Kolumne
Sport ist Mord?

Annemarie Pieper schreibt in ihrer Kolumne über mörderischen und heiter machenden Sport.

Annemarie Pieper
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Symbolbild.

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Keystone

Winston Churchill (1874– 1965) wurde 91 Jahre alt. Sportliche Betätigungen hat er vermieden, weil sie aus seiner Sicht lebensverkürzend waren. Sport ist Mord, so seine Überzeugung. Für die englische Mentalität und die allgemeine Sportsman-Begeisterung in Grossbritannien eher ungewöhnlich, fühlte sich er weder zu Fuchsjagden oder Polospielen noch zu Golf- oder Tennisturnieren hingezogen.

Behäbig, bewegungsunlustig Zigarren qualmend widerlegte Churchill die gängigen Vorstellungen von nachhaltiger Gesundheit. Sein langes Leben scheint ihm recht gegeben zu haben. Natürlich weiss man nicht, wie alt er geworden wäre, hätte er sich wenigstens zu minimalen Leibesertüchtigungen aufgerafft. Doch möglicherweise wäre dies für ihn gerade kontraproduktiv gewesen. Denn auf dem politischen Parkett war er ein Schwergewicht, ein Weltchampion der Diplomatie.

Annemarie Pieper war von 1981 bis 2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Sie lebt seit 1988 in Rheinfelden. Letztes Buch «Einführung in die Ethik», 7. Auflage, Tübingen 2017.

Nach heutigem wissenschaftlichem Erkenntnisstand ist dies allerdings ein Rätsel. Körperliche Bewegung bringe auch das Gehirn auf Trab – so wird es uns aus medizinischer Sicht eingebläut. Deshalb müssten den Couch-Potatos und sonstigen Bewegungsmuffeln Beine gemacht werden, damit ihre stillgelegten kleinen grauen Zellen wieder Fahrt aufnehmen. Läuft es dann aber nicht gerade auf einen Selbst-Mord hinaus, wenn ein Gehirn, zudem noch ein tabakvernebeltes, von einem erschlafften Körper keine Impulse bekommt, die es zu intellektuellen Leistungen antreiben?

Vielleicht hatte Churchill ein Perpetuum mobile im Kopf, das immun war gegen die Trägheit seiner Leibesfülle und sogar davon profitierte, dass der Körper, vollständig absorbiert durch sein Genussverlangen, den geistigen Inspirationen nicht ins Gehege kam. Könnte es sein, dass ein stillgestellter, zufrieden in sich ruhender Organismus das Gehirn von der Konzentration auf die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse befreit und die neuronale Arena ganz dem Spiel der Gedanken überlässt?

Eine breite sportbegeisterte Bevölkerung hält sich jedoch an die griechisch-römische Devise vom gesunden Geist im gesunden Körper und widerlegt mit unbändiger Freude an Bewegung den Mordverdacht gegen den Sport. Wenn ganze Familien mit Kind und Kegel bei den Fricktaler slowUps auf Velos und Inlineskates lustvoll über die sonst dem Autoverkehr vorbehaltenen Strassen rollen, herrscht ein fröhliches Miteinander, das in den Pausen zu anregenden Unterhaltungen führt.

Das Gleiche geschieht beim Seniorenwandern, bei Schiesswettbewerben für Jugendliche und dem Sackhüpfen für die Kleinsten. Gar nicht erst zu reden von den zahlreichen regionalen Fussball-, Volleyball- und Radball-Matchs, den Mountainbike-, Leichtathletik-, Tennis- und Pontonierveranstaltungen.

Sport wird nur mörderisch, wenn er zu verbissenen Rekordjagden antreibt und den Körper schikaniert. Doch massvoll betrieben und den individuellen Kräften angepasst sorgt er für ein heiteres Gemüt.

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