Reise
Sie leben ihren Traum: Aargauer Ex-Gemeindeammann segelt auf den Weltmeeren

Der ehemalige Wölflinswiler Gemeindeammann Köbi Brem und Pia Koch haben ihre Jobs an den Nagel gehängt – und segeln seit Juni auf den Weltmeeren herum.

Thomas Wehrli
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Segeltörn von Köbi Brem und Pia Koch
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Immer wieder eine Wucht: Ein Sonnenaufgang an Bord zu erleben, hier vor Portscatho.
Schiffstaufe: Köbi Brem wäscht den alten Namen mit einer Flasche Sekt vom Schiff ab.
13,57 Meter lang, 4,06 Meter breit, 1,98 Meter Tiefgang: Die Lupina.
Köbi Brem und Pia Kochs Route zwischen Spanien und England

Segeltörn von Köbi Brem und Pia Koch

zvg

Sie sind dann mal weg. Köbi Brem, 57, und Pia Koch, 61, haben Ende Mai einen radikalen Schnitt gewagt, haben die Leinen der gutbürgerlichen Konventionen in der Schweiz gekappt. Sie sind aufgebrochen zu fernen Ufern, sind ausgebrochen aus dem Alltag, um ihren Lebenstraum zu verwirklichen.

Der Traum. Über die Weltmeere segeln, hart am Wind, Länder erkunden, leben, einfach leben. Nicht eine Woche, nicht einen Monat, nicht ein Jahr – so lange, wie es ihnen gefällt.

Und es gefällt. «Es ist genauso, wie wir uns das erhofft haben», erzählt ein gut gelaunter Köbi Brem, langjähriger Gemeindeammann von Wölflinswil, am Telefon. Mit ihrer Segeljacht, der Lupina, liegen sie gerade vor La Coruña, Spanien. Gestaunt hat Brem, wie schnell er die Welt, in der er jahrzehntelang verhaftet war, hinter sich gelassen hat. Der Job, die Politik, eine unendliche Aneinanderreihung von Terminen. «Es war, als lege ich einen Schalter um», beschreibt er das Gefühl, seit er auf dem Schiff ist. Es sei schon «eine krasse Entschleunigung» gewesen, räumt er ein. Und, ja, er habe manchmal auch etwas Angst davor gehabt, es könne ihm langweilig werden.

Nichts da. Vermisst hat er beides, Job und Politik, bislang keinen Augenblick. Er lacht. «Dazu habe ich auch keine Zeit.» Alles ist neu, alles anders, alles noch wie im Traum.

Der Traum. Koch und Brem hegten ihn schon mehrere Jahre, wussten genau: Wir machen die Jobs nicht bis 65, sondern lassen sie zu einem Zeitpunkt los, in dem wir noch jung genug sind, um gemeinsam über die Weltmeere zu segeln. Dann, vor etwa zwei Jahren, war für die beiden klar: 2018 stehen die Winde für uns günstig. Wieder lacht Brem. «Von dem Moment an, als wir uns auf ein Datum festgelegt hatten, wurde Pia kribbelig», erzählt er. Er selber habe keine Zeit gehabt, um nervös zu werden. Job, Politik, Ämtli.

Eines ums andere gaben sie ab. Politik, Ämtli, Jobs. Als Ammann trat Köbi Brem Ende 2017 zurück, die Jobs kündigten sie auf Ende April, die Wohnung räumten sie Ende Mai. Mit dem Auto hatten sie in den Wochen zuvor ihr Gepäck ins englische Brighton gebracht. Hier lag die Segeljacht im Hafen vertäut, die sie im Januar gekauft hatten. Am 30. Mai hoben sie dann definitiv ab – nach Brighton, rein geografisch, in ein neues Leben, innerlich.

1. Juni, Einzug auf das Schiff, heisst es im Logbuch. Einzug in das neue Zuhause, 13,57 Meter lang, 4,06 Meter breit, 1,98 Meter Tiefgang.

Poseidon positiv stimmen

2. Juni, Schiffstaufe. Für Koch und Brem war klar: Das Schiff, das vorher den Namen der Gattin des Eigners trug, bekommt einen neuen Namen. Und es soll unter Schweizer Flagge segeln. «Aus Heimatgefühl», so Brem. Über den Namen machten sie sich oftmals Gedanken. Für Lupina entschieden sie sich, die kleine Wölfin. Auch das eine Reminiszenz an die (alte) Heimat, an Wölflinswil. In fünf Schritten vollziehen sie die Taufe, nach altem nautischem Brauch. Namen entfernen, Namen ertränken, Neptun wohlwollend stimmen, Name vom Schiff waschen.

