Oeschgen
Zirkusdirektorin: «Circus Nock ist ein Kulturgut. Ich wünsche mir etwas Unterstützung»

Alexandra Nock über die Saison 2016, den Zirkus der Zukunft und das fehlende Entgegenkommen.

Thomas Wehrli
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«Ich freue mich am meisten auf die Wohnung»: Seit heute sind Alexandra Nock und ihre Familie zurück in Oeschgen. dka

«Ich freue mich am meisten auf die Wohnung»: Seit heute sind Alexandra Nock und ihre Familie zurück in Oeschgen. dka

Dennis kalt

Die Lichter sind aus, der letzte Applaus verhallt. Der Circus Nock hat seine Saison 2016 am Sonntag in Olten beendet. Acht Monate, genauer: 247 Tage lang reiste die 70-köpfige Zirkusfamilie von Ort zu Ort. In 50 Ortschaften bauten die Zirkusleute aus zwölf Nationen ihr Chapiteau auf, riefen den Leuten knapp 300 Mal zu: «Manege frei!» – und hätten dies gerne noch an zwei Destinationen mehr gerufen, doch hier fielen die Vorstellungen buchstäblich ins Wasser. Das Zelt mit seinen 38 Meter Durchmesser konnte in Kerzers und Balsthal nicht gestellt werden, weil der Untergrund zu matschig war. Künstlerpech.

Die Lichter sind aus – Zeit, mit Zirkusdirektorin Alexandra Nock einen Blick zurück auf die Saison zu werfen, man kann auch sagen: ein Rücklicht zu zünden.

Frau Nock, wie ist das Gefühl, wenn der letzte Vorhang fällt?

Alexandra Nock: Etwas Wehmut ist schon dabei. Es geht etwas zu Ende, das es in dieser Form nie mehr geben wird. Man nimmt Abschied von Menschen, mit denen mach acht Monate lang auf engem Raum zusammengelebt hat – und einen rechten Teil von ihnen wird man nie mehr sehen. Das ist schon ein komisches Gefühl. Gleichzeitig freue ich mich, dass wir jetzt wieder im Winterquartier sind und eine Pause vom Herumreisen haben. Nach acht Monaten ist man schon müde.

Gibt es eine Besonderheit bei den letzten Vorstellungen?

Sie sind etwas lockerer, die Artisten bauen den einen oder anderen Scherz in ihre Nummern ein oder verkleiden sich.

Acht Monate lebten Sie mit Artisten und Zeltbauern auf engstem Raum. Wächst man da zu einer grossen Familie zusammen?

Das hängt stark von den Leuten ab, die mitreisen. Es entstehen durchaus Freundschaften und manch einen schliesst man ins Herz wie einen Familienangehörigen. Mein Angelpunkt ist jedoch meine eigene Familie. Das ist mein Zentrum.

Dann ist das Bild von der grossen Zirkusfamilie eine Mär?

Nein, das nicht. Aber wir sind primär zusammen, um gemeinsam eine Show zu machen. Viele Leute haben das Gefühl: Das Zirkusleben ist locker und die Leute stets unbeschwert. Das ist nicht so. Zirkus zu machen, bedeutet in erster Linie viel Arbeit.

Am Sonntagnachmittag war die letzte Vorstellung. Kam danach die grosse Abschiedssause?

Dazu blieb keine Zeit. Die Artisten, die meist von weit her kommen, machten sich gleich nach dem Ende der Vorstellung auf den Heimweg, und wir hatten alle Hände voll damit zu tun, das Chapiteau abzubauen und unser Equipment zurück ins Winterquartier nach Oeschgen zu bringen.

Das tönt nach Dauerstress. Wann kommt das Gefühl: Die Saison ist aus?

Das kommt schleichend, spätestens am letzten Spielort. Ich bin mein ganzes Leben mit dem Zirkus unterwegs. Da gewöhnt man sich an die Saisonenden.

Wie war die Saison 2016?

Wir sind mit der Saison zufrieden, das Programm kam sehr gut an und die Saison verlief zum Glück unfallfrei. Auch zuschauermässig konnten wir gegenüber 2015 leicht zulegen. Problematisch ist, dass in der Schweiz alles stets teurer wird. Wir mussten in diesem Jahr nochmals deutlich mehr Geld für Strom, Wasser und Platzgebühren ausgeben. Das spürt man dann am Ende in der Kasse schon.

Werden die Zirkusse von den Gemeinden geschröpft?

So würde ich das nicht sagen. Aber ich würde mir wünschen, dass man uns finanziell etwas entgegenkommt. Schliesslich sind wir für die Gemeinden auch eine Bereicherung. Der Circus Nock ist ein Kulturgut, uns gibt es seit 1860. Ich finde, dies dürfte die öffentliche Hand durchaus etwas unterstützen.

Sie bekommen gar keine Unterstützung von Bund oder Kanton?

Nicht einen Franken. Das ist traurig.

Wie das Wetter im Mai und Juni.

Das machte uns zweimal einen dicken Strich durch die Rechnung. In Kerzers und Balsthal konnten wir das Zelt gar nicht aufstellen, weil der Boden zu aufgeweicht war.

Was macht man da?

Man kann nichts machen, es bleibt nur, die Vorstellungen abzusagen. Man steht dann da, auf dem Platz – und wartet, bis man zum nächsten Ort weiterziehen kann.

Ist es schwieriger als früher, die Leute in den Zirkus zu bringen?

Es ist einiges anspruchsvoller geworden, die Leute in den Zirkus zu bringen, denn es gibt viel mehr Freizeitangebote als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Wohin wird sich der Zirkus entwickeln? Muss er sich neu erfinden?

Wenn er langfristig überleben will, ja. Er muss dabei die Gratwanderung zwischen klassischem Zirkus und den Ansprüchen einer jungen, handygeprägten Gesellschaft meistern. Das ist nicht einfach. Beim Licht zum Beispiel reicht es nicht mehr, die Manege auszuleuchten – man muss die Nummern mit Lichtshows untermalen.

Glauben Sie, dass der Zirkus Zukunft hat?

Ja, denn er bietet allen etwas, Gross und Klein, Alt und Jung. Das Schöne am Zirkus ist: Alles ist live, ohne Netz und doppelten Boden.

Reicht es heute noch, «nur» Zirkus zu machen, oder muss man sein Geschäftsfeld ausbauen, um zu überleben?

Es ist wichtig, sich zusätzliche Einnahmequellen zu erschliessen. Wir bieten seit dieser Saison «Ferien im Zirkus» an. Das ist gut angelaufen – und auch die Taschen, die wir aus alten Zeltblachen fertigen lassen, laufen gut.

Ist auch ein Winterzirkus ein Thema?

Derzeit nicht, aber man soll nie nie sagen.

Ab heute leben Sie wieder im Winterquartier, haben quasi festen Boden unter den Füssen. Auf was freuen Sie sich?

Am meisten auf die Wohnung – und darauf, dass wir in der kalten Winterzeit nicht herumreisen müssen.

Wird es nun ruhiger?

Die ersten paar Tage sind noch hektisch. Ab Ende November kehrt dann Ruhe ein – für einige Wochen zumindest. Ab Januar laufen dann die Vorbereitungen für die Saison 2017 auf Hochtouren.

Was ist Ihr Wunsch für 2017?

Viele Zuschauer.

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