Die Zersiedlung ist zum Volksärgernis geworden, aber jetzt machen Bund und Kantone Nägel mit Köpfen. Das im Aargau mit 67 Prozent Ja unterstützte Raumplanungsgesetz ist seit Anfang Mai in Kraft. Das heisst: Es gibt in allen Aargauer Gemeinden keine neuen Bauzonen mehr, bis das neue Konzept vom Kanton umgesetzt und vom Bund genehmigt ist.

Für die meisten Gemeinden werden die Bauzonen bis 2040 eingefroren, nur in 23 Gemeinden können die Siedlungen - bei Bedarf - noch erweitert werden (siehe Karte). In sechs Gemeinden mit massiv zu grossen Bauzonen müssen ein Dutzend Flächen zurückgezont werden.

«Verdichtung heisst nicht, dass wir einen Siedlungsbrei wollen», sagt der Aargauer Baudirektor Stephan Attiger. «Die Qualität der Wohnlagen erhalten oder erhöhen und die Ortsbilder schützen» gehöre zu den Zielen.

190 000 zusätzliche Aargauer

Das mögliche Wachstum von heute 630 000 Personen auf eine Bevölkerung von 820 000 erscheint auf den ersten Blick riesig. Die 190 000 zusätzlichen Einwohner bis 2040 bedeuten aber nur die Fortschreibung des Wachstums der letzten 15 Jahre.

«Die 190 000 sind kein Ziel, aber wir müssen darauf vorbereitet sein», präzisiert Attiger. Und in den letzten Jahren seien alle Prognosen immer von der Realität übertroffen worden. Statt für die vielen Zuzüger neue Bauzonen zu schaffen, verfolgt der Aargau eine Strategie der inneren Siedlungsentwicklung und Verdichtung.

Wichtiges Element für die bestehenden und künftigen Bauzonen sind Mindestdichten. Sie reichen in den Kernstädten von 70 bis 90 Einwohnern pro Hektare bis zu 40 bis 60 Einwohnern in den ländlichen Gebieten. «Diese Mindestdichten müssen im Richtplan planerisch sichergestellt aber nicht erreicht werden», erklärt Daniel Kolb, Leiter Raumentwicklung im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU).

In den Gemeinden mit Wachstumspotenzial, primär im Grossraum Baden und teilweise auch in der Region Aarau, werden zusätzliche Siedlungsflächen ausgeschieden. In Bauzonen können sie aber erst dann umgewandelt werden, wenn die durchschnittliche Mindestdichte im bisherigen Baugebiet erreicht ist.

Fläche wächst rund ein Prozent

Die gesamte Siedlungsfläche soll bis 2040 nur minimal wachsen, um knapp 1,4 Prozent oder 294 Hektaren auf neu 21 550 Hektaren. Es ist keineswegs so, dass alle Zuzüger hier untergepfercht werden müssen. In den bestehenden Bauzonen hat es im Mittel noch 18 Prozent Reserven. Darum wird es ohne grosse Ausweitung der Flächen, sprich ohne weitere Zersiedlung, möglich sein, das enorme Wachstum der Bevölkerung aufzufangen - falls die Prognosen eintreffen sollten.

Die neue Strategie sieht auf 50 Hektaren Wohnschwerpunkte vor. Das sind attraktive gute Lagen mit einem hervorragenden Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Diese neuen Einwohner belasten also die überfüllten Strassen nicht stark. In diesen Schwerpunkten in den Zentren von Gemeinden «ist eine hohe bauliche Dichte vorgesehen, verbunden mit einer besonders hohen Qualität bei der Gestaltung und der Bauweise», schreibt der Kanton.

Für die Erweiterung des Siedlungsgebiets in den 23 Gemeinden sind die Vergrösserungen auf die Kommastelle hinaus vorgegeben. Mit grossem Abstand an der Spitze der 13 Aargauer Planungsgruppen liegt Baden Regio: Zwölf Gemeinden können hier um 0,3 bis 17,7 Hektaren erweitert werden.

Wettingen als Spitzenreiter

Die Stadt Baden hat nicht mehr genügend Platz für mögliche Erweiterungen, darum findet das künftige Wachstum in den Gemeinden der Region statt. «Mit 20 300 Einwohnern ist Wettingen die grösste Gemeinde im Aargau», betont Ammann und CVP-Grossrat Markus Dieth. Als Präsident der Repla-Konferenz schildert er auch das intensive Verfahren zwischen Kanton und Planungsgruppen im letzten halben Jahr.

«Bisher hat der Kanton die Eingaben der Regionen ernst genommen. Wir hoffen, das werde auch in Zukunft so sein», wünscht sich Dieth. Das Wettinger Siedlungsgebiet soll um 17,7, jenes in Würenlingen um 10,9 Hektaren ausgeweitet werden. Viel Bauland kann auch durch Umzonungen von Gewerbeflächen in Wohnzonen gewonnen werden. Mit Reservetöpfen will der Kanton sicherstellen, dass er auf unerwartete Entwicklungen in anderen Gemeinden reagieren kann.

Auflage bis 20. September

Die umfangreichen Dokumente sind in allen Aargauer Gemeinden und beim Kanton (www.ag.ch/raumentwicklung) bis zum 20. September öffentlich aufgelegt. Parteien, Verbände und Privatpersonen können Stellung nehmen. Anfang 2015 geht das ganze Paket an den Grossen Rat, am Schluss muss die Siedlungsplanung vom Bundesrat genehmigt werden. Der Richtplan Siedlungsgebiet bedeutet eine enorme Arbeit, um das Wachstum gezielt zu lenken.