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Fussball-WM, Traumsommer, Superheldenfilme: 2018 war kein guter Kinojahrgang

Hat einen fulminanten Filmstart hingelegt: «Zwingli» mit Max Simonischek als Huldrych Zwingli.

Hat einen fulminanten Filmstart hingelegt: «Zwingli» mit Max Simonischek als Huldrych Zwingli.

Wenn man das Kinojahr 2018 einem Genre zuordnen müsste, so wäre es wohl: Drama. Das letzte Jahr war auch in Fricks Monti kein Top-Jahr – dafür läuft aktuell «Zwingli» top. Das Wetter ist mitschuldig – wie auch die Fussballweltmeisterschaft.

Schweizweit gingen die Besucherzahlen 2018 massiv zurück, in den Jahresbilanzartikeln werden die letzten 12 Monate als cineastischer «Flop» und gar als «Katastrophe» betitelt. So schlimm kam es für Philipp Weiss nicht. Die Besucherzahlen seien zwar auch bei ihm im letzten Jahr leicht zurückgegangen, sagt Weiss, der Fricks Monti seit 27 Jahren zusammen mit Martina Welti führt. «Aber verglichen mit anderen Kinobetreibern sind wir mit einem blauen Auge davongekommen.» Es sei aber definitiv «kein guter Kino-Jahrgang» gewesen. Besucher- und Umsatzzahlen publiziert Weiss nicht.

Das schwache Kinojahr hat mehrere Gründe. Der eine ist das Wetter; es war für einen Kinobesuch zu lange zu heiss und zu schön. Wobei: «Der Traumsommer hat uns dafür beim Open-Air-Kino mehr Besucher beschert.» Zumindest in der zweiten Hälfte, denn zuvor fand – und das war Kino-Abstinenz-Grund Nummer zwei – die Fussball-WM statt. Drittens bekommen die Kinobetreiber die Streamingdienste zu spüren, die neue Filme bereits kurz nach dem Start zeigen.

Zu viele Superhelden-Filme

Ein vierter Grund ist das Filmangebot. Es kamen im letzten Jahr viele Superhelden-Filme ins Kino. Und die funktionieren in der Schweiz eher mässig, in den Städten noch besser als auf dem Land. Das kümmert die (amerikanischen) Produzenten wenig, denn ihr Augenmerk liegt nicht auf dem europäischen Markt und seinen Bedürfnissen, sondern auf den beiden Big Shots USA und China. Dort funktionieren Superhelden-Filme bestens. «Die Kinobetreiber in den USA haben noch nie so viel Umsatz erzielt wie 2018», weiss Weiss. «Sie haben mit den Superhelden mächtig Geld verdient.»

Welche Filme funktionieren und welche nicht, hängt aber nicht nur vom Land, sondern auch von der Region ab. «Bei uns laufen seit Jahren Familienfilme, Komödien und unterhaltsame Filme besonders gut», sagt Weiss. Im letzten Jahr sorgte «Mamma Mia!» bei Weiss für ein: mamma mia! Das Filmmusical lockte die meisten Besucher nach Frick. Acht Prozent aller Besucher wollten den Streifen sehen, der auf den Liedern von Abba basiert. Schweizweit belegte «Mamma mia!» Platz vier der Kinocharts.

Auf Platz zwei landete in Fricks Monti noch ein Musikfilm: Der Queen-Kult-Film «Bohemian Rhapsody», der schweizweit auf der Topposition ins Ziel einlief. Sieben Prozent der Monti-Besucher wollten die Geschichte der britischen Rockband sehen. «Mich erstaunt vor allem, wie lange der Film zieht», sagt Weiss. In Fricks Monti ist er nach wie vor zu sehen – und das in der 13. Woche. «So lange habe ich selten einen Film im Programm.»

Platz drei ging im Monti an «Di chli Häx» mit 5,5 Prozent der Kinobesucher. Bei diesem Film zeigt sich das Stadt-Land-Gefälle gut: Schweizweit landete der Film nämlich nur auf Rang 23. «Papa Moll», der Weiss 4,5 Prozent der Besucher brachte (Rang 4), schaffte es schweizweit nicht einmal in die Top 25 der von Pro Cinema publizierten Kinocharts. Mit vier Prozent Besuchern auf Platz 5 landete in Fricks Monti die Schweizer Filmkomödie «Wolkenbruch»; sie war mit über 200 000 Besuchern die erfolgreichste Schweizer Produktion 2018. «Zu Recht», findet Weiss, dem der Film selber auch gefallen hat.

«Zwingli» zieht

Die 200 000er-Marke könnte in diesem Jahr getoppt werden – dank eines Historienfilms. «Zwingli» zeigt das Leben und Wirken des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli vor 500 Jahren. Der Film ist gut gemacht, die Schauspieler überzeugen – und der Film, der am letzten Donnerstag in den Kinos anlief, hat einen fulminanten Start hingelegt. Über 37 000 Besucher sind in den ersten vier Tagen ins Kino geströmt und haben den Film damit auf Platz 1 der aktuellen Kinocharts gehievt. Auch in Frick ist der Film «super angelaufen», freut sich Weiss. Er zählte bereits über 500 Besucher – das ist für ein Ein-Leinwand-Kino mit 170 Plätzen nach vier Tagen rekordverdächtig.

Bei «Zwingli» war für Weiss klar, dass er funktioniert. «Er erzählt ein Stück Schweizer Geschichte.» Dieses interessiert gerade auch in katholischen Gebieten wie dem Fricktal, denn mit der Geschichte der Reformation und mit Zwingli haben sich hier viele nie auseinandergesetzt.

Bei anderen Filmen wird auch der Profi überrascht. Manche funktionieren besser als erhofft; andere floppen. Extrem enttäuscht war Weiss von «Mary Poppins’ Rückkehr». Sie hat nur wenige Besucher ins Monti gelockt. «Ich bin froh, dass ich diesen Film nicht als Premiere hatte», so Weiss. Denn um einen Film als Premiere zeigen zu können, müssen sich die Kinobetreiber auf eine Mindestspieldauer einlassen. Weiss, der oft Premieren zeigen kann, beweist hier ein gutes Händchen. «Bislang hat es eigentlich immer funktioniert.»

Was funktioniert dieses Jahr? Neben Zwingli setzt Weiss einige Erwartungen in «Green Book – eine besondere Freundschaft», «Gauner & Gentleman», den letzten Film mit Robert Redford, und «Men in Black: International».

Gerade der letztgenannte Film zeigt einen Trend, der seit Jahren anhält: Funktioniert ein Film, so gibt es Fortsetzungen en masse. Das ist aus Produzentensicht verständlich, aus Konsumentensicht dafür recht öde. Weiss spricht von einem Ideenvakuum. Etwas mehr Sauerstoff wäre durchaus wünschenswert – sonst geht den Schweizer Kinos irgendwann die Luft aus.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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