Jubiläum

Von Fratzen, Raffeln und Rissen: Die Kirche Herznach wird am Sonntag 300 Jahre alt

Für den Historiker ist es eine der schönsten Kirche im Fricktal. Der Präsident der Kirchenpflege Herznach-Ueken nimmt uns auf eine Tour des speziellen Gebäude mit.

Etwas stolz ist er schon auf «seine» Kirche. Linus Hüsser, Historiker und seit 17 Jahren Präsident der Kirchenpflege Herznach-Ueken, schreitet durch das Kirchenschiff, zeigt auf diese Malerei, leitet das Auge auf jenes Detail. «Doch», sagt er dann, nickt. «Mir gefällt die Kirche sehr. Sie gehört zu den schönsten im Fricktal.»

Und zu den Älteren: Vor 300 Jahren, 1719, wurde die heutige Kirche durch Weihbischof Johann Christoph Haus, den Sohn des damaligen Löwenwirts in Stein, eingeweiht. Teile der Kirche sind weit älter; der Kirchenturm beispielsweise stammt von 1340.

Am besten gefallen Hüsser die Deckenmalereien des Tessiner Künstlers Francesco Antonio Giorgioli, die 1720 und 1721 entstanden sind. «Es gibt selten eine Dorfkirche, in der die ganze Chordecke ein einziges Gemälde ist», sagt Hüsser, läuft in den Chorraum, schaut lange an die Decke hoch. «Ein wunderbares Gemälde», sagt er dann.

Der Maler stellte sich selber als Pilger dar.

Der Maler stellte sich selber als Pilger dar.

Er selber setzt sich gerne ab und an in einen der Kirchenbänke, betrachtet die Bilder. «Auch nach Jahren entdeckt man immer wieder Neues.» Schade findet Hüsser einzig, dass zehn Jahre nach dem Bau des Chors ein derart grosser, dunkler Hochalter in die Kirche eingebaut wurde. «Er macht den lichtdurchfluteten Barockbau schwer», findet Hüsser, zuckt mit den Schultern. «Aber das war vielleicht halt der Geschmack der damaligen Zeit.»

Das Kirchenjubiläum, das morgen Sonntag mit einem Festgottesdienst mit Weihbischof Denis Theurillat gefeiert wird, bedeutet Hüsser viel. Er lacht. «Als Historiker und Kirchenpflegepräsident habe ich doppelten Grund zum Feiern.»

Wobei: Eigentlich wäre das Jubiläum ja erst Anfang November; dann wurde die Kirche mit dem neuen Chor eingeweiht. «Wir haben den Termin bewusst vorgezogen, da es sich im Sommer besser feiert», erklärt Hüsser, schreitet vom Chor zurück ins Schiff zu den Kirchenbänken, bleibt vor einem stehen, zeigt auf die Bankwange. Es ist die erste von insgesamt 10 Besonderheiten der Kirche, die er der AZ zeigt.

1 Die Bankwangen. Sie zeigen böse Fratzen. Nicht alle Gesichter sind gleich, einige haben Zähne, andere nicht. Hergestellt hat sie der Architekt der Kirche, Johannes Pfeiffer aus Säckingen. Dieser war ursprünglich Schreiner, dann Stadtbaumeister von Säckingen. Die Fratzen entstanden wie das Kirchenschiff bereits einige Jahre vor dem neuen Chor, um 1694. Für die Fratzen hat Hüsser zwei Interpretationen. Entweder sollten sie das Böse so erschrecken, dass es sich nicht in die Bänke setzt. Oder man zwang das Böse in den Dienst, verdonnerte es dazu, die Bänke zu halten, auf die sich die Gläubigen setzen.

2 Das Deckenbild im Chor. Das Gemälde dehnt sich nicht nur über den ganzen Chorraum aus, der Maler, Francesco Antonio Giorgioli, hat sich darauf auch selber verewigt. Hüsser zeigt auf einen knienden Pilger mit schwarzem Umhang. «Das Gesicht gehört Giorgioli», sagt er. Eine Portion Narzissmus ist dem Tessiner nicht abzusprechen: Auch in anderen Kirchen, unter anderem in Frick, hat er sein Konterfei in die Deckengemälde integriert.

3 Der Kirchenpatron. Patron der Herznacher Kirche ist der heilige Nikolaus, der «Nebenpatron» ist der heilige Martin. Sie stehen links und rechts im Hochaltar. «Nikolaus hat bei der Herstellung mehr Gold abbekommen, Martin mehr Silber», erzählt Hüsser. Zufall? «Vermutlich nicht.»

4 Medaillons im Chorraum. Rund um den Chor prangen an der Decke zehn Medaillons mit kleinen Bildern. «Man wusste lange nicht, was sie bedeuten sollten», so Hüsser. Für den Kunstdenkmäler-Band über den Bezirk Laufenburg, der im Dezember erscheint, stieg Edith Hunziker von der kantonalen Denkmalpflege in die Archive und fand heraus: Sie alle haben einen Bezug zum heiligen Nikolaus.

Eines der Symbole, ein Bienenstock mit der Inschrift «Natura mitis», milde Natur, etwa illustriert den milden Charakter, den man Nikolaus zuschrieb.