Schritt 5. «Nun erfolgt die eigentliche Taufe», schreiben die beiden auf ihrer Website (sy-lupina.ch). «Der Taufende sollte weiblich, nicht rothaarig und nicht schwanger sein, und keine grünen Kleider tragen.» Und mit einem grinsenden Smiley: «Pia ist perfekt geeignet dafür.»

Schweizer Flagge, wölfisch-heimatlicher Name – schwingt da also doch etwas Sehnsucht nach dem Zurückgelassenen mit? «Ja und nein», sagt Brem. Für den Ja-Teil in ihnen haben die beiden vorgesorgt: Sie bleiben per Internet und Whatsapp mit dem Festland verbunden und können so auch das Heranwachsen des Grosskindes mitverfolgen. Per Videobotschaften. «Zudem werden wir jedes Jahr ein- bis zweimal in die Schweiz reisen.» Er lacht. «In die Ferien, wenn man so will.» Vorläufig zum letzten Mal wird dies Ende August der Fall sein. Danach geht es erstmals auf wirklich grosse Fahrt. Denn die ersten Wochen waren vor allem «ein Kennenlernen» des Schiffes. Und des Inventars: Der Vorbesitzer hat viele Gegenstände an Bord gelassen. «Wir haben alles ausgepackt und versucht, uns die Gegenstände visuell einzuprägen – damit wir bei Bedarf wissen, was wir wo haben.» Zudem mussten sie einige zusätzliche Geräte installieren und Bestandteile auswechseln. Danach folgten kleinere Fahrten, um das Schiff kennenzulernen.

13. Juni, Segeln vor Brighton. «Wir werden oft gefragt, ob wir auch schon gesegelt sind, und wie sich das Schiff anfühlt», heisst es im Eintrag. «Sehr gutmütig, etwas träge zwar, aber absolut präzise und einfach zu steuern.» Es folgen kürzere Etappen (siehe Karte) vor England. Dann, am 7. August, setzen Brem und Koch zu ihrer ersten mehrtägigen Fahrt an, zum ersten grossen Schlag, wie es in der Seglersprache heisst. Von Flamouth nach La Coruña.

415 Seemeilen, 74 Stunden segeln, Rund-um-die-Uhr-Ablösung.

«Wir harmonieren auch hier perfekt», sagt Brem. Er ist der Nachtmensch und übernahm deshalb die Nachtschichten, von 24 bis Sonnenaufgang. Sie löste ihn bei Sonnenaufgang ab und er legte sich aufs Ohr – nach einem gemeinsamen Frühstück. Ab Mittag, wenn Brem wieder aufstand, wechselten sie sich «nach Lust und Laune» ab.

Im Winter in die Karibik

Die erste Bewährungsprobe, wenn man so will, haben die beiden mit Bravour gemeistert. Und auch mit dem Schiff läuft es rund. Gut, der eine oder andere kleinere Schaden tritt schon auf – aber das gehört bei einem 12-jährigen Schiff schliesslich dazu. Und Brem, der 30 Jahre lang bei «ABB Turbolader» gearbeitet hat, weiss sich zu helfen.

In dieser Woche geht es der spanisch-portugiesischen Küste entlang Richtung Süden – immer so weit, wie sie der Wind trägt.

Nächster Fixpunkt werden die Kanarischen Inseln sein, «so gegen Ende September», sagt Brem. Hier wird nochmals alles durchgecheckt, hier werden die Vorräte und der 600-Liter-Tank aufgefüllt. Dann heisst es: Leinen los, über den Atlantik, in die Karibik. Gegen Ende Jahr werden sie dort eintreffen und «ein bis zwei Jahre» in dieser Region segeln. Gesamthaft sollen es «fünf bis zehn Jahre» werden. Oder eben: «So lange es uns gefällt.»

Die Wohnung in Wölflinswil haben sie behalten und vermieten sie. So haben sie ihren Ankerpunkt. Für die Zeit nach der Segelzeit. Wieder schmunzelt Brem. Auch für diese Zeit, die noch ferne, haben sie bereits erste Pläne: Das Festland per Wohnmobil erkunden.

Die beiden leben ihren Traum und verträumen nicht ihr Leben. Es braucht eine gehörige Portion Mut, den sicheren (Job-)Hafen zu verlassen und aus dem Alltag auszubrechen. «Doch es lohnt sich», ist sich Brem sicher. Sein Rat: «Man muss den ersten Schritt auch einmal machen und nicht immer nur davon reden.»

Dass sich das finanziell nicht jeder gleich gut leisten kann, weiss auch Brem. Er ist jedoch überzeugt: «Es findet sich immer ein Weg, wenn man es wirklich will.» Für die grosse Fahrt. Ins Leben. Mit oder ohne Schiff.

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