Dr. med. Lutz-Peter Hiersemenzel hatte keine leichte Aufgabe. Der Chefarzt des erst vor wenigen Monaten gegründeten Departements für Forensische Psychiatrie der Solothurner Spitäler erhielt aus Aarau den Auftrag, Zeljko J., den Todesschützen von Gränichen, abzuklären.

Die Psychiatrischen Dienste Aargau hatten dasselbe zwar zuvor auch getan – doch um die Frage zu klären, ob für Zeljko J. eine Verwahrung sinnvoll wäre, brauchte es eine Zweitmeinung. So verurteilte das Bezirksgericht Aarau Zeljko J. vor einem Jahr wohl wegen Mordes.

Es gab aber noch kein Strafmass bekannt, dafür ein neues Gutachten in Auftrag, diesmal im Nachbarkanton. Die Aargauer Staatsanwaltschaft wollte es am Donnerstag genau wissen, weshalb sie Doktor Hiersemenzel für den fünften Verhandlungstag nach Aarau bestellte, um ihn zu befragen.

15 Jahre Haft für Gränicher Auftragsmörder

Die Verteidigerin von Zeljko J. plädierte für einen Freispruch.

Zuerst stand jedoch ein anderer wichtiger Mann im Zentrum: Der Übersetzer, der die Aussagen des Gerichts für Zeljko J. auf Serbokroatisch übersetzt, sah sich plötzlich in einem Dilemma. Die Staatsanwältin stellte den Antrag, ihn auch als Zeugen zu befragen.

Das sei «wichtig, um die Unklarheiten, die zuletzt entstanden sind, zu klären». Offenbar hatte Zeljko J. angegeben, den Übersetzer nicht immer richtig verstanden zu haben. Die Verteidigung meinte daraufhin, das könne man schon machen, eine Doppelrolle als Übersetzer und Zeuge sei aber «prozessual schwierig». Sie verlangte deshalb einen anderen Übersetzer. Das Gericht beriet sich kurz – und lehnte gleich beide Anträge ab.

Entscheid im Mordprozess Gränichen: Beide Angeklagte wegen Mord verurteilt

Am 12.12.2014 kam es zum Entscheid im Mordprozess Gränichen: Beide Angeklagte wegen Mordes verurteilt.

Am Mittag wurde schliesslich Gutachter Hiersemenzel befragt. Seine Hauptaussagen: Zeljko J. sei nicht therapierbar. Eine Gesprächstherapie würde nichts bringen, eine angemessene Massnahme gebe es nicht. Er habe beim Täter eine Persönlichkeitsstörung und eine schwere Psychopathie diagnostiziert.

Im Gutachten steht ein Wert: Ab 25 Punkten liegt nach einem bestimmten Test eine Psychopathie vor – Zeljko J. erreichte 31,6 Punkte. Doch, so Hiersemenzel, bei der Tat hätten die Störungen keine Rolle gespielt. Zeljko J. sei nicht heissblütig und unüberlegt vorgegangen, wie ihm das entsprechen würde, sondern «emotionslos und abgebrüht». Er rechne mit einem mittleren Rückfallrisiko.

Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren und, falls das Gericht es für nötig befände, eine anschliessende Verwahrung. Sie nahm das neue Gutachten als Bestätigung dafür, was für ein «hochgefährlicher Mann» Zeljko J. sei. Im Bericht ist etwa von «erhöhter persönlicher Instabilität», «mangelhafter Impulskontrolle» und «geringer Frustrationstoleranz» die Rede.

Die Verteidigung zweifelt das Gutachten stark an. Von den 79 Seiten seien 57 Seiten «reine Aktenzusammenfassung». Zudem beantworte es die Fragen des Gerichts «nur unzureichend». Einerseits werde in Gutachten Nummer 2 Gutachten Nummer 1 als «nicht haltbar» bezeichnet, anderseits stelle Gutachten 2 zum Grosteil auf Gutachten 1 ab. «Der Schuldspruch steht nun auf noch wackligeren Füssen, als er das vorher schon tat», sagte der Verteidiger. Die Voraussetzungen für eine Verwahrung seien sowieso nicht gegeben.

Zeljko J. wollte zu all dem nichts sagen, auf sein letztes Wort verzichtete er. Gelassen sass er im Kapuzenpullover auf seinem Stuhl, Arme verschränkt, Beine übereinandergelegt, und nahm das Urteil zur Kenntnis, als wäre es ein Fussballresultat. 15 Jahre Freiheitsstrafe, entschied das Gericht. Auf eine Verwahrung verzichtete es. Bereits Minuten nach dem Prozess erklärte die Verteidigung, man werde vor Obergericht gehen.