Circus Nock
Nach 158 Jahren: Ein Abschied mit einem Seufzer

Gelacht, geträumt und mitgefiebert: Der Circus Nock bot unterm Chapiteau Gross und Klein unvergessliche Momente – eine Erinnerung.

Rosmarie Mehlin
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Clown Pio ist am 7. März 1993 an der Premiere des Circus Nock in Frick AG in seinem Element.
37 Bilder
Pio (Pius) Nock ist eines der berühmtesten Mitglieder der Nock-Familie. Er tritt auch im Circus Knie oder – wie hier – im Circus Pilatus auf.
Pio ist der Cousin von Franz Nock, dessen Töchter den Circus Nock zuletzt führen. Die Bilder zeigen ihn Mitte der 1950er-Jahre im Circus Pilatus. Er ist mit der Tochter des Pilatus-Direktors verheiratet.
Pio wird als Clown, der über das Hochseil tanzt, berühmt – auch international.
Im US-Film Circus-Welt (1964) hat er einen Auftritt an der Seite von Westernlegende John Wayne. Nock spaziert als Clown-Double auf einem Hochseil über einen Löwenkäfig.
Pio begibt sich im Programm des Circus Knie an der Expo 64 mit dem Fahrrad aufs Hochseil.
Pio stirbt 1997 77-jährig während einer Vorstellung im Winterzirkus "Maskerade" in Dortmund.
Pio war der Grossonkel von Hochseilartist Freddy Nock.
Der Circus Nock ist der älteste Zirkus der Schweiz.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts reist die Familie Nock mit Arena und Zirkus durch das Land.
Die Bilder stammen aus einer Fotoreportage aus dem Jahr 1961 in Solothurn.
Der Zirkus wird Ende des 19. Jahrhunderts auch Bündner Nationalzirkus genannt.
Mit Zelt, eigenem Orchester und Elefanten geht es in die Alpentäler um Davos. Die Passüberquerungen sind teilweise spektakulär.
Auftritt mit einem Esel 1961 in Solothurn. 2018 umfasst der Tierbestand 10 Pferde, 5 Ponys, 2 Esel, 2 Kamele, 2 Lamas und ein Zebra.
Mehrmals wird das Zelt der Nock vom Wind zerstört. Ab 1942 ist der Zirkus zwölf Jahre ohne Zelt unterwegs.
Es folgen weitere Bilder von der Vorstellung 1961 in Solothurn.

Clown Pio ist am 7. März 1993 an der Premiere des Circus Nock in Frick AG in seinem Element.

Keystone

30 Jahre lang war mir jeweils ein bestimmter Samstagabend im März heilig. Ein einziges Mal war ich – gopfridschtutz – tatsächlich durch «höhere Macht» verhindert, in den Zauber unterm Chapiteau auf der Fricker Ebnet einzutauchen. Jenes Jahr ohne «Nock»-Premiere hat schon ein bisschen wehgetan. Heuer nun sollte sich die Vorfreude durch die angekündigte verkürzte Saison bis Juni hinziehen. Das Gedicht «Rondel del l’adieu» des französischen Schriftstellers Edmond Haraucourt beginnt mit der Zeile «Partir c’est mourir un peu...».

Jetzt, wo «mein Nock» einfach so verschwindet, sitze ich da mit einer Träne im Knopfloch. Nein, das ist untertrieben: Tränen kullern aus meinem Herzen. Zugegeben – das tönt ziemlich sentimental. Soll es, muss es, ist Zirkus doch auch ein Synonym für Sentiments. Zum weltweit wohl häufigsten aller Zirkus-Programmtitel, «Menschen – Tiere – Sensationen», gesellen sich für mich nahtlos «Emotionen».

Dreifachsalto unter der Kuppel

Als Journalistin habe ich über den «Knie», den «Royal», den «Monti», den «Stey», den «Fliegenpilz» geschrieben – mein zirzensisches Herzblut aber gehörte dem «Nock». Er war besonders authentisch, aufrichtig, ist sich über all die Jahre treu geblieben: Zwar ging er öfter mal hoch hinaus – etwa mit einem brasilianischen Dreifachsalto unter der Kuppel –, aber er verzauberte ohne übertrieben viel Schnickschnack.

Rosmarie Mehlin – im Bild – hat viele Erinnerungen an den Circus Nock, auch die Elefanten bleiben ihr unvergessen.
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Vor zehn Jahren zeigte der Circus Nock noch Raubtiernummern, hier Yvonne Muderack mit ihren Löwen.
Neben Raubtiernummern zeigte der Circus Nock auch Dressuren mit Eseln, Lamas und Kamelen.
Exotisch: Franziska Nock (l.) und Suzanne Chipperfield (r.) traten 2009 mit Zebras, Lamas und Kamelen auf.
Im Jahr 2010 feierte der Circus Nock sein 150-Jahr-Jubiläum unter anderem mit dieser Nummer in luftiger Höhe.
In der Tournee vor fünf Jahren zeigten die Mitglieder des Dream Circus Ethiopia ihre unglaubliche Beweglichkeit.

Rosmarie Mehlin – im Bild – hat viele Erinnerungen an den Circus Nock, auch die Elefanten bleiben ihr unvergessen.

