Lesung
Ehemaliger Soldat schreibt Buch rund um die Schuld und Verantwortung im Krieg

Was macht den einen zum Helden und den anderen zum Kriegsverbrecher? Diese Frage beantwortet Karl Rühmann, der als Soldat im Jugoslawien-Krieg beteiligt war, in seinem Briefroman «Der Held». Im Kirchgemeindehaus in Möhlin las er aus seinem Werk vor.

Fritz Imhof
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Karl Rühmann liest aus seinem Briefroman «Der Held», der für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde.

Karl Rühmann liest aus seinem Briefroman «Der Held», der für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde.

Bild: Fritz Imhof

Karl Rühmann las aus seinem Briefroman «Der Held». Der Anlass fand im Rahmen der gemeinsamen Kulturreihe der beiden Reformierten Kirchen Möhlin und Wegenstettertal unter der Leitung von Barbara Maass statt. Schon zu Beginn beeindruckte seine ausdrucksstarke und bildhafte Sprache. Dann aber auch das Thema. Rühmanns Roman besteht aus fiktiven Briefen, insbesondere zwischen zwei ehemals gegnerischen Offizieren, die sich dem Haager Kriegstribunal stellen mussten. Er geht die Frage nach: Was macht den einen zum Helden und den anderen zum Kriegsverbrecher?

«Der General» wurde freigesprochen und als Held zu Hause willkommen geheissen, obwohl er den Tod von 120 Zivilisten verursacht hat. Der andere sitzt noch im Gefängnis, wo sich beide kennen gelernt hatten, und hat wenig Aussicht auf einen Freispruch.

Rühmann behandelt anhand des Briefwechsels Fragen rund um Schuld und Verantwortung im Krieg. Eine Kernaussage des Generals im Brief an den ehemaligen Feind lautet:

«Ich verstehe, dass ich unschuldig bin, aber ich fühle es nicht.»

Er hatte eine Brücke sprengen lassen und damit vielen Menschen den Fluchtweg abgeschnitten. Nun fragt er sich: Warum haben wir zugelassen, dass sich die Lage so entwickelte, dass die Brücke gesprengt werden musste? Und er bilanziert: Der Krieg hat uns in die Rolle von Feinden getrieben.

Anna, die nach der Freilassung des Generals dessen Hausangestellte geworden ist, kommt dem Briefwechsel auf die Spur und ringt mit der Frage, wie ihr Arbeitgeber mit seinem ehemaligen Feind fast schon freundschaftlich verkehren kann. Auch sie schreibt Briefe, nämlich an ihren verstorbenen Mann, der sich wegen des Krieges sein Leben genommen hat. Hier kommt nochmals ein ganz anderes Spannungsfeld zum Tragen: Dasjenige der konkret Betroffenen, die Mühe haben, wenn Krieger, die so viel Leid über die Menschen gebracht haben, Freunde werden.

Einst Schulkameraden, dann Kriegsgegner

Auf die Frage nach seinem persönlichen biografischen Hintergrund dieses Buches erläutert Rühmann, dass er selbst als Soldat am Jugoslawien-Krieg beteiligt war. Dort hatte er erlebt, wie ehemalige Schulkameraden plötzlich auf den gegnerischen Seiten kämpften. In einem Interview sagte er kürzlich: «Das System kann Bedingungen schaffen, in denen es leichter ist, im Mitmenschen einen Feind zu sehen und auf ihn zu schiessen.» Aber auch:

«Nicht das System, sondern die Menschen verursachen Kriege.»

Dahinter steht eine weitere Einsicht: «Wahrheit ist eine Frage der Perspektive.» „Der Held“ – erst der zweite Roman Rühmanns, wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert.

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