5 Das Wappen. Über dem Chorbogen in Richtung Schiff prangt das Wappen des Stiftes St. Martin in Rheinfelden. Das Stift hatte das Patronat über die Kirche inne und war damit für den Bau und Unterhalt des Chorraumes sowie des Pfarrhauses zuständig. Gleichzeitig besoldete das Stift auch den jeweiligen Pfarrer. Als Gegenleistung erhielt es von der Gemeinde den Zehnten. «Der Patronatsherr hatte deshalb das Recht, sein Wappen im Chorraum anzubringen», so Hüsser.

Für das Kirchenschiff war die Vogtei Herznach zuständig; sie entsprach ungefähr der heutigen Kirchgemeinde Herznach-Ueken.

6 Doppeladler. Bei der letzten Renovierung der Kirche, 1970, wurde die alte Orgel demontiert und eine neue eingebaut. Dabei kam an einer Wand, die bislang verdeckt war, ein grosser Doppeladler mit Österreicher Wappen zum Vorschein. Die beiden Adler, Symbol des Kaisers, halten, wie es sich für ein Herrscherwappen gehört, Reichsapfel und Schwert.

7 Die Madonna. Mitten auf der Orgel, vom Kirchenschiff aus gut sichtbar, steht eine Madonna-Statue. «Sie wurde früher bei Prozessionen mitgetragen», erzählt Hüsser. Man stellte sie auf eine Tragbahre und trug sie zu viert durch das Dorf – oder auch nur rund um die Kirche, wenn es eine kleine Prozession war. Mit dabei war die Madonna an Fronleichnam, aber auch bei Rosenkranzprozessionen, die es heute nicht mehr gibt. Bei der Kirchenrenovation 1970 suchte man dann einen Platz für die prozessional nicht mehr benötigte Madonna – und stellte sie kurzerhand auf die Orgel. Hüsser nickt. «Da macht sie sich doch wirklich gut.»

8 Der Turm. Er ist der älteste Teil der heutigen Kirche und wurde 1340 erbaut. Die dazugehörige Kirche wurde 1430 Opfer eines Brandes. Daraufhin wurde eine neue Kirche im spätgotischen Stil erbaut. «Die Kirche war Ende des 17. Jahrhunderts derart baufällig, dass sie durch einen Neubau ersetzt werden musste», erzählt Hüsser. Das Schiff wurde 1691, der Chorraum 1719 fertiggestellt.

Hüsser zeigt auf die beiden langen, tiefen Risse in der Mauer des Turms. Wann sie entstanden sind, weiss man nicht genau. Sicher ist, dass sie 1691, als eine Estrichtür eingebaut wurde, schon vorhanden waren. Hüsser hat eine Vermutung, wie es zu den Rissen kam. «Sie könnten Auswirkungen des grossen Erdbebens sein, das 1356 Basel erschüttert hat.» Man beobachte die Risse natürlich. «Sie sind stabil», kann Hüsser beruhigen.

Entstanden die Risse am Kirchturm beim Erdbeben 1356?

Entstanden die Risse am Kirchturm beim Erdbeben 1356?

9 Das alte Ziffernblatt. Linus Hüsser klettert in den Dachstuhl der Kirche, leuchtet mit der Taschenlampe an eine der Wände. Eine Fledermaus dreht kurz eine Runde, kehrt dann an ihren Schlafplatz zurück. An der Wand prangt, nur noch schlecht sichtbar, das gemalte Zifferblatt einer Kirchturmuhr. «Als das neue Kirchenschiff 1691 erbaut wurde, machte man es höher als das alte», erzählt der Historiker. So musste das Zifferblatt am Turm, das nun vom Dach des Kirchenschiffs überdeckt wurde, mehrere Meter hinaufgesetzt werden.

10 Karfreitagsraffel. Linus Hüsser steigt die steilen Treppen im Kirchturm hinauf, bis fast ganz nach oben. Hier liegt auf einem Schemel die Karfreitagsraffel. Zwar findet in Herznach nicht mehr jedes Jahr eine Karfreitagsliturgie statt, die Raffel kommt auch in der Osternacht zum Einsatz. Dann steigen eine halbe Stunde vor der Osternachtsfeier zumeist Mitglieder der Kirchenpflege in den Turm und rätschen rund zweimal zehn Minuten mit der Raffel, die aus dem Jahr 1814 stammt.

Die Karfreitagsraffel von 1814 kommt noch heute zum Einsatz.

Die Karfreitagsraffel von 1814 kommt noch heute zum Einsatz.

Hüsser drängt zum Abstieg, denn in wenigen Minuten wird die mittlere der drei Glocken in das Elf-Uhr-Geläut einstimmen. Es geht vorbei an Gemälden, die in einer Ecke stehen, an einer Metallspitze des früheren Turmdachs und der alten, inzwischen etwas rostigen Turmkugel, die jetzt in einer Ecke liegt. Wer sie genau betrachtet, sieht mehrere Einschusslöcher. Sie hat viel miterlebt. Wie die ganze Kirche. Was sie wohl erzählen würde? Ein Geheimnis bleibts.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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