Archiv

Auch wenn mir jetzt die moralische Exekution von veganen Promis und selbstgerechten Tierschützern droht, so gestehe ich, dass mir einst auch die Elefanten- und Raubtiernummern sehr gefielen; später waren es dann die Kamel-, Lama- und Esel-Dressuren. Sie mochte ich besonders, weil diese Vierbeiner nie so ganz taten, was der Zweibeiner in ihrer Mitte von ihnen erwartete. Die Pferde – zunächst unter Leitung von Vater Franz, aber bald schon unter jener von Tochter Franziska – garantierten Jahr für Jahr für Glanzpunkte im Programm. Einige Jährchen lang habe ich allerdings Franziskas finstere Miene im Sattel der hohen Schule moniert und – pssst – Mutter Verena Nock-Hochstrasser hat mir recht gegeben. Selbst nicht Artistin, ist sie durch und durch eine Zirkusmutter, die gute Seele der Wohnwagen-Burg.

In den späteren 80er-Jahren gab es vor der Premiere jeweils eine Pressekonferenz mit anschliessendem Nachtessen im «Platanenhof». Damals wurde der Grundstein gelegt für meine Treue zum «Nock» und die freundschaftliche Verbundenheit mit der Familie. Nicht nur einmal habe ich mir überlegt, wie es wäre, wenn ich eine Saison lang mitreisen würde, zum Beispiel als Büffethilfe. Inmitten der Familie Nock wäre ich sehr gut aufgehoben gewesen.

Zum Träumen gebracht

Welche Erinnerungen mir nach 30 Jahren geblieben sind? Da muss ich passen, weil ich zu viel gelacht, zu häufig den Atem angehalten, viel zu viel gestaunt habe, um mich an einzelne Höhepunkte, all die spannenden, unterhaltsamen, grandiosen Momente konkret erinnern zu können. Unvergesslich bleibt mir zum Beispiel Verena junior «Vreneli» als Schlangenmensch und die Begegnungen mit Eugene Chaplin. Der Sohn des grossen Charlie hatte zwischen 2003 und 2010 Regie geführt. In einem Interview hatte er mit folgendem Satz aus dem Herzen gesprochen: «Zirkusartisten bringen uns zum Träumen. Und obwohl ihre Arbeit sehr hart ist, bleiben sie immer mit beiden Beinen auf der Erde, auch wenn sie Stars werden. That’s a most amazing thing.»

So bleibt mir nur, mich mit einem Seufzer an einen Schlager zu erinnern: «Sag beim Abschied leise Servus, nicht Lebwohl und nicht Adieu, diese Worte tun nur weh. Doch das kleine Wörter’l Servus ist ein lieber letzter Gruss, wenn man Abschied nehmen muss...» Servus unvergesslicher «Nock».

Umfrage: Was sagen Sie zum Aus für den Circus Nock?

Johannes Muntwyler, Direktor Circus Monti: «Der Verlust eines Unternehmens mit grosser Tradition, das immer seriös unterwegs war, macht mich nachdenklich. Ich habe die Shows von ‹Nock› gerne besucht. Zwar sind der Circus Nock und der Circus Monti Unternehmen, die im Aargau beheimatet sind, wir standen aber nie in Konkurrenz. Bei den Tourneen sind wir gut aneinander vorbeigekommen.» (TWE/DKA)
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Christian Fricker, Präsident Fricktal Regio, Vizeammann von Frick: «Die Nachricht hat mich erschreckt und macht mich betroffen. Ich finde es sehr schade, dass es den Circus Nock nicht mehr gibt. Mit meinen Kindern war ich früher jedes Jahr im Zirkus, das gehörte eine Zeit lang fest zum Jahresprogramm. Wir verlieren auch ein Stück Fricktal, war der Zirkus doch hier zu Hause und feierte stets in Frick Premiere.»
Elisabeth Burgener, Grossrätin Gipf-Oberfrick: «Der Entscheid macht mich traurig. Es ist schade, dass in dieser schnelllebigen Welt kaum noch Platz für nostalgische Unterhaltung ist. Ich habe den Circus Nock immer gerne besucht. Wenn ich zukünftig mit dem Zug an Oeschgen vorbeifahre, aus dem Fenster schaue und das Winterquartier nicht mehr sehe, werde ich das Gefühl haben, dem Fricktal ist etwas verloren gegangen.»
Christoph Koch, Gemeindeammann Oeschgen: «Ich bedaure sehr, dass es den Circus Nock nicht mehr gibt. Ein Stück Tradition geht verloren. Ich habe die Familie in den Gesprächen, die wir geführt haben, als sehr angenehm erlebt. Dass die Situation für den Zirkus nicht einfach ist, zeichnete sich in den letzten Jahren ab. Es ist schade, dass dieses Traditionsunternehmen aufgeben muss.»
Fredy Knie, Direktor Circus Knie: «Das ist eine traurige Nachricht. Es ist jedoch ein Entscheid, der zu akzeptieren ist, weil er nicht von ungefähr kommt. Ich werde mich mit der Familie Nock über den Entscheid unterhalten.»

Johannes Muntwyler, Direktor Circus Monti: «Der Verlust eines Unternehmens mit grosser Tradition, das immer seriös unterwegs war, macht mich nachdenklich. Ich habe die Shows von ‹Nock› gerne besucht. Zwar sind der Circus Nock und der Circus Monti Unternehmen, die im Aargau beheimatet sind, wir standen aber nie in Konkurrenz. Bei den Tourneen sind wir gut aneinander vorbeigekommen.» (TWE/DKA)

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