50 Jahre Frauenstimmrecht
«Wir Frauen müssen wieder mehr an uns glauben»: Die Gemeinderätin von Sisseln über Familie, Mutterschaft und Politik

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Aus diesem Anlass stellt die AZ unter dem Titel «Frauenstimmen» jede Woche eine Frau aus dem Aargau vor. Diese Woche: Barbara Hürlimann, Gemeinderätin von Sisseln.

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Barbara Hürlimann engagiert sich als Gemeinderätin in Sisseln.

Barbara Hürlimann engagiert sich als Gemeinderätin in Sisseln.

Bild: Iris Krebs

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Aus diesem Anlass stellt die AZ unter dem Titel «Frauenstimmen» jede Woche eine Frau aus dem Aargau vor.

Barbara Hürlimann, Jahrgang 1974, Hotelfachfrau mit Diplom, Familienmanagerin und stolze Mutter von drei Kindern zwischen 12 und 18 Jahren, ist eine Frau, die weiss, was sie will. Als Barbara Gysin im Hotel Hilton in Basel Flavian Hürlimann kennenlernte, da wusste sie: «Mit diesem Mann möchte ich drei Kinder haben.» Die beiden waren sich nicht etwa an der Hotelbar begegnet, sondern bei der Arbeit. «Schon seitdem ich als Kind einmal mit den Grosseltern in ein Hotel in die Ferien durfte, schwebte mir vor, einmal im Gastgewerbe zu arbeiten», erzählt Barbara Hürlimann. Sie fand das toll, wie sich das Personal um sie kümmerte, und wollte dieses Gefühl auch einmal anderen Menschen geben können.

Heute erlebt sie als Gemeinderätin von Sisseln gegenseitige Bereicherung beim Freudeschenken, besonders mit Jubilarinnen und Jubilaren über 80, wenn sie die Gratulationen und ein Geschenk des Rates überbringt. 2018 ist Barbara Hürlimann in den Gemeinderat gewählt worden. Sie geniesst die Ratsarbeit und ist stolz auf alles, was sie gelernt hat in dieser «guten Lebensschule», wie sie sagt. Schön ist, dass ihr bei der Arbeit im Ressort Gesundheits- und Sozialwesen wie bei der Jugendarbeit und dem Organisieren von kulturellen Anlässen immer wieder viel Wertschätzung entgegengebracht wird.

Sie betrachtet ihr Amt auch als Sprungbrett zurück ins Berufsleben. Die berufliche Weiterentwicklung ist ihr wichtig, und wie viele Frauen, die sich für Mutterschaft und Familienzeit entschieden haben, ist auch Barbara Hürlimann damit konfrontiert, dass es schwierig ist, ohne «klassische» Referenzen eine gute Anstellung zu finden.

Beruf: Familienmanagerin

Als sie für «Die Mitte» 2020 als Kandidatin für den Grossen Rat antrat, gab sie als Beruf «Familienmanagerin» an. Das ist ein Statement. Sie findet, dass die Anerkennung für die wahren Leistungen im Haushalt zu selten publik gemacht wird. Dazu kommt, dass sich viele Frauen trotz der Errungenschaft politischer Rechte selbst zu wenig zugestehen. Noch immer lauert «im Hinterkopf» das schlechte Gewissen, wenn ihnen vorgeworfen wird, «nur» zu Hause zu bleiben.

«Wir sind Seelsorgerinnen, Notfallhelferinnen, organisieren, koordinieren, sind geübt in Multitasking, müssen flexibel sein und haben lange Arbeitszeiten.»

Es gebe keinen Grund, diese Fähigkeiten für den Wiedereintritt ins Berufsleben nicht anzuerkennen. Auch von der Frage, ob sie mit drei Kindern keine Skrupel habe, wieder mit Erwerbsarbeit anfangen zu wollen, lässt sich Barbara Hürlimann nicht beirren. «Wir Frauen», sagt sie, «müssen wieder mehr an uns glauben und mit gutem Selbstbewusstsein unser Leben so gestalten, wie es für uns stimmt.»

Politisches Engagement gehört zur Gestaltung des Lebens

Zur Gestaltung gehört bei ihr das politische Engagement, mit dem sie sich für ihre ethischen Werte einsetzt – mehr Wertschätzung und Respekt nicht nur Frauen gegenüber – genauso, wie sie vorlebt, dass sich Berufs- und Familienleben vereinbaren lassen. Was aber auch stimmt: Arbeit ist nur das halbe Leben. Zeit für sich selbst zu finden, ohne das berühmte schlechte Gewissen, ist gar nicht so einfach.

Getreu ihrem Leitsatz: «Man kann den Wind nicht ändern, aber lernen, die Segel neu zu setzen», nimmt Barbara Hürlimann in ruhigeren Stunden Kurs auf das Zimmer, in dem sie sich dem Malen widmet. Mit ihrer privaten Website, auf der sie Einblick in ihr künstlerisches Schaffen gibt, teilt sie ihre Kreativität, das Lockere, das genauso zu ihr gehört wie Sachlichkeit und Effizienz, wiederum gerne mit anderen Menschen, um sie zu inspirieren. (az)

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