Der Feuerwehrhauptmann lebt für die Feuerwehr. Er leitet beruflich eine
Betriebsfeuerwehr, in der Freizeit ist er Kommandant der regionalen Feuerwehr. Er gilt als hochkompetent, streng, integer und äusserst engagiert.

Dennoch steht er als Beschuldigter vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Kommandanten Urkundenfälschung vor. Es geht um 40 Franken und ein Kreuzchen auf einer Anwesenheitsliste. Mitangeklagt für das gleiche Vergehen ist auch ein ebenfalls unbescholtener Oberleutnant der regionalen Feuerwehr.

Anklage aus dem Nichts

Der Vorfall liegt schon mehr als zwei Jahre zurück. An einem Abend im Mai 2014 war der Kommandant für die Feuerwehr unterwegs, überprüfte Zufahrten an einem neuen Bauobjekt, beschäftigte sich mit dem Lüftungskonzept.

Die Arbeit dauerte länger, als er sich vorgestellt hatte. Deshalb rief er seinen Oberleutnant an und meldete sich für die am gleichen Abend stattfindende Übung ab. Gleichzeitig wies er den Oberleutnant jedoch an, ihn auf der Anwesenheitskontrollliste mit einem Kreuzchen hinter seinem Namen dennoch als «anwesend» aufzuführen. Das hätte er besser nicht getan.

Denn das unscheinbare Kreuzchen auf der Anwesenheitsliste hatte gravierende Folgen. Auf heute unergründliche Art und Weise wurde ruchbar, dass der Kommandant die 40 Franken Sold kassiert hatte, ohne an der Übung anwesend gewesen zu sein.

Ein Verfahren wurde eröffnet, die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Obwohl die Gemeinden, welche zur regionalen Feuerwehr gehören, die Staatsanwaltschaft ausdrücklich gebeten hatten, das Verfahren einzustellen, flatterte den beiden ein Jahr nach der ominösen Übung ein später Strafbefehl ins Haus.

Kommandant und Oberleutnant wurden wegen Urkundenfälschung verurteilt: Der Kommandant zu einer bedingten Geldstrafe von 3300 Franken, dazu zu einer Busse von 800 Franken. Weiter sollte er die Verfahrenskosten von 1900 Franken berappen, schliesslich sollte das Urteil im Strafregister eingetragen werden.

Ähnlich beim Oberleutnant: bedingte Geldstrafe von 3400 Franken, Busse von 800 Franken und Verfahrenskosten von 1700 Franken plus Eintrag ins Strafregister.

Der Kommandant und sein Oberleutnant waren konsterniert und sie erhoben unverzüglich Einsprache gegen die ausgestellten Strafbefehle.

Zwei Anwälte wegen 40 Franken

So trifft man sich zur Verhandlung vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Der Kommandant erklärt, wie es zum verflixten Kreuzchen kam: Er habe den ganzen Abend für die Feuerwehr gearbeitet.

Anstatt nun die dreieinhalb Stunde à 20 Franken pro Stunden separat abzurechnen, habe er den einfacheren Weg gewählt und den Oberleutnant gebeten für ihn das Kreuzchen auf der Rapportliste der Übung einzutragen und somit 40 Franken Sold zu erhalten.

Der Verteidiger des Mannes erklärte, damit sei klar und eindeutig, dass es sich nicht um Urkundenfälschung handeln könne: Hätte der Kommandant nämlich selber abgerechnet und seine Arbeitszeit an jenem Abend aufgeführt, wäre er für die dreieinhalb Stunden mit 70 Franken entschädigt worden.

Er hat also niemanden geschädigt, sondern sogar noch aus freien Stücken auf 30 Franken verzichtet. Also könne auch nicht von Urkundenfälschung gesprochen werden; beide Verteidiger kommen in ihren Plädoyers zum Schluss, dass sowohl der Kommandant als auch der Oberleutnant nichts Unrechtes getan haben und deshalb freizusprechen seien; wobei sie auch ihrer Verwunderung Ausdruck geben, dass die Staatsanwaltschaft dieses Verfahren überhaupt eröffnet hat.

Keine Urkunde, keine Fälschung

Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger stellt fest, dass ein Rapportblatt mit den Namen der Teilnehmenden an der Feuerwehrübung im rechtlichen Sinne keine Urkunde ist. Also könne keine
Urkundenfälschung vorliegen, sondern allenfalls eine schriftliche Lüge; und die ist straffrei. Die beiden Beschuldigten werden freigesprochen, es gibt keinen Eintrag ins Strafregister.

Unter dem Strich bleiben 30 Franken Soldeinsparung für die regionale Feuerwehr und rund 10'000 Franken Verfahrenskosten zulasten der Staatskasse.