ist gut aufgegleist und ich bin überzeugt, dass es eine gute Sache wird.

Beim ersten Foto-Termin schweift mein Blick nochmals über die Dächerlandschaft und die Hügel im Hintergrund. Nicht zu sehen ist von hier der Ortsteil Ittenthal, der seit der Fusion Anfang 2010 zu Kaisten gehört. Wenn ich an Ittenthal denke, denke ich zurück an meine Bezirksschulzeit. An Besuche bei Klassenkameraden, an Fussballspiele, vor allem aber an anstrengende Velofahrten. Schliesslich versuchte ich jeweils – erfolglos – auf der Strecke zwischen Kaisten und Ittenthal, mit Töfflis mitzuhalten.

Geografisch sind die beiden Ortsteile getrennt. Wie sieht es im Alltag aus? Sind sie nach der Fusion zusammengewachsen?

Es braucht sicher noch etwas Zeit, bis sie ganz zusammengewachsen sind. Aber die Fusion ist kein grosses Thema mehr. Es gibt auch viele gemeinsame Aktivitäten. Gerade auch der Verein «Üttlete 1297» ist sehr aktiv und bringt sich ins Kaister Dorfleben ein.

Überhaupt hat man das Gefühl, dass in Kaisten das Vereinsleben noch sehr intakt ist ...

... es gibt auch hier Vereine, die Mühe haben, Leute für den Vorstand zu finden, oder etwas überaltert sind. Aber man rauft sich dann doch immer zusammen und versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Das hat man auch am Dorffest dieses Jahr gesehen. Alle haben mitgemacht und mitgeholfen.

Auch Sie selber waren aktiv und sogar als Los-Verkäuferin unterwegs.

Eigentlich war ich am Stand der Ortsbürgerkommission. Dort haben wir den Heimatweg vorgestellt und unsere Publikationen verkauft. Als beim Lösliverkaufen jemand gefehlt hat, bin ich eingesprungen.

Mittlerweile haben unsere Schritte uns zur alten Schmitte geführt, die den Ortsbürgern gehört. Dann weiter durch Lindengasse, Breiten und Adlergasse. «Kaisten ist weitläufig», sagt Franziska Winter. Und beweist dann, dass das Motto, das in fetten Buchstaben auf der Website ihres Treuhandbüros steht, Gültigkeit hat: «Zahlen sind meine Welt».

Als die Rede auf die Aufgaben der Gemeinde und anstehende Projekte kommt, hat sie sofort präsent, dass Kaisten über ein Wasserleitungsnetz von 35 Kilometern Länge verfügt. Auf die Faszination für Zahlen angesprochen, blickt Winter noch einmal in die Anfänge ihrer Zeit im Gemeinderat zurück: «Als ich frisch in den Gemeinderat gekommen bin, hatte ich das Ressort Hochbau. Doch schon nach einem Jahr habe zu den Finanzen gewechselt. Das ist das Thema, das mir am nächsten liegt.»

Immer wieder kreuzen wir auf dem Spaziergang Einheimische, die zum Einkaufen gehen, den Hund ausführen oder gerade noch im Garten werkeln. Franziska Winter grüsst hier den Heinz, dort den Roli und natürlich auch Alice und Peter. Man kennt sich und ist Duzis in Kaisten. Sicher aus den Vereinen, denke ich, frage nach.

Sind Sie in Vereinen aktiv?

Nein, es fehlt mir fast etwas die Zeit.

Jetzt haben Sie dann ja mehr Zeit.

Ja, vielleicht kann ich mir das jetzt überlegen. Aber ich bin ja auch noch voll berufstätig. Und ich freue mich auf mehr Zeit für mich und den Garten.

Haben Sie in den vergangenen Jahren stets 100 Prozent gearbeitet neben der Behördentätigkeit?

Ich bin ja selbstständig, da lässt sich das manchmal nicht so genau beziffern. Aber ich habe eigentlich immer voll gearbeitet. Und die Zeit, die das Amt gebraucht hat, ist an der Freizeit abgegangen.

Ihr Treuhandbüro hatten Sie immer in Zürich …

… und Kaisten. Ich bin nicht mehr jeden Tag in Zürich. Das hat mit dem Ammann-Amt nicht mehr funktioniert. Es war zu schwierig mit den Terminen tagsüber.

Braucht es also den Ammann im Dorf?

Es kommt darauf an, wie man das Amt wahrnimmt. Ich wollte das Amt so ausfüllen, dass man auch merkt, dass ich da bin. Nicht nur an der Gemeinderatssitzung, sondern auch sonst im Dorf. Dazu kommt, dass viele Sitzungen auch tagsüber stattfinden.

Ist es in Kaisten sogar speziell wichtig? Die Bürger sind ja recht kritisch und diskussionsfreudig.

Das ist positiv. Wir brauchen die Gemeindeversammlung ja nicht, um Projekte lediglich abzunicken. Umso wichtiger ist es aber, dass man sich auch im Dorf zeigt und mit den Leuten diskutiert. Ich habe stets versucht, das so zu machen. Die Leute kamen auch auf mich zu und haben Fragen gestellt und das Gespräch gesucht. Das soll auch sein.

