Drei Wochen lang stand Laufenburg im Zeichen der Kultur. Zum 20. Mal gingen die Kulturtage «Fliessende Grenzen» über die Bühne. 1750 Besucher wohnten den insgesamt zwölf Veranstaltungen bei, überschritten dabei Grenzen, fliessende ebenso wie kulturelle.

Die Brücke über den Fluss, Symbol von Grenzziehung und Verbindung zugleich, mutierte beim letzten Event der Kulturtage, dem Tango-Frühstück am Sonntag, zur Tanz- und Begegnungsfläche, liess die Grenze zwischen den Ländern, zwischen den Nationen, zwischen den Kulturen, ja: zwischen den Menschen fliessend werden.

Ein Rückblick mit Renata Vogt, Präsidentin des grenzüberschreitenden Kulturausschusses beider Laufenburg und treibende Kulturkraft, in elf (Tanz-)Schritten.

1 Das Jubiläum. Es ist nicht selbstverständlich, dass es eine Veranstaltungsreihe, wie es die Laufenburger Kulturtage sind, seit 20 Jahren gibt, eine Kulturreihe notabene, die quer durch alle Genres tanzt und dabei in allen Bereichen immer wieder Glanzpunkte zu setzen vermag.

Der Erfolg setzt, ganz grundlegend, ein grosses Engagement von vielen voraus, allen voran von Renata Vogt und dem Kulturtage-Team. Renata Vogt war auch eine Mitinitiantin des grenzüberschreitenden Kulturausschusses und ist als einzige der Ur-Mann- respektive Frauschaft noch an Bord. Für sie ist genau dieses grenzüberschreitende Moment auch ein Grund für den Erfolg der Kulturtage.

Das Jubiläum bedeute aber auch, sagt Vogt im Gespräch mit der AZ, «dass wir in all den Jahren doch ein einigermassen gutes Programm geboten haben». Das ist tief gestapelt. Denn hätten die Kulturmacher nicht all die Jahre ein wirklich gutes Programm auf die Beine gestellt, dann wären die Kulturtage nicht stetig gewachsen, dann wären sie, sprichwörtlich, bachab gegangen. Sind sie aber nicht, im Gegenteil. Sie locken jedes Jahr mehr Besucher an.

Für Vogt zeigt das Jubiläum, drittens, dass die Freundschaft zwischen den beiden Laufenburg funktioniert.

2 Die Zwölf. Dass es just ein Dutzend Veranstaltungen waren, dass es zum Jubiläum also sozusagen Zwölf geschlagen hat, war Zufall. «Allerdings wollten wir zum Jubiläum schon ein Programm auf die Beine stellen, das etwas üppiger ausfiel als in anderen Jahren.» Das ist Vogt und ihrem Team auch geglückt. Die Mischung aus Musik, Kabarett, Theater und Tanz kam bei den Besuchern gut an, bot Abwechslung, bot jedem etwas. «Diesen breiten Ansatz werden wir auch künftig beibehalten», verspricht Vogt. Es sei wichtig, über den Tellerrand hinauszublicken, ist sie überzeugt. Über den kulturellen ebenso wie den geografischen. «Ein Ziel ist es, Menschen aus den beiden Ländern zusammenzubringen», so Vogt.

Das gelingt Jahr für Jahr noch besser. Kamen die meisten Zuschauer am Anfang, vor 20 Jahren also, aus Deutschland, ist das Publikum heute, ländermässig, gut abgemischt. Zwar ist die Zahl der deutschen Besucher nach wie vor etwas höher, doch auch in der Schweiz haben die Kulturtage längst ein breites Stammpublikum – und dies weit über die Kantonsgrenzen hinaus.

3 Der Wecker. Der Auftritt von Konstantin Wecker war der Höhepunkt der Kulturtage. 520 wollten ihnen sehen und hören. Rekord. Die Stadthalle war damit ausverkauft – und dies schon lange vor dem Konzert.

Es sei nicht so leicht gewesen, den deutschen Liedermacher zu bekommen, blickt Vogt zurück. Zudem stelle Wecker hohe Ansprüche an die Lokalität. «Wir mussten einiges aus dem Ärmel schütteln», sagt die Kulturmanagerin.

Das ist geglückt. Der Funke sprang nach wenigen Takten über. «Alle, die ich kenne, waren begeistert.» Wecker habe sich in die Herzen der Zuhörer gespielt, so Vogt. Und er hat mit seinen politischen Botschaften wohl auch den einen oder anderen wachgerüttelt, ja: geweckt.

4 Die Brücke. Ein grosses Ziel der Kulturtage ist für Vogt, Brücken zu schlagen. «Der Tango am Schlusstag auf der Brücke ist für mich das Sinnbild dafür, dass wir die Grenzen zwischen zwei Ländern aufheben und über den Fluss die Verbindung finden.» Dies tanzend zu tun, sei für sie die schönste Form.

