Halbjahresbilanz
Das neue Förderprogramm Energie des Kantons ist ein absoluter Renner

17,5 Millionen Franken stehen dieses Jahr für energetische Fördermassnahmen zur Verfügung, etwa als Anreiz für den Umstieg von fossilen Heizungen auf Wärmepumpen. Eine erste Zwischenbilanz zeigt: Die Nachfrage übertritt die Erwartungen.

Mathias Küng
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Auskunftgeber Stephan Kämpfen vor einer Wärmepumpe im Buchenhof (kantonales Baudepartement) in Aarau.

Auskunftgeber Stephan Kämpfen vor einer Wärmepumpe im Buchenhof (kantonales Baudepartement) in Aarau.

Michael Würtenberg

Seit 1. März gilt das vom Grossen Rat beschlossene neue Förderprogramm Energie des Kantons. Innerhalb von vier Jahren kann er damit Projekte mit insgesamt 75 Millionen Franken fördern. Wie sieht eine erste Halbjahresbilanz aus, wird der Kanton sein Geld los? Stephan Kämpfen, Leiter der Sektion Energieeffizienz im Departement Bau, Verkehr und Umwelt, lacht: «Ja, das Programm wird gut angenommen. Die Nachfrage ist sogar leicht über Plan, unsere Erwartungen werden übertroffen.»

Was heisst das konkret? In diesem Jahr (nur zehn Monate, weil Start im März) stehen rund 17,5 Millionen Franken für Förderungen zur Verfügung. Kämpfen: «Wir erwarten, dass die Nachfrage das Angebot übertreffen wird, wie übrigens schon letztes Jahr.»

Gesuchsteller, die erst im Dezember kommen, gehen nicht leer aus

Dann laufen Personen, die erst im Dezember einen Förderantrag stellen, Gefahr leer auszugehen? «Also aktuell sind die Mittel für dieses Jahr noch nicht ausgeschöpft», stellt Kämpfen klar. «Doch sobald das der Fall ist, gehen neue Gesuchsteller deshalb nicht leer aus. Zwar können wir die Mittel für dieses Jahr nicht erhöhen, die sind fix. Gleichwohl werden solche Gesuche normal geprüft. Für diejenigen, die sachlich gerechtfertigt sind, wird den Gesuchstellern eine Zusage in Aussicht gestellt mit der Bestätigung, mit der Bau- oder Installationstätigkeit beginnen zu dürfen. Die effektiven Zusicherungen werden anfangs 2022 ausgestellt. Ab diesem Zeitpunkt kann dann auch abgerechnet werden.»

Kämpfen erwartet deshalb keine Probleme für Bauherren, «da zwischen der Zusicherung unsererseits und der Realisierung beziehungsweise bis die Rechnungen vorliegen, im Regelfall ohnehin meist ein bis zwei Monate ins Land ziehen.» Zudem: Wer seine Heizung erneuern will, mache dies vor Beginn der neuen Heizperiode, das gelte ebenso für Gebäudesanierungen.

Eine energetische Gebäudesanierung ist sehr teuer. Auch da gibts Unterstützung.

Eine energetische Gebäudesanierung ist sehr teuer. Auch da gibts Unterstützung.

HO

Das sind die «Renner» bei der Energieförderung

Das Programm sieht eine grosse Palette von Fördermöglichkeiten vor. Welche werden am meisten genutzt? Da ist die Antwort klar: Gefragt sind Mittel zur energetischen Verbesserung der Gebäudehülle und für den Einbau von Wärmepumpen. Insgesamt machte der Kanton seit 1. März über 1900 Förderzusicherungen.

Am meisten (rund 900) betreffen Luft-Wasser-Wärmepumpen, ca. 750 Massnahmen zur besseren Wärmedämmung der Gebäudehülle. Dazu kommen 200 Förderzusicherungen für Erdsonden-Wärmepumpen. Die Zusagen teilen sich so auf: 60 Prozent für Gebäudetechnik, 40 Prozent für Gebäudehülle .

Warum dieser Run auf Fördermittel, nachdem es 2016 weniger lief?

Ein Energieförderprogramm, das 2016 ausgelaufen ist, lief deutlich weniger gut. Warum jetzt dieser Run? Kämpfen sieht drei Gründe: «Erstens sind die Förderansätze heute höher. Zweitens ist die Sensibilisierung im Zuge der Klimaschutzdebatte, der Abstimmungsdiskussionen über Energie- und CO2-Gesetz (auch wenn beide abgelehnt wurden) deutlich höher. Drittens sind jüngere Gebäudeeigentümer eher bereit, entsprechende Massnahmen zu tätigen. Zudem haben fossile Heizungen nicht mehr die Akzeptanz wie noch vor wenigen Jahren.»

Steigt jetzt die Sanierungsquote bei Altliegenschaften?

