Möhlin
Soziales Engagement: Lotti Berner hat globalisiert

Die Realschullehrerin setzt sich seit elf Jahren für Kinder und Jugendliche in Senegal ein.

Andrea Freiermuth
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«Ich musste einfach etwas tun»: Lotti Berner mit der kleinen Penda. Samuel Trümpy

«Ich musste einfach etwas tun»: Lotti Berner mit der kleinen Penda. Samuel Trümpy

Samuel Truempy

Wer in Möhlin die Oberstufe besucht hat, weiss, wer Lotti Berner ist: Generationen von Teenagern kennen die Realschullehrerin als charakterstarke Frau. Bestimmt im Auftritt, verständnisvoll im Gespräch und stets über ihren Job hinaus engagiert. Schon immer hat die inzwischen 60-Jährige ihr Engagement nicht nur auf die Kids in ihrer Klasse beschränkt, sondern sich auch für die Anliegen von anderen Jugendlichen im Dorf eingesetzt. So war sie beispielsweise massgeblich am Aufbau des Vereins «Offene Jugendarbeit Möhlin» beteiligt und mitverantwortlich, dass Möhlin heute einen betreuten Jugendtreff hat.

Ferienreise gab den Ausschlag

Vor elf Jahren setzte Lotti Berner ein Semester aus und globalisierte ihr Engagement. Sie gründete den Verein «Amis du Senegal» (www.amisdusenegal.ch), um im westlichsten Land Afrikas ein Kinderhaus zu eröffnen: «Ich hatte den Senegal zuvor als Touristin besucht. Der Anblick der bettelnden Kinder hat mich beelendet. Ich musste einfach etwas tun», erinnert sich Lotti Berner.

Heute seien vor allem die vielen leuchtenden Augen, die sie bei jedem Besuch erwarten, Ansporn zum Weitermachen: «Ich bin unglaublich dankbar und glücklich, über das, was wir in den letzten zehn Jahren erreichen konnten.» Der Verein ist im Senegal inzwischen als Nichtregierungsorganisation anerkannt und arbeitet eng mit den Behörden zusammen.

Für den Start konnte Lotti Berner auf die Hilfe von senegalesischen Freunden zählen, die sie über das Festival der Kulturen kennen gelernt hatte, bei dessen Gründung sie übrigens ebenfalls mit dabei war. Die guten Kontakte vor Ort sind auch der Grund, warum das Projekt in der Stadt Mbour angesiedelt ist, rund 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Dakar. «In Afrika funktioniert vieles anders, ohne die Hilfe meiner einheimischen Freunde hätte ich für vieles mehr Zeit benötigt – und wäre wohl x-mal übers Ohr gehauen worden.»

Um die Gelder, die sie mit ihrem Verein in der Schweiz sammelt, möglichst effizient einzusetzen, schickt Lotti Berner bei Verhandlungen mit Händlern oder Handwerkern stets ihre senegalesischen Freunde oder die Angestellten des Kinderhauses vor: «Wenn ich als Weisse auftauche, kostet es in der Regel doppelt so viel», erzählt sie und lacht.

Für den Betrieb des Kinderhauses benötigt der Verein monatlich rund 2500 Franken. Die grössten Ausgabeposten sind die Löhne für sieben Personen und das Essen für alle. Im Haus wohnen derzeit 19 Kinder. Einige lebten auf der Strasse oder in sehr schwierigen familiären Verhältnissen. Ins Kinderhaus kamen sie durch die Vermittlung der Behörden. «Das Heim funktioniert wie eine afrikanische Grossfamilie und soll den Kindern Sicherheit und Geborgenheit vermitteln», so Lotti Berner, «darum mache es keinen Sinn weiter zu wachsen». Trotzdem steigen die Ausgaben stetig, weil der Verein inzwischen auch das Schulgeld von rund 150 externen Kindern bezahlt.

Für 70 Franken in die Schule

Immer wieder kommen Leute im Kinderhaus vorbei und wollen Kinder abgeben, ihre eigenen oder diejenigen von verstorbenen Angehörigen. Oft stellt sich dann im Gespräch heraus, dass sie sich vor allem eine gute Bildung für den Nachwuchs wünschen.

«Für die Kinder ist es aber auf jeden Fall besser, im Familienverbund zu bleiben», weiss die erfahrene Erzieherin – und darum sei man auf die Lösung mit dem Schulgeld gekommen. Mit 70 Franken kann man im Senegal den Schulbesuch eines Kindes während eines Jahres sichern. Kindern und Jugendlichen, die besonders gute Leistungen zeigen, ermöglicht der Verein den Besuch einer Privatschule, die im Schnitt 200 Franken mehr kostet. «In den staatlichen Schulen fällt der Unterricht wegen streikender Lehrkräfte oft aus und das Niveau ist viel tiefer», erzählt Lotti Berner. Darum sei die Durchfallquote bei der Matura zuweilen bei über 75 Prozent.

Zöglinge haben Fuss gefasst

Einige von Lotti Berners senegalesischen Zöglingen sind dem Kinderhaus inzwischen bereits entwachsen. Etwa Modou und Moulay, die nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung ein Grundstück zweieinhalb Stunden südlich von Mbour bewirtschaften. Oder Vieux, der sich zu einem selbstbewussten jungen Mann entwickelt hat und nach zweijähriger Arbeitserfahrung als «Charettefahrer» jetzt auf eigenen Beinen steht. «Zu sehen, wie wir diesen Jugendlichen eine Zukunft geben konnten, ist wunderschön», sagt Lotti Berner. In Afrika könne man mit wenig viel bewirken – vor allem wenn man bei Kindern und Jugendlichen ansetze.

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