Beim Weitergehen muss ich schmunzeln, als mir ein Button auf dem Ärmel von Franziska Winters schwarzer Jacke auffällt. Es ist ein silberner Reflektor, mit der Aufschrift: «Made visible». Passt zum Entscheid, als Ammann im Dorf präsent und sichtbar zu sein, denke ich.
Doch schon brennt mir das nächste Thema auf der Zunge. Wir sind bei der Hofacher-Überbauung angekommen. Es war eines der Projekte, bei dem der Souverän gleich mehrfach anderer Meinung war als der Gemeinderat und Projekte zurückwies. «Es hat einige Gemeindeversammlungen gebraucht, bis das Land verkauft war», sagt Franziska Winter.

Wie gingen Sie mit Kritik und Rückweisungen von Projekten um?

Man muss sich bewusst sein: Der Gemeinderat bereitet die Geschäfte vor und legt dar, warum er ein Projekt so vorschlägt. Die Leute entscheiden dann. Die Entscheide muss man akzeptieren können, sonst ist man am falschen Ort. Und man darf es nicht persönlich nehmen und muss anschliessend weiter miteinander reden können.

Haben Sie das immer geschafft?

Ja. Jeder darf seine Meinung haben. Es gibt nicht nur meine. Dann diskutiert man miteinander und am Ende kommt es zu einem Entscheid. Dieser gilt dann. Das ist ja innerhalb des Gremiums gleich. Ich hatte keine Mühe, damit umzugehen. Und gerade beim Hofacher ist etwas Gutes entstanden am Ende. Die meisten Wohnungen sind besetzt und auch ältere Kaister sind hierhin gezogen.

Vom Hofacher führt der Weg vorbei am neuen Kindergarten und zum Schulhaus, wo Franziska Winter einst selbst zur Schule ging. Damals, denke ich, damals standen sicher noch nicht an die 20 Kickboards mit Helmen in Reih’ und Glied vor dem Eingang. Ob die Besitzer der Kickboards wohl dereinst auch in Kaisten wohnhaft bleiben oder ob es sie in die weite Welt oder zumindest in eine andere Schweizer Stadt zieht? «Viele Junge bleiben hier oder kommen zurück, wenn sie heiraten. Man lebt gerne in Kaisten», sagt Franziska Winter.

Sie selber sind ja auch wieder zurückgekommen. Weshalb?

Auch wenn ich einige Zeit in Zürich gelebt habe, bin ich kein Stadtmensch. Mich hat es wieder aufs Land zurückgezogen. Ich geniesse den Wald und die Natur.

Das heisst auch, Sie möchten nicht mehr weg?

Nein. Ich bin wirklich eine Kaisterin. Ich kann mir schlecht vorstellen, woanders zu wohnen. Ich habe ja hier gebaut, weil ich zurückkommen wollte. Ich bin nicht zurückgekommen, weil ich gebaut habe.

Nun sind wir bereits auf dem Rückweg zum Gemeindehaus. Gerade, als ich eine der letzten Fragen stellen will, bleibt Franziska Winter unvermittelt stehen. Sie hat am Strassenrand einen Stromzähler-Ableser entdeckt. Vermutet, dass sie heute schon mit ihm telefoniert hat und spricht ihn an. Als sich herausstellt, dass es sein Kollege war, der ebenfalls im Dorf unterwegs ist, schliesst sie beim ehemaligen Café Eichhörnli wieder zu mir auf.

Das Café ist geschlossen, doch Restaurants hat es noch im Dorf. «Das ist nicht in jeder Gemeinde der Fall. Aber die Leute nutzen das Angebot und man trifft sich auch in den Wirtschaften», sagt Winter. Das «Cassiopeia» habe dabei vielleicht etwas den Platz des «Eichhörnli» eingenommen. «Es ist beliebt, gerade auch bei Frauen, die sonst vielleicht nicht in eine ‹Beiz› gehen würden.»

Nach dem Wirtschafts-Exkurs sind wir schon fast wieder beim Gemeindehaus angelangt. Ein paar Meter bleiben noch für ein Kurzfazit.

Im Rückblick: Was waren für Sie die wichtigsten Projekte in ihren Gemeinderats- und Ammannjahren?

Das ist schwierig zu sagen. In den 13 Jahren ist viel gelaufen. Fast das Wichtigste war die Dorfentwicklung. Wir haben ein Entwicklungskonzept für die Gemeinde mit den beiden Dorfteilen gemacht und versucht, die Baulandentwicklung zu planen, um die Entwicklung mitgestalten zu können. Einzelgeschäfte gab es so viele, wichtige und weniger wichtige. Ich könnte nicht sagen, dass etwas speziell herausragte.

Gibt es auch verpasste Chancen? Dinge, die Sie anders machen würden?

Im Nachhinein gibt es sicher immer Sachen, die man anders hätte aufgleisen können. Aber ich glaube nicht, dass es Dinge gab, wo wir grundsätzlich ganz falsch gelegen haben.
Was fehlt Ihnen am meisten, wenn sie ab dem 1. Januar nicht mehr im Amt sind?
Die Kollegialität des Gremiums. Ich habe verschiedene Zusammensetzungen erlebt, aber wir hatten immer ein gutes Einvernehmen. Man hat gemerkt, dass die Leute am gleichen Strick ziehen. Das wird mir sicherlich fehlen.

Und worauf freuen Sie sich?

Es würde mich freuen, wenn ich künftig etwas mehr Zeit für mich selber habe. Aber mal schauen, wie das dann herauskommt (lacht). Ich bleibe beispielsweise im Spitex-Vorstand, im Besuchsdienst-Ausschuss und in der Ortsbürgerkommission. Es fällt also nicht gleich alles weg.

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