50 JAHRE FRAUENSTIMMRECHT
Autorin Margrit Schriber schreibt über Frauen, die zu früh die Bühne der Welt betreten haben

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, die Frauenzentrale Aargau feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass erscheint unter dem Titel «Frauenstimmen» jeden Montag ein Text mit einer Frau aus dem Aargau.

Kristin T. Schnider
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Margrit Schriber aus Zofingen ist Schriftstellerin.

Margrit Schriber aus Zofingen ist Schriftstellerin.

Pius Amrein

«Ich wurde 1939 in der Innerschweiz geboren und bin am Vierwaldstättersee aufgewachsen. Mein Vater war ein sogenannter Wunderdoktor. Wie der Vater meines Vaters. Sie waren berühmt für eine seherische Gabe und ihre unerklärlichen Heilungen. Ratsuchende sind zu ihnen gepilgert und standen auf der Strasse Schlange. Ich bin in diesem Milieu von Geheimnis und Unerklärbarem aufgewachsen. Es war mein Glück, denn ich habe die Gabe geerbt, in mich hineinzuhorchen und Szenen zu sehen. Dies hat mir meine Arbeit als Schriftstellerin erleichtert.

Das Auflebenlassen von Zeiten und Lebensumständen fasziniert mich. Die Zeit rast. Jahrhunderte verfliegen. Was bleibt von einer Epoche? Ruinen, Schutt und manchmal künden eingeritzte Zeichen von einer vergangenen Kultur. Sie erzählen von jenen Menschen. Auch ich wollte Zeichen ritzen.

Als Frau stelle ich Frauen in den Mittelpunkt meiner Erzählungen. Lasse mich leiten von ihren Träumen, ihren Begabungen, ihren Auftritten und Grenzen. Es gibt so viel, das uns zu ungeahnten Höhenflügen aufschwingen lässt. Und es gibt tausend Möglichkeiten, zu scheitern. Ich möchte genau hinsehen. Was umgibt und bewegt uns? Wie sind wir? Können wir uns ändern? Was gelingt und zerschmettert uns? Ich verfasse eine lesbare Variante des Lebens.

«Das Schicksalsjahr 1971 wurde zu meinem eigenen»

Ich habe das Schreiben von der Pike auf gelernt und hart an meiner Sprache gearbeitet. 1971, ein wichtiges Jahr für uns Frauen und für die Demokratie, war für mich privat ein schwieriges Jahr. Meine Ehe kriselte, ich musste lernen, für mich selbst einzustehen. Doch ich hatte ein Ziel. Mein erstes Buch verfassen. Und dies ohne jede Unterstützung und Ermunterung.

Meine Kenntnisse zum Schreiben waren gleich null. Ich wusste nur, dass ich gute Literatur machen möchte. Aber wie? Ich las viel und zerpflückte den Erzählaufbau von Gegenwartsautoren. Mit der Zeit gelang es mir, eine Geschichte von Szene zu Szene zum gewünschten Ende zu führen. Vor allem lernte ich, auf meine eigene Stimme zu hören.

Mit dieser Anstrengung wurde jenes Schicksalsjahr auch zu meinem eigenen. Ich habe mich geformt. Damit wurde ich zu einem Menschen mit Stimme. Im doppelten Sinn: einmal als Wählerin, einmal als Berufsfrau.

Bald darauf erschien mein erster Roman. Danach folgte Buch auf Buch. Die Romane handeln von Frauen, ihrem Mut, aber auch ihrem Scheitern. Zum Beispiel «Das Lachen der Hexe» über Anna Maria Schmidig aus dem Muotatal. Sie wurde vor 180 Jahren als Hexe getötet. «Syra die Stripperin» war vor achtzig Jahren das erste schweizerische Glamourgirl. Die international gefragte Tänzerin wurde als eine der schönsten Frauen der Welt gefeiert und auch in den Mord an Kennedy verwickelt. Sie galt jedoch nicht viel mehr als jedes Luxusmarkenzeichen auf der Kühlerhaube eines Autos. Sie starb vergessen und verarmt.

Diese Frauen hatten eines gemeinsam: Sie betraten zu früh die Bühne der Welt. Für Frauen war die Zeit der grossen Auftritte noch nicht reif. Die Gesellschaft hat korrigierend eingegriffen und deren Träume gesenkelt.

Petition an das Norwegische Königshaus gerichtet

Ich bin stolz auf die Wirkung meines Romans «Die hässlichste Frau der Welt», denn das Schicksal der Bartfrau Julia Pastrana, die im Jahr 1750 in einem Affenkäfig dem sensationslüsternen Publikum in Europa vorgeführt worden ist, hat meine Leserschaft aufgerührt. Manager Lent schwängerte seine Bartfrau in der Hoffnung, das Kind erbe die Haarkrankheit. Seine Berechnungen wurden erfüllt. Doch Kind und Mutter starben bei der Geburt.

Lent liess die Leiche von seiner Frau und seinem Kind ausstopfen. Er tingelte mit diesen mit gewaltigem Erfolg durch ganz Europa. Dank der Aufklärung wurde diese Vorführung verboten. Nach dem Krieg tauchten die Exponate in einem forensischen Museum in Norwegen auf. Meine Leser und ich richteten eine Petition an das Norwegische Königshaus und baten, Julia Pastrana endlich ein Grab zu geben. Der König antwortete, es fehle ihm dazu die Macht. Aber zwei Jahre später wurde der Leichnam unter Entschuldigungen des Staats in ein Flugzeug geladen und mit grossem Pomp in ihrem Heimatland Mexiko begraben.

Mein nächstes Thema widme ich wieder ganz den Frauen von heute. «Das Abenteuer eine Frau zu sein» wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Jedes Buch, das ich verfasse, ist ein Tanz auf Probe. Ich glaube an den Tod. Ich glaube auch ans Leben. Dieses ist ein einmaliges Geschenk. Einzigartig und spannend. Aber unfassbar kurz. Man darf es nicht vergeuden. Ein Menschenleben ist in diesem grossen Ganzen nur ein Aufblitzen. Doch man gehört dazu. Das ist, was zählt. Für mich bedeutet diese kurze Spanne eine Chance, die ich wahrnehmen möchte, ehe meine Blitzzeichnung verblasst.»

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