5 Das Wetter. Dafür findet Vogt nur ein Wort: traumhaft. Die drei Veranstaltungen, die draussen stattfanden, gingen bei besten äusseren Bedingungen über die Bühne. «Das Wetter meinte es in diesem Jahr wirklich gut mit uns», freut sich Vogt.

6 Die Stimme(n). Besonders begeistert war Vogt selber von einer Stimme: jener von Etta Scollo, einer Sängerin aus Sizilien. Mit ihrer Musik – einer Mischung aus Folk, Jazz und Pop – sang sie sich in der Stadthalle in die Herzen der Zuhörer.

Aber auch die anderen Stimmen, jene des Publikums zum Programm, gefielen Vogt. «Ich bekam viele positive Rückmeldungen.» Vogt lacht, blickt sich in ihrer Buchhandlung mit integriertem Café in Badisch- Laufenburg um. «Das hier ist wie eine Basisstation», erklärt sie. Man trifft sich, redet, lobt, kritisiert, tauscht sich aus. Die grosse Welt im Kleinen – genau wie zwischen den Buchdeckeln.

Natürlich gefalle am Programm nicht allen alles, weiss sie. Gerade unkonventionelle Auftritte wie jener der Kernölamazonen, einem scharfzüngigen Kabarett-Duo aus Wien, scheiden die (Kultur-)Geister. «Aber das gehört dazu», ist Vogt überzeugt. Vor allem freuen sie auch die positiven Rückmeldungen der beiden Stadtoberhäupter. «Das zeigt mir, dass die beiden Städte hinter den Kulturtagen stehen.»

7 Die Zugaben. Zugaben gehören zum Programm, sie sind aber auch ein Indiz dafür, ob der Funke zwischen Künstler und Publikum gesprungen ist und ob sich die Künstler am Spielort wohlfühlen. Das taten alle. Etta Scollo sei «grosszügig» mit ihrer Zugabe gewesen, sagt Vogt, und auch Konstantin Wecker spielte eine halbe Stunde länger als geplant.

Eine Zugabe ganz anderer Art wünscht sich Vogt selber: Dass die Kulturtage auch dann weitergehen, wenn sie dereinst einmal die Organisation aus den Händen gibt, dass die Kultur zwischen den beiden Ländern auch dann ungehindert fliesst. So weit sei es schon noch nicht, beruhigt sie.

Nur eben: Wenn der Zeitpunkt dann doch einmal da ist, wünscht sie sich nicht nur eine, sondern viele Zugaben. Ob alles so bleibt, wie es heute ist, oder ganz anders wird, ist für sie zweitrangig. «Wichtig ist mir, dass es weitergeht», sagt sie. Nicht wegen ihr; wegen der Kunst, wegen der Menschen.

8 Die Zukunft. Die nahe Zukunft, also das Programm 2020, hat Vogt schon über weite Strecken im Kopf. Erste Gedanken über das Programm macht sie sich jeweils schon zwei Jahre vor der jeweiligen Ausgabe der Kulturtage. Rund ein Jahr vorher geht sie daran, die Termine mit den Künstlern zu nageln. «Wenn man bestimmte Namen will, muss man früh dran sein. Sonst sind sie ausgebucht.»

Im nächsten Jahr hat sie unter anderem Auftritte des Südtiroler Akkordeonisten Herbert Pixner, des Kabarettduos Luna Tic und des Oriental Jazz-Ensemble FisFüz «anvisiert», wie sie es ausdrückt.

9 Der Ausschuss. Das Wort «Ausschuss» mag Vogt nicht besonders. Das hat für sie einen negativen Touch. Etwas, das für sie gar nicht zum grenzüberschreitenden Kulturausschuss passt. Der Ausschuss leiste seit 20 Jahren «gute und wichtige Arbeit», ist sie überzeugt. Er helfe mit, Grenzen zu überwinden. Im Ausschuss arbeiten je fünf Schweizer und fünf Deutsche mit.

10 Die Zusammenarbeit. Unter dem Dach der «Fliessenden Grenzen» Platz hat auch das Festival Junge Klassik und die Klassik im Schlössle. «Die Zusammenarbeit funktioniert bestens», freut sich Vogt. Dies gelte auch für das Rehmann-Museum. Hier fand in diesem Jahr im Rahmen der «Fliessenden Grenzen» eine Kinder-Kunst-Werkstatt statt. Vogt wünscht sich, dass die Zusammenarbeit so weitergeht. «Sie ist wertvoll.»

11 Die Stadthalle. Das gilt auch für die Stadthalle. Renata Vogt ist froh, dass es sie gibt. «Denn sonst könnten wir Veranstaltungen, zu denen über 100 Besucher kommen, kaum durchführen.» Dann würde keine Etta Scollo sizilianische Gefühle wecken und kein Konstantin Wecker über politische und ideologische Grenzen singen, die es abzubauen gilt. So aber «ist es perfekt».