Gott hatten die jungen Fricker sicher nicht (mehr) vor Augen, wenn sie nach der gemeinsamen Christenlehre mit den Gipf-Oberfricker diesen auf dem Nachhauseweg auflauerten, beschimpften und die Fäuste sprechen liessen. 

«Solche Raufereien gab es bis Mitte des letzten Jahrhunderts recht häufig», weiss der Fricker Gemeindeschreiber Heinz Schmid aus Erzählungen. Denn anders als die politischen Dörfer – sie trennten sich 1804 – blieb die Kirchgemeinde ungeteilt. Bis heute. Man teilte die Kirchenbank und teilte danach gehörig aus. Auch auf den Prozessionen giftelte man sich mit Inbrunst an. So kam den Frickern beim Kreuzen der Prozessionen von Kirche zu Kirche statt des gebotenen «Bitt für uns» gerne ein «Gipfer Brunz» über die Lippen.

Als «Brunz», als üble Laune der Geschichte empfanden es viele Gipfer und Oberfricker im ausgehenden 18. Jahrhundert auch, dass man überhaupt zur Vogtei Frick gehörte, zu den «Frickere», denen man «numme d Herre seit», wie ein F.  A. Stocker im «Der Frickthaler» schrieb. Umgekehrt beschimpften die Fricker die Gipfer und Oberfricker gerne als «Häftliranze», als unförmige Gesellen, die ob ihrer Leibesfülle die «Häftli» am Gilet nicht mehr zubrachten.

Dieses überhebliche Moment, das den Frickern eigen war – manche sprechen gar von einer genetischen Veranlagung –, stiess den Gipfern und Oberfrickern Jahr für Jahr mehr auf. Als Affront werteten sie es auch, dass nur mehr einflussreiche Fricker Familien den Vogt stellten. 1780, nach einem Streit um die Zehntgarben, scheiterte ein erster Versuch, sich von den verhassten Herren «da unten» zu trennen. Frick nahm es gelassen, auch im Wissen darum, dass man längst zum politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt avanciert war.

Der Streit schwelte weiter, brandete selbst an Kleinigkeiten auf. Als die Vogteien um 1800 zusehends zerfielen, nutzen auch die Gipfer und Oberfricker die Gunst der Stunde. Sie verlangten am 16. August 1803 von Bezirksamtsvorsteher Anton Tröndlin, einen eigenen Ammann stellen zu dürfen. Er stimmte zu – zum Missfallen der Regierung in Aarau, die aber nicht einschritt. Ein Jahr später war die Trennung vollzogen, was die Gipfer und Oberfricker umgehend mit einem «es geht uns schon besser» quittierten, «weil wir einverständlich und enger miteinander verknüpft sind, was sich leichter achten lässt, als wenn wir mit Frick vereint wären, wo in Geschäften keine Eintracht herrscht, hingegen Kösten auf Kösten gehäuft werden».

Die Fricker waren ob der Trennung, wenig verwunderlich, nicht begeistert. Sie fühlten sich hintergangen, reklamierten finanzielle Nachteile und traten einen jahrelangen Kleinkrieg um Sein und Haben vom Zaun. Vor allem das Mehr-Haben hatte es den Frickern angetan. So wollten sie den Jahrmarktgewinn nicht mehr mit den Gipfern und Oberfrickern teilen, was diese als «feindnachbarschaftliches Benehmen» scholten. «Blosser Zorn ist die Urfeder, weil wir uns getrennt und eigene Vorgesetzte gewählt haben», zitiert Linus Hüsser in einem Beitrag in «Frick – Gestern und heute» die damaligen Gemeindeväter.

Am deutlichsten zeigte sich die Fehde im Unvermögen, sich auf eine Grenze festzulegen. Erst 51 Jahren nach der Trennung und erst nach der Intervention der Regierung – Innendirektor Friedrich Schmid reiste persönlich an – einigte man sich auf einen Grenzverlauf.

Von den damaligen Animositäten ist heute nicht mehr viel übrig. «Sie sind Geschichte und leben dort weiter», sagt Schmid. Heute präge «eine gute und enge Zusammenarbeit» die Beziehung, ein freundnachbarschaftliches Verhältnis.

Manchmal aber, ja, da überkommt es die einen oder den anderen doch wieder. Vor fünf Jahren etwa, als der damalige Fricker Gemeindeammann Anton Mösch eine Fusion als Gedankenspiel zur Diskussion stellte. Die Emotionen gingen hoch. Oder 2007, als über die Fusion der beiden Feuerwehren abgestimmt wurde. Die Gemeindeversammlung von Gipf-Oberfrick sagte klar Nein, das Volk in der Referendumsabstimmung dann ebenso klar Ja.

Die beiden Dörfer sind inzwischen zusammengewachsen. Das war bei der Trennung nicht der Fall; damals lag rund ein Kilometer Acker- und Wiesland dazwischen. Kann dieses Zusammenwachsen dereinst auch zu einem Zusammengehen führen? Schmid ist skeptisch. «Beide Gemeinden haben es nicht nötig und können sich leisten, selbstständig zu bleiben. Sie stehen finanziell auf gesunden Beinen.»