Seit rund einem halben Jahr geht die elfjährige Lucie (Name geändert) nicht mehr zur Schule. Vorher hatte sie in Möhlin an der Primarschule die vierte Klasse besucht. Dort wurde sie – so sagen es die Eltern – gemobbt. «Es ist eine verfahrene Situation», sagt der Vater. Seine Tochter sei während zweier Jahre immer wieder ausgeschlossen, schikaniert und wegen ihrer Rechenschwäche gehänselt worden. Im Turnunterricht etwa hätten sich die Mitschülerinnen nicht in derselben Garderobe umgezogen und sie ausgegrenzt. Auch andere Kinder seien von Mobbing betroffen gewesen, so der Vater. «Lucie ist eher ruhig und hat sich nicht gewehrt», sagt der Vater weiter. Doch sie habe gelitten und «nicht mehr gegessen und geschlafen».

Die Eltern nahmen Kontakt mit der Schulleitung und der Schulpflege auf. «Es gab Gespräche und Sitzungen. Auch der Schulsozialarbeiter kam in die Klasse», sagt der Vater. Doch gebracht habe alles nicht viel. Aus seiner Sicht sei die Schule mit der Situation völlig überfordert. «So konnte es nicht mehr weitergehen. Irgendwann haben wir uns entschieden, Lucie zu Hause zu behalten, bis eine Lösung gefunden ist.»

Die Eltern unterrichten seither ihre Tochter daheim. «Zwei bis drei Stunden am Tag arbeiteten wir mit ihr den Stoff durch, den wir von der Schule erhielten», so der Vater. Seit zwei Wochen jedoch erhalte man den Stoff nicht mehr. Neben dem zeitlichen Aufwand sei die ganze Situation für die Familie sehr belastend, sagt er. Immerhin gebe es einen Lichtblick: Lucie gehe es mittlerweile wieder besser.

Unterschiedliche Sichtweisen

Die Möhliner Schulpflege bestätigt, dass das Mädchen seit September den Unterricht nicht mehr besucht. Es gebe in diesem Fall «sehr unterschiedliche Sichtweisen», sagt Martin Frana, der in der Schulpflege für das Ressort Schüler/Eltern zuständig ist. «Wir haben uns sehr intensiv mit der Situation beschäftigt und das uns zur Verfügung stehende Instrumentarium ausgereizt», so Frana weiter. Er verweist auf Gespräche mit der Schulsozialarbeit und auf einen Experten, der nach einiger Zeit beigezogen worden sei.

In all diesen Gesprächen habe sich jedoch der Mobbingvorwurf nicht erhärtet, betont Frana. Ein anderer Fall, bei dem ein Kind für kurze Zeit die Schule nicht besucht habe, sei anders gelagert gewesen. Es sei dabei nicht um Mobbing, sondern um einen Laufbahnentscheid gegangen.

Seitens der Schulpflege habe man «selbstverständlich die Schulpflicht angemahnt», sich aber in der Folge «für den deeskalativen Weg entschieden». Ziel sei es, eine konstruktive Lösung zu finden, erklärt Frana die lange Zeitspanne. «Uns geht es um das Wohl des Mädchens», so Frana. Allerdings müssten für eine Lösung auch die Eltern Hand bieten.

Schulhaus- oder Ortswechsel?

Gefunden ist diese Lösung bis jetzt allerdings noch nicht. Ende 2018 führte nun ein Experte eine Klassenbefragung durch. Das Gespräch mit den Eltern von Lucie über die Resultate steht noch aus. Es soll jedoch in den nächsten Tagen stattfinden. Möglich, dass man dann einen Konsens findet.

Eine mögliche Idee ist, dass Lucie einen Klassen- und Schulhauswechsel macht. «So hätte sie ein neues Umfeld mit neuen Verantwortlichen», sagt Frana. Der Vater von Lucie sagt, seine Tochter könne nicht zurück in die alte Klasse. «Denkbar für uns wäre aber auch, dass Lucie künftig in einer anderen Gemeinde zur Schule geht.»