Rheinfelden

Untergegangen: Eine Ode an den Rheinsteg, der nie war und nie sein wird

Ein letzter Blick: Den Rheinsteg – hier in einer Visualisierung – wird es so nie geben.

Ein letzter Blick: Den Rheinsteg – hier in einer Visualisierung – wird es so nie geben.

Der Rheinsteg bewegte jahrelang die Gemüter in Rheinfelden. Nun ist klar: Er wird nie gebaut. Ein Abschiedslied in fünf Strophen.

Er war ein Leuchtturmprojekt, eine Vision, eine Investition in die Zukunft, ein Jahrhundertprojekt. Für die einen. Er war eine gewöhnliche Brücke, ein überteuertes Prestigeobjekt, eine Geldvernichtungsmaschine, ein Ärgernis. Für andere.

Der Rheinsteg. Er hat die Einwohner von Rheinfelden über zehn Jahre lang begleitet, hat sie bewegt, hat kontroverse Debatten ausgelöst. Er hat die Rheinfelder, wie ein Fluss, in zwei Ufer geteilt: dafür oder dagegen. Dazwischen gab es nichts. Fast nichts, denn einigen war er auch schlicht egal.

Nun ist klar: Der Rheinsteg wird nie gebaut; die Brücke bleibt eine Vision oder Illusion, je nach Perspektive. Denn in der Referendumsabstimmung haben am Sonntag bei einer Stimmbeteiligung von 50,7 Prozent 2000 Nein zum Zusatzkredit über 3,2 Millionen Franken gesagt, 1853 stimmten ihm zu. Damit wurde der Rheinsteg mit 51,9 Prozent der Stimmen im Rhein versenkt.

Was bleibt? Die Visualisierung, das Gefühl, dass in der Stadt eine gute Streitkultur herrscht, Geld in der Kasse, das man nun für andere Projekt einsetzen kann. Und es bleiben zwei Gesichter: Zufriedene auf der einen Seite, insbesondere bei der SVP und der GLP, die das Referendum ergriffen hatten; enttäuschte auf der anderen, insbesondere bei der IG Pro Steg und den Stadtvätern. Beidseits des Rheins.

Klaus Eberhardt, Oberbürgermeister von badisch Rheinfelden, schmerzt der Entscheid ebenso wie seinen Schweizer Amtskollegen Franco Mazzi (AZ von gestern). Man habe an den Brückenschlag geglaubt und darin ein Leuchtturmprojekt gesehen, so Eberhardt gegenüber dem «Südkurier». «Es ist traurig, dass wir diese Erwartungen nicht erfüllen konnten.»

Und was bleibt real zurück? Ausgaben von mindestens zwei Millionen Euro, die beide Städte zusammen schon getätigt haben. Etwas Arbeit bleibt ebenfalls zurück, denn die beiden Städte müssen nun die «Rückabwicklung» des Projektes in Angriff nehmen, wie Stadtschreiber Roger Erdin sagt. «Es müssen unter anderem alle involvierten Planer, Unternehmungen, Bewilligungsbehörden und Förderstellen informiert werden.»

Der Rheinsteg ist also Geschichte, noch bevor er (Brücken-)Geschichten schreiben konnte, noch bevor jemand auf ihm trällern konnte: «Über diese Brücke musst du gehn.» Wer (unter-)geht, ist der Rheinsteg, und die AZ blickt ihm ein letztes Mal nach. Ein Abschied in fünf Strophen.

Erste Strophe: das Ende.

Das alte Rheinkraftwerk wird 2010 abgerissen und auch der Eisensteg muss weichen. Viele, allen voran die Mitglieder der IG Pro Steg, kämpfen für den Erhalt dieses Zeitzeugen der Industrialisierung, dieses Brückenschlags zwischen dies- und jenseits, dieser Kultur der Laufkultur. Der Steg war beliebt bei den Rheinfeldern. Immer wieder sonntags traf man viele auf dem Steg an, wie sie ihre Spazierrunde drehten. «Schwoberundi» nannten die Einheimischen den Rundweg über den Eisensteg und die alte Rheinbrücke. Ideal für einen Sonntagsspaziergang nach einem gut mundenden Essen war die Runde. Der Ausdruck ist, zugegebenermassen, politisch nicht ganz korrekt; er war aber nie böse oder abschätzig gemeint, sondern war stets Ausdruck einer tiefen Verbundenheit. Zwischen beiden Städten.

Zweite Strophe: der Neuanfang.

Nach dem Abriss des alten Eisenstegs wird schnell der Wunsch nach einem Ersatz laut. Die beiden Rheinfelden starten die Planung, sind zuversichtlich, vielleicht sogar etwas euphorisch, schreiben einen Wettbewerb aus, präsentieren acht Projekte, wählen jenes des Ingenieurbüros Miebach aus. Es gefällt (fast) allen. Die Kostenschätzung beläuft sich auf rund sieben Millionen Franken. Sie sollen je hälftig von den beiden Rheinfelden gestemmt werden.

«Das passt», sagen die Rheinfelder. Die Stadtkasse ist voll, Subventionen sind zugesichert. Es bleibt nach Abzug der Beiträge ein Restbetrag von 1,5 Millionen Franken – einen Betrag, den man stemmen kann. Und will. An der Gemeindeversammlung im März 2016 stimmen die Rheinfelder dem Projekt klar zu und sprechen den Bruttokredit über 3,73 Millionen Franken.

