Es ist ein Weder-noch-Tag für die Verantwortlichen des Berufsbildungszentrums Fricktal (BZF): Sie können weder ganz zufrieden sein, denn das BZF verliert sämtliche gewerblich-industriellen Berufsfelder und die Schülerzahl wird dadurch nahezu halbiert. Sie können aber auch nicht ganz unzufrieden sein, denn die Schule wird nicht geschlossen. Dieses Szenario schwebte in den letzten Monaten wie ein Damoklesschwert über der Schule. Wobei es durchaus auch Stimmen wie jene von Grünen-Grossrätin Gertrud Häseli gibt, die sagen: Es hätte einen mutigen Schritt der Regierung in der Berufsbildung gebraucht, eine Konzentration auf wenige Standorte – ohne das BZF.

Franco Mazzi sieht das anders. Er ist Präsident des BZF-Schulvorstandes, Stadtammann von Rheinfelden und FDP-Grossrat. «Es ist wichtig für die Region, dass wir ein Berufsbildungszentrum haben», findet er. Entsprechend ist er erleichtert, dass der Regierungsrat die Schule nicht ganz schliesst. Zumindest nicht in diesem Schritt. Denn ob es nicht in einigen Jahren doch zur Schliessung kommt, ob dieser Schritt nur ein taktischer Zwischenschritt ist, bleibt offen. Denn wenn die Regierung bei der aktuellen Reform eine Schule schliessen würde, müsste sie mit dem Geschäft vor den Grossen Rat. So aber kann der Regierungsrat selber entscheiden. Eine Salamitaktik? Mazzi ist vorsichtig: «Das kann aus heutiger Sicht zumindest nicht ganz ausgeschlossen werden.»

Befürchtet wurde im Vorfeld vor allem, dass das BZF die kaufmännischen Berufe und den Detailhandel (KV) verliert. Dies ist nun nicht der Fall. Neben den drei grossen Standorten bleibt Rheinfelden als «regionalpolitisch begründeter Standort» erhalten, wie es die Regierung formuliert. Das heisst übersetzt: Die Regierung führt den Standort nicht primär aus inhaltlicher Überzeugung weiter, sondern damit sich das Fricktal nicht abgehängt fühlt.

Die KV-Abteilung des BZF wird deutlich kleiner als bei den anderen Schulen sein. Entsprechend muss die Regierung auch von ihrem Grundsatz abweichen, dass die Schule mindestens 400 KV-Lernende haben muss.

Ob beim KV-Entscheid der präventiv aufgebaute Druck der Fricktaler Grossräte ein Einlenken bewirkt hat, ist unklar, aber nicht unwahrscheinlich. Mazzi sagt dazu: «Mit vereinten Anstrengungen ist es uns gelungen, der Regierung aufzuzeigen, dass es nicht sinnvoll ist, das BZF zu schliessen.»

Entsprechend ist er zufrieden, dass eine kleine KV-Abteilung nun in Rheinfelden bleibt und sogar um das M-Profil, die berufsbegleitende Berufsmaturität während der Lehre, erweitert wird. Er begrüsst auch, dass das BZF zum Aussenstandort der Berufsfachschule Gesundheit in Brugg wird – tempiert aber zu hohe Erwartungen gleich wieder ab. Dass aus dem Aussenstandort, der von Brugg aus geführt wird, je ein eigenständiges Kompetenzzentrum Gesundheit wird, glaubt er nicht. «Die Regierung wird kaum ein Berufsfeld, das an einem Standort konzentriert ist, wieder auseinanderreissen. Das macht wenig Sinn.» Daran ändert für ihn auch nichts, dass das Gesundheitswesen jener Berufszweig ist, dem das stärkste Wachstum vorausgesagt wird. «Wir werden trotzdem ein Aussenstandort bleiben.»

Hätte die Regierung anders entschieden, hätte sie die Schule also schliessen wollen, «hätte dies heftige Reaktionen im Fricktal ausgelöst», ist Mazzi überzeugt. «Die Grossräte jedenfalls standen bereit.»

Lachendes und weinendes Auge

Enttäuscht ist Mazzi hingegen, dass die Regierung für die Forderung des BZF, ein gemischtes Berufsbildungszentrum mit gewerblichen und kaufmännischen Berufen bleiben zu können, gar kein Gehör hatte. Er sieht aber auch das Entgegenkommen der Regierung, indem nun die drei Berufsfelder, die für das Fricktal am wichtigsten sind – KV, Detailhandel und Gesundheitsberufe – in Rheinfelden bleiben.

Die Regierung hat ihr Ziel im Fricktal erreicht. Der Entscheid, den Mazzi «mit einem lachenden und einem weinenden Auge» aufnimmt, wird kaum zu (grossen) Protesten führen. Selbst der Schulvorstands-Präsident findet: «Mit diesem Konzept wäre es falsch, heftig zu reagieren.» Es gelte, die Challenge anzunehmen und das BZF für die Zukunft zu rüsten.

Was das genau heisst, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Klar ist: Ab Schuljahr 2020/21 fallen rund 500 Schüler weg, die einen gewerblichindustriellen Beruf lernen. Es verbleiben in Rheinfelden rund 300 KV-Schüler sowie die rund 80 Personen, die die Kantonale Schule für Berufsbildung absolvieren. Letztere ist bereits heute im Engerfeld eingemietet. Neu kommen zwischen 140 und 160 Schüler aus dem Gesundheitsbereich hinzu.

Halb so viele Schüler

Der BZF-Vorstand geht davon aus, dass die Schule künftig noch rund halb so gross sein wird wie heute – auch, was die Zahl der Lehrkräfte sowie den Umsatz der Schule betrifft. Die Reduktion bei den Lehrkräften federt eine Abmachung der Berufsfachschul-Rektoren ab. Diese besagt, dass mit den verschobenen Berufen grundsätzlich auch die betroffenen Lehrkräfte von den neuen Anbietern übernommen werden. «Natürlich steht es aber dann jeder Lehrkraft frei, ob sie diesen Umzug mitmachen will oder nicht», sagt Mazzi.

Wichtig sei nun, so Mazzi, dass Schulvorstand und Schulleitung – Rektor Hans Marthaler wollte sich gestern nicht zu den Plänen der Regierung äussern – Strukturen schaffen, um einen wirtschaftlichen Schulbetrieb unter den neuen Prämissen sicherzustellen. Daneben gilt es auch, zu prüfen, was mit den frei werdenden Schulräumen passiert. Einen Teil werde man sicher als Reserve behalten, so Mazzi. «Die Zahl der Lernenden wird in den nächsten Jahren tendenziell steigen.» Für einen Teil der Räume hat zudem die Kreisschule unteres Fricktal Interesse angemeldet; sie hat mit dem Lehrplan 21 Raumbedarf.

Noch ist nichts spruchreif. «Wir haben aber ja auch noch Zeit», so Mazzi. Diese gelte es zu nutzen. Damit das weinende Auge schnell trocknet.