Rheinfelden

Stadt stellt Entwicklungskonzept vor – Bevölkerung soll mit Fragebogen mitwirken

Die Gemeinden Möhlin und Rheinfelden möchten 2020 eine Testplanung für das rund 12,5 Hektaren grosse Areal nördlich des Möhliner Bahnhofs starten. Das Areal wird im Raumentwicklungskonzept Rheinfelden als eines der Schlüsselgebiete bezeichnet. Bild: zvg

Die Gemeinden Möhlin und Rheinfelden möchten 2020 eine Testplanung für das rund 12,5 Hektaren grosse Areal nördlich des Möhliner Bahnhofs starten. Das Areal wird im Raumentwicklungskonzept Rheinfelden als eines der Schlüsselgebiete bezeichnet. Bild: zvg

Am Montagabend wurde das Raumentwicklungskonzept Bevölkerung vorgestellt. Bis zum 31. Dezember können die Rheinfelderinnen und Rheinfelder anhand eines Fragebogens daran «mitwirken».

Gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung hat der Stadtrat Rheinfelden ein Raumentwicklungskonzept (REK) erarbeitet. Das Konzept dient als Orientierungsrahmen für die zukünftige Entwicklung der Stadt und als Grundlage für die anschliessende Revision der Nutzungsplanung. Am Montagabend wurde das Raumentwicklungskonzept der Bevölkerung an einer öffentlichen Informationsveranstaltung im Musiksaal der Kurbrunnen-Anlage vorgestellt. Einige Einwohnerinnen und Einwohner nutzten die Möglichkeit, ihren Mut oder Unmut bezüglich des Bevölkerungswachstums in den nächsten Jahren kundzutun.

Das neue Konzept kann auf der Website der Stadt eingesehen werden. Bis zum 31. Dezember kann man anhand eines Fragebogens «mitwirken», sagte Stadtrat Hans Gloor am Montag. «Aufgrund mehrfacher Anfragen wird der Stadtrat noch überlegen, diese Frist zu verlängern», erklärte Stadtammann Franco Mazzi gestern der Aargauer Zeitung.

«Der Versuch einer Vorausschau»

Das Raumentwicklungskonzept sei anhand des kommunalen Leitbilds 2040 in einer Zusammenarbeit von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung sowie dem Zürcher Städtebaubüro sa_partners, entwickelt worden. Es bilde den Orientierungsrahmen für die künftige Entwicklung der Stadt Rheinfelden, schilderte Franco Mazzi. «Gouverner, c’est prévoir», zitierte er den Franzosen Émile de Girardin und bezeichnete das Konzept als «Versuch einer Vorausschau».

Es seien Zahlen und Vorgaben vom Kanton, anhand derer das REK elaboriert wurde. «Der Kanton Aargau definierte, wo noch gebaut werden darf und wo nicht», sagte Rheinfeldens Stadtammann. «Ziel ist es, nicht in Tälern und Hügellandschaften weiter zu bauen, sondern in Gebieten, die nahe grosser Verkehrsrouten lägen.» 13 642 Einwohner zählt die Zähringerstadt heute. «2031 könnten es 15 330 und im Jahr 2040 gar 16 500 Menschen sein, vermutet man in Aarau. Wo und wie werden diese Menschen wohnen und arbeiten, ist die Frage.»

Seit 2008 weise die Stadt eine Bevölkerungszunahme von 20 Prozent auf, erklärte im Anschluss Stadtbaumeister Urs Affolter. Der Wakkerpreis von 2016 bestätige, dass Rheinfelden eine qualitativ hochstehende Entwicklung erreichen könne. «Die planerischen Grundlagen sind heute jedoch am Ende ihrer Lebensdauer und verlangen eine Anpassung.»