Dritte Strophe: die Aufmüpfigen.

Zu einem ersten Intermezzo, zu einer ersten Trübung des Wassers kommt es bereits vor dem Ja auf Schweizer Seite in badisch Rheinfelden. Hier hatte die «Aktion Bürgerentscheid Rheinsteg» 3652 Unterschriften für die Durchführung eines Bürgerentscheids gesammelt. Dieser findet Ende Januar 2016 statt. Für den Steg stimmen 4174 Einwohner, dagegen 4474. Dann war es das schon gewesen? Nein, denn das nötige Quorum von 20 Prozent der Stimmberechtigten wird nicht erreicht und der Gemeinderat bleibt trotz Volksnein bei seinem Ja.

Vierte Strophe: die Vogelfalle.

Für das zweite Intermezzo auf dem Weg zum Rheinsteg sind die Planer verantwortlich. So filigran ihr Werk auch wirkt, so gefährlich ist es auch – für Zugvögel. Sie könnten die Tragseile im Flug nicht sehen und diese würden so zur Todesfalle, monierte Birdlife Aargau während der Auflage des Baugesuchs und fordert Nachbesserungen.

Städte und Vogelschützer einigen sich darauf, dass die Tragseile mit sogenannten Verblendungen bestückt werden. Das sind schwarz-weisse Metallwimpel, welche die Vögel im Flug erkennen können. Das Projekt ist somit wieder im Landeanflug.

Fünfte Strophe: der doppelte Schock.

Einen ersten Dämpfer erlebt der Rheinsteg in Sachen Kosten 2017. Probleme, die man beim Wettbewerb noch nicht erkannt hatte – unter anderem eine Wasserleitung und ein Kanal – sorgen dafür, dass die Kosten von 7 auf 9,5 Millionen Euro steigen. Der Zuversicht kann dies (noch) keinen Abbruch tun, denn schliesslich ist man drauf und dran, ein Jahrhundertprojekt zu realisieren. Und solche Projekte kosten eben.

Der Bau des Rheinstegs wird nun öffentlich ausgeschrieben. Für ein erstes Stirnrunzeln sorgt bei den Stadtvätern, dass überhaupt nur zwei Offerten eingehen. Für weit aufgerissene Augen sorgt der Blick in die Offerten. 14,4 Millionen Franken steht da – und das in der günstigeren Offerte.

Sechste Strophe: die Verhandlungen.

Geht nicht, sagen sich die Stadtväter beidseits des Rheins. Sie heben die Ausschreibung auf und verhandeln mit den Anbietern. Mit leichten Projektanpassungen – zum Beispiel sollten günstigere Bodenplatten verbaut werden – kann die Offerte der Strabag AG, die günstiger offeriert hatte, auf 12,65 Millionen Euro gedrückt werden.

Siebte Strophe: das Bangen.

Beidseits des Rheins werden somit Zusatzkredite fällig. Der Gemeinderat in badisch Rheinfelden genehmigt die zusätzlichen 700 000 Franken. Dass badisch Rheinfelden deutlich weniger Geld nachbuttern muss als die Schweizer – hier beträgt der Zusatzkredit 3,2 Millionen Franken – liegt daran, dass die Subventionstöpfe auf deutscher Seite nochmals deutlich abgeschöpft werden konnten; insgesamt wollten Land und EU knapp vier Millionen Euro an den Steg zahlen.

In der Schweiz sind die Subventionstöpfe dagegen bereits nach der ersten Runde ab- respektive ausgeschöpft. Es bleibt bei einer Beteiligung von 2,24 Millionen Franken durch Kanton und Aggloprogramm.

Achte Strophe: das Auf und Ab der Gefühle.

An der Gemeindeversammlung im Juni geht es hitzig zu. Nach einer kontroversen Debatte genehmigen die Rheinfelder mit 222 Ja- gegen 181 Nein-Stimmen den Zusatzkredit.

Zeit zur Freude bleibt den Stegbefürwortern aber keine. Noch gleichentags kündigen GLP und SVP das Referendum an. Dieses kommt mit 1093 Unterschriften klar zustande. Nötig waren 768.

Neunte Strophe: der Schwanengesang.

Es zeichnet sich in Bezug auf die Referendumsabstimmung zweierlei früh ab: Erstens, dass die Stimmbeteiligung hoch sein wird. Und zweitens, dass das Resultat eng ausfallen wird. Beides tritt am Sonntag ein. Der Zusatzkredit wird bei einer Stimmbeteiligung von 50,7 Prozent mit 51,9 Prozent abgelehnt.

Zehnte Strophe: der Refrain.

Noch einmal stellt sich die Frage: War es das nun? Oder kommt ein neuer Rheinsteg geflogen, der einfacher daherkommt, günstiger auch? So wie es aktuell aussieht, war es das – zumindest in absehbarer Zeit. Ob künftige Einwohner das Thema wieder aufgreifen werden, könne er nicht abschätzen, sagte Mazzi am Sonntag zur AZ.

War es das? Es wars.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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