Ob im Aargau dank dieser Fördermittel die Sanierungsquote von Altgebäuden steigt, kann Kämpfen aber nicht sagen: «Wir haben keinen Überblick über die Zahl der Häuser die modernisiert wurden oder einem Ersatzneubau gewichen sind und also auch nicht, welcher Anteil mit Fördermitteln saniert wird.»

Geht es jetzt in diesem Tempo weiter und reichen die zur Verfügung stehenden Gelder mittelfristig überhaupt? Wie es in den ersten sechs Monaten lief, lasse noch keine Aussage zu, wie es weiterläuft, sagt Kämpfen vorsichtig: «Wir wissen noch nicht, ob das ein Einmaleffekt ist, ausgelöst durch den Abbau eines Massnahmenstaus, oder ob die hohe Nachfrage anhält. Wir werden das sorgfältig analysieren (Nachfrage: durch Befragungen? Nein, die weitere Entwicklung aufmerksam beobachten.).»

Massiv mehr Anfragen bei der Energieberatung

Viel zu tun hat derzeit die Energieberatungsstelle des Kantons. Sie erhielt dieses Jahr bereits 2600 Anfragen, «damit sind wir bereits auf dem Stand vom gesamten Vorjahr». Daraus erwachsen dann oft Energieberatungen vor Ort. Im letzten Jahr habe es zu Beginn wegen Corona Verunsicherungen mit Ortsterminen gegeben, so Kämpfen, «jetzt läuft es aber wieder normal». Bauherrinnen und Bauherren empfiehlt der Spezialist des Kantons ohnehin, nebst den Empfehlungen der Handwerker noch eine weitere Meinung einzuholen, etwa eines Energieberaters des Kantons beizuziehen: «Dieser berät unabhängig, er will nichts verkaufen.»

Wichtig zu wissen für Bauherrschaften ist, dass für Massnahmen am Gebäude erst das Gesuch gestellt werden muss und man erst anfangen darf, wenn alle Unterlagen eingereicht worden sind. Wer einfach investiert und erst nachträglich ein Gesuch stellt, geht leer aus.

Ab 1. Oktober gibts auch Mittel für Anschluss an Fernwärme

Mit dem Programm werden auch Fernwärmenetze gefördert. Für Personen hingegen, die zum Beispiel eine fossile Heizung rausnehmen und sich einem solchen Netz anschliessen, gab es bisher nicht auch noch finanzielle Unterstützung vom Kanton. Nachdem der Grosse Rat einen Vorstoss von Jeanine Glarner (FDP) gutgeheissen hat, wird dies nun im Förderprogramm ergänzt. Ab 1. Oktober bekommen auch Eigentümer, die sich einem Fernwärmenetz anschliessen, Fördermittel des Kantons. Auf diesen Zeitpunkt wird das Förderprogramm angepasst und die Anpassungen auf der Website des Kantons (www.ag.ch/energie) aufgeschaltet.

Photovoltaik auf allen kantonalen Gebäuden?

Grossräte aus SP, FDP, Die Mitte, GLP, EVP und den Grünen (Sprecher Martin Brügger, SP) wollen via Motion erreichen, dass der Kanton mit Vorbildwirkung Photovoltaik-Anlagen (PV) auf kantonalen Liegenschaften bei allen Neubauten und Dachsanierungen errichtet. Solche Anlagen zu prüfen, gehöre beim Kanton längst zum Standard, antwortet die Regierung. Alle Neubauten beantrage man mit PV-Anlage. Man sei auf dem Zielpfad, wolle unbedingt noch mehr machen und sei dran. Doch  sei es nicht zielführend eine PV-Anlage auf einem kantonalen Gebäude vorzusehen, das mit «Verkaufen» bewertet und somit der Fortbestand der Anlage nicht gesichert sei. Bei Bauten, die mit «Rückbau» bewertet sind, würden nur noch die nötigsten Massnahmen zum Schutz der Umwelt umgesetzt. In diesem Sinne lehnt die Regierung die Motion ab, will sie aber als Postulat zur Prüfung entgegennehmen. 

Nein zu temporären steuerlichen Anreizen für Solarstrom

In einer Motion (Sprecher Jonas Fricker/Grüne) fordern Grossräte von GLP, SP, Die Mitte, SVP, FDP, und Grüne, der Aargau solle auf Steuern auf den Strom aus Photovoltaikanlagen (PV) von natürlichen Personen verzichten, die keine kostendeckende Einspeisevergütung erhalten, solange die Energiestrategie nicht erfüllt ist. Die Regierung lehnt die Motion ab. Bei den jährlichen Auszahlungen durch die AEW Energie AG für die bestehenden Anlagen an rund 1400 Haushalte betrage das durchschnittliche Entgelt für Einspeisevergütungen circa 443  Franken. Weiter heisst es in der Regierungsantwort: «Die Steuerersparnis aufgrund der vorgeschlagenen Massnahme wäre für die einzelnen Haushalte im Durchschnitt sehr gering», und damit kaum wirksam.  

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