Aufgrund einer interdisziplinären Betrachtung entwarfen Dunia Kovari-Binggeli und Angela Wiest vom Städtebauplanungsbüro sa_partners fünf Visionen: «Leben am Rhein», «Historische Altstadt und neue Mitte», «Entwicklungspotenziale», «Verbindungen und kurze Wege» sowie «Leben in den Quartieren». Räumliche Entwicklung und qualitative Verdichtung soll es insbesondere in sieben Schlüsselgebieten geben, die eine strategische Lage, Funktion, Grösse und grosses öffentliches Interesse aufweisen. Dazu gehören das Gebiet Weiherfeld West (westlich vom Augarten), das Engerfeld, die Rheinparzelle beim Salmen West (Nähe Strandbad), die freie Fläche bei der Rheinlust, das Bahnhofsareal, der Schützen-Parkplatz und der Entwicklungs- und Wohnschwerpunkt Rheinfelden-Ost/Möhlin.

Wohnen, Arbeit und Freizeit im gleichen Quartier

Die Stichworte «Nutzungsdurchmischung von Wohn- und Arbeitsformen», «Kombination der Mobilität» und «klimaverträgliche Gestaltung der Räume» wurden im Verlauf der städtebaulichen Ausführungen von Wiest und Kovari-Binggeli wiederholt. So zeigten sie sich überzeugt, dass «die Nutzungsdurchmischung zwischen Wohn- und Arbeitsformen», auch «Gewerbe 4.0» genannt, ausschlaggebend für die Raumplanung der Zukunft sei. Die Menschen der Zukunft würden demnach, ähnlich wie es Le Corbusier vor bald hundert Jahren in seiner «L’habitation» vorgesehen hat, im selben Quartier oder Haus wohnen, arbeiten und die Freizeit verbringen.

Die «Kombination der Mobilität» oder «Share Using» stellt sich Angela Wiest folgendermassen vor: «So geht man zu Fuss zum Bahnhof, nimmt den Zug und schliesslich das E-Trottinett.» Rheinfelden verfüge gleich über mehrere Bahnhöfe, eine Schweizer Rarität, fügte Kovari-Binggeli hinzu. Für das neu zu erschliessende Gebiet Rheinfelden-Ost/Möhlin, das durchaus als «Zukunftslabor» bezeichnet werden könne, werde die Nähe zum Bahnhof Möhlin zentral sein. Für den Hauptbahnhof Rheinfeldens wiederum sieht das Raumentwicklungskonzept eine wichtige Scharnierfunktion im Stadtgrundriss vor, und zwar als «Eingangssituation» von Rheinfelden. Angela Wiest erwähnte dabei etwa eine Station von E-Bikes beim Bahnhof.

Die Schweizerinnen und Schweizer erlebten ja gerade eine grüne Welle, hiess es am Infoabend. «Rheinfelden hat ein grosses Potenzial in puncto Stadtklima», erklärte Wiest und unterschied zwischen steinernen Zonen, «so genannten Wärmeinseln», und grünen Zonen; zwischen beständigen Gebieten und dynamischen Gebieten. Die «klimaverträgliche Gestaltung der Aussenräume» zum Beispiel soll durch Schattenplätze oder Sickerungsböden realisiert werden.

Unterschiedliche Ansichten der Parteien

Kein Thema war dagegen die Tatsache, dass die Mehrheit der Aargauer, politische Abstimmung hin oder her, das Auto dem öffentlichen Verkehr vorziehen. Die Frage, wie die «Entflechtung des individualisierten und motorisierten Verkehrs» stattfinden soll, wurde nicht beantwortet.

Während im Anschluss SVP-Vertreter ihren prinzipiellen Unmut gegenüber noch mehr Bevölkerungswachstum betonten, stellten Vertreter von Grünen und Grünliberalen die Wichtigkeit des klimabewussten Verhaltens von jedem einzelnen in den Vordergrund. Auch stellt sich die Frage, ob der Entwicklungs- und Wohnschwerpunkt Rheinfelden-Ost/Möhlin für Menschen unterschiedlichen Einkommens erschwinglich sein wird.

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