Fricktal
Nach einer Woche Fasten: Darauf freut sich der Aargauer Theologe am meisten

Der letzte Tag in der Fastenwoche. Bernhard Lindner geht es gut, er freut sich nun aber auch auf das Fastenbrechen. Mitnehmen will er für sich, dass das Leben ein reiches Geschenk ist. Er weiss, wovon er spricht: Der Theologe arbeitete sechs Jahre in Peru und erlebte hier zwei Dürreperioden.

Thomas Wehrli
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Bernhard Lindner war lange Gemeindeleiter in Oeschgen. Heute arbeitet er bei der Fachstelle Bildung und Propstei der Landeskirche Aargau.

Bernhard Lindner war lange Gemeindeleiter in Oeschgen. Heute arbeitet er bei der Fachstelle Bildung und Propstei der Landeskirche Aargau.

Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung

Letzter Fastentag. Bernhard Lindner wirkt ausgeruht, wie er am Freitagmorgen mit der «Aargauer Zeitung» per Zoom spricht. Er habe gut geschlafen, erzählt er, und freue sich auf das heutige Fastenbrechen mit den beiden Fastengruppen, die er begleitet.

Das Fastenbrechen ist jener Moment, in dem man nach dem Fasten zum ersten Mal wieder feste Nahrung zu sich nimmt. Lindner zelebriert diesen Moment mit seinen Fastengruppen mit einem warmen Apfel. Er sagt:

«Warm ist er bekömmlicher und überfordert den Körper weniger.»

Denn die Verdauung ist sich Essen nach einer Woche nicht mehr gewöhnt und muss sich erst wieder daran gewöhnen. «Es ist wichtig, den Körper langsam daran zu gewöhnen», mahnt Lindner all jene, die auch einmal fasten wollen.

Längeres Fasten nur mit Begleitung

Diesmal sei ihm das Fasten leichter als auch schon gefallen, bilanziert der 60-jährige Theologe und Erwachsenenbildner, der jedes Jahr einmal in der 40-tägigen Fastenzeit eine nahrungslose Woche einschaltet. «Vom Körper her könnte ich noch zwei, drei Tage weitermachen», sagt er, was unweigerlich die Rückfrage nach sich zieht: Weshalb tut er es nicht?

Lindner überlegt kurz, sagt dann: «Für mich stimmen die sechs Tage Vollfasten.» Länger habe er noch nie gefastet und er würde es sich ohne medizinische Begleitung auch nicht zutrauen, zwei oder drei Wochen zu fasten. Lindner mahnt:

«Wer länger fasten will, muss sich begleiten lassen.»

Er erinnert daran, dass exzessiver Nahrungsverzicht auch zu Problemkonstellationen, etwa der Magersucht, führen können.

Natur beschenkt den Menschen reich

Lindner lacht. «Zudem bin ich vom Typ her kein Asket.» Er schätze das Leben mit all seinen Geschenken. Und dazu gehört für ihn auch das Essen. Gerade das Bewusstsein, wie reich der Mensch beschenkt ist, entdeckt er mit jedem Fasten tiefer und gleichzeitig auch immer wieder neu.

Dies ist auch eine Botschaft, die er den beiden Fastengruppen in Sulz und an der Fachhochschule Nordwestschweiz mitgeben will:

«Die Natur beschenkt uns mit ihren Gaben reich.»

Er nimmt den Apfel als Beispiel. «Eine wunderbare Frucht, die inklusive Verpackung am Baum wächst.»

Essen langsam wieder aufbauen

Ein Thema beim Fastenbrechen war am Freitagabend auch, wie man das Essen wieder aufbaut – und was man gegebenenfalls anders handhaben will. «Das ist eine grosse Chance», ist Lindner überzeugt. Er selber isst, seit er fastet, bewusster, kaut das Essen länger, intensiver auch. «Zum einen, weil es so besser schmeckt», sagt er. Zum anderen aus Respekt vor den geschenkten Gaben.

Am Freitag ass Lindner ausser dem Apfel am Abend nichts, am Samstag gab es zum Frühstück einen Haferschleimbrei. Er sieht via Videokonferenz den skeptischen Blick des Journalisten, lacht. «Das schmeckt viel besser, als es tönt.» Den Menuplan will er in den nächsten Tagen und Wochen langsam wieder ausweiten, zuletzt werden Fleisch, Fisch und Käse dazu kommen. Und Schokolade. Sein Ziel:

«Ich versuche, mich möglichst gut an der Ernährungspyramide zu orientieren.»

Vor allem freut er sich, dass er ab Samstag wieder zusammen mit seiner Frau und der Familie essen kann. «Die gemeinsamen Mahlzeiten und die Tischgespräche fehlen mir», sagt er. Natürlich setzt er sich auch während des Fastens dazu, aber es ist nicht das Gleiche, wenn jemand nur zuschaut.

Auch deshalb ist er mit Einladungen in der Zeit, in der er fastet, zurückhaltend. «Weniger wegen mir, sondern weil es für die Gastgeber komisch ist, wenn jemand nur an seinem Glas nippt.»

Die Frage nach dem Mitnahmeeffekt

Das Fastenbrechen führte Lindner mit den beiden Fastengruppen unterschiedlich durch. Bei der Gruppe an der Fachhochschule Nordwestschweiz sass jeder vor seinem Bildschirm und man zelebrierte das Fastenbrechen virtuell, indem jeder seinen Apfel zeitgleich ass. In der Gruppe in Sulz feierte man das Fastenbrechen mit einem gemeinsamen Gottesdienst.

Bei beiden Gruppen war neben dem Rückblick auch der Ausblick zentral: Was nehme ich aus dieser Woche für mich mit?

Was nimmt Lindner selber mit? Das Gefühl, etwas geerdeter zu sein und doch gleichzeitig näher bei Gott. Das Gefühl, sich tiefer zu spüren. Das Gefühl, dass das Leben ein reiches Geschenk ist. Und das Wissen, dass die Geschenke der Natur nicht selbstverständlich sind und dass wir sie mehr schätzen müssen.

Lindner lebte rund sechs Jahre in Peru

Lindner weiss, wovon er spricht. Der Seelsorger lebte und arbeitete gut sechs Jahre in Peru. Hier sah er viel Armut, viel Leid, aber auch viel Hoffnung und Lebensfreude. Zweimal erlebte er, dass eine Dürre einen Grossteil der Ernte vernichtet hatte. Das führte zu einer Unterernährung.

«Gerade für die Kinder, die genügend Nahrung für ihre Entwicklung benötigen, war das katastrophal.»

Für Lindner hat Fasten auch mit Solidarität mit jenen zu tun, die wenig oder nichts haben. Er ist sich bewusst, dass dies nur ein Zeichen ist. «Aber es schafft bei mir eine innere Verbindung zu den Ärmsten auf dieser Welt.» Und bei der symbolischen Handlung muss es ja nicht bleiben:

«Wenn jeder das Geld, das er beim Fasten für die Lebensmittel spart, einem Hilfswerk spendet, kommt ein schöner Batzen zusammen.»

Er überlegt kurz, fügt dann hinzu: «Es darf natürlich auch deutlich mehr sein.»