55 Fricktaler haben ein Ziel: Bern. 37 Männer und 18 Frauen aus den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden wollen am 20. Oktober in den Nationalrat gewählt werden. Sie wollen auf einem der 16 Aargauer Sessel Platz nehmen – wie neben den Fricktalern noch 441 Kandidaten aus den anderen Regionen. Mit anderen Worten: Auf 1 Sessel kommen 31 Bewerber. Das erinnert an «Reise nach Jerusalem» – für Fortgeschrittene.

Aktuell stellt das Fricktal mit Maximilian Reimann (SVP) einen Nationalrat. Er tritt wieder an und seine Wahlchancen sind, auch wenn er nicht mehr auf der SVP-Liste, sondern auf jener seiner Bewegung Team65+ kandidiert, durchaus intakt.

Viel mehr als ein Sitz wird aber kaum ins Fricktal gehen. Als eher kleine Region hat das Fricktal auch eine überschaubare Stimmkraft. Will heissen: Wer sich Chancen ausrechnen will, muss in den nächsten Wochen gehörig (PR-)Gas geben.

Ein Instrument, das dabei von Wahl zu Wahl wichtiger wird, sind das Internet und speziell die sozialen Medien. An Facebook, Twitter und Instagram führt im Wahlkampf kaum mehr ein Weg vorbei. Oder doch? Die AZ hat die Kandidaten der Hauptlisten der grösseren Parteien nach ihrem Einsatz der sozialen Medien im Wahlkampf gefragt. Dieser lässt sich, vereinfacht, in drei Kategorien fassen: die Nihilisten, die Gemässigten und die Aktiven.

Die Nihilisten. Zu ihnen zählen die beiden Grüne-Grossräte Gertrud Häseli und Andreas Fischer. Häseli setzt keine sozialen Medien ein. Diese seien für sie «nicht passend». Sie unterhält einzig eine Website als Infoplattform. Für wichtig hält sie Online-Wahlhilfen wie Smartvote und Vimentis. Fischer sagt von sich, er sei «sehr sozial, aber nicht mit Twitter, Facebook und Co.». Er sieht für sich sinnvollere Arten, seine Zeit zu nutzen. «In den sozialen Medien wird sehr viel heisse Luft umgesetzt», ist er überzeugt und gibt fragend zu bedenken: «Niemand will Handy-Antennen, aber alle hängen ständig am Handy?» Auch auf eine eigene Internet-Seite verzichtet Fischer. Dafür fehle ihm neben Beruf, Politik und Familie die Zeit. 

Die Gemässigten. Sie machen den grössten Teil der Kandidierenden aus – zumindest jetzt noch, zu Beginn der heissen Wahlkampfphase. Es ist damit zu rechnen, dass einige in den nächsten Wochen noch den Sprung von den Gemässigten zu den Aktiven schaffen.

SVP-Nationalrat Maximilian Reimann hält die sozialen Medien für «relativ wichtig». Ihre Wirkung wird seiner Ansicht nach aber «eindeutig überschätzt». Zudem, gibt der 77-jährige und damit älteste der Aargauer Nationalratskandidaten zu bedenken, «gehören zu meinem Zielpublikum nicht jene Leute, die täglich stundenlang am Handy hängen».

Ein «wichtig» gibt es auch von SP-Kandidatin Carole Binder-Meury und Parteikollege Rolf Schmid hält die sozialen Medien für «grundsätzlich wichtig, um das Interesse junger Generationen zu wecken». Sie seien aber wohl nur am Rande entscheidend für das Wahlverhalten, glaubt Schmid. Für ihn sind dabei «Präsenz und Storytelling» die Schlüsselbegriffe.

CVP-Grossrat Werner Müller hält die sozialen Medien ebenfalls für «grundsätzlich wichtig». Er will im Wahlkampf im Schnitt einen Tweet pro Tag absetzen. Da er Twitter bislang nicht oft eingesetzt hat, hält er mehr für nicht sinnvoll. «Sonst kann die Wirkung negativ ausfallen.» Auch Parteikollege Alfons P. Kaufmann hält die sozialen Medien für relevant, er postete bislang «sicher wöchentlich». Kaufmann gibt aber auch unumwunden zu: «Der persönliche Kontakt ist mir wichtiger.»

Ähnlich tönt es von SVP-Grossrat Christoph Riner. Er unterhält eine private und eine politische Facebook-Seite. Auf Letzterer hat er zuletzt am 18. August einen Post abgesetzt. Er sei in den sozialen Medien aktiv, sagt Riner, «aber sie ersetzen nie den persönlichen Kontakt zu den Menschen. Das Zwischenmenschliche gibt es einfach nur in echt.» Menschen persönlich zu begegnen, «kann zum Glück durch moderne Technik nicht ersetzt werden».

Bruno Tüscher (FDP), Gemeindeammann von Münchwilen, ist auf vielen Kanälen dabei. Er sieht die sozialen Medien als «wesentlichen Faktor des Gesamtpaketes an Werbung». Zentral sei, dass man auch gefunden werde. Dies ist, das zeigt ein kurzer Suchlauf der AZ, nicht bei allen Kandidaten ganz so leicht.

Für SVP-Grossrätin Désirée Stutz ist klar: «Die sozialen Medien sind für gewisse Altersgruppen sehr wichtig.» Sie selber ist auf Facebook, Twitter und Instagram unterwegs. «Die Bewirtschaftung erfolgt durch mich und mein Wahlkampfteam», so Stutz.

Michael Derrer (GLP) hält die sozialen Medien nach den Zeitungen für das zweitwichtigste Medium. Die Zeitungen besässen nach wie vor ein besseres Aufwand-Leistungs-Verhältnis, ist er überzeugt. Aktiv ist Derrer primär auf Facebook. Dieses will er künftig noch stärker nutzen. Hier will er seine wirtschaftspolitischen Ideen – etwa jene einer Lokalwährung für das Fricktal, den «FrickTaler» (az vom Dienstag) – bewerben. Zudem will er Kurzpräsentationen in Form von Videos auf Folien aufschalten. «Ich sehe vor, auch persönliche Erklärvideos zu publizieren», sagt Derrer.

Seine Parteikollegin Béa Bieber bewirtschaftet alle Kanäle – Facebook, Instagram, Twitter, Website – selber. Sie schätzt die sozialen Medien ebenfalls als «sehr wichtig» ein. «Man kann spontan und schnell eine grössere Gruppe erreichen.»

Die Aktiven. Für Gaby Gerber (FDP) «werden die sozialen Medien den Wahlkampf der Zukunft verändern». Ob dies 2019 schon so sei, sei schwierig abzuschätzen. Gerber jedenfalls wäre dafür gerüstet. Sie ist auf Facebook, Twitter, Instagram, Linkedin und Youtube unterwegs. Hauptinstrument sei Facebook. «Wir haben eine wöchentliche Stammtischserie mit einem Video und alle zwei Tage einen Post», erzählt Gerber. In den Posts geht es jeweils um eine kurze politische Haltung. «Die Videos behandeln ein Thema aus dem Alltag von einem meiner Schwerpunkte», so Gerber.

CVP-Kandidatin Marion Pfister präferiert Twitter. Das liege ihr sehr und Twitter nutze sie fast täglich, sagt sie. Bislang hat Pfister gut 1500 Tweets abgesetzt. Das ist, gemessen an anderen, eine beachtliche Zahl. Pfister, 44, findet, die sozialen Medien zu nutzen, gehöre bei ihrer Generation dazu.