Neue Plattform

Aargauer Fachkräfte arbeiten lieber in anderen Kantonen – Urs Hofmann glaubt, das Gegenmittel gefunden zu haben

Sie präsentierten die neue Onlineplattform «Work Life Aargau»: Volkswirtschaftsdepartements-Sprecherin Sandra Olar, Regierungsrat Urs Hofmann, Karsten Bugmann vom Paul-Scherrer-Institut und Marianne Wildi, Präsidentin Aargauische Industrie- und Handelskammer (von links).

Sie präsentierten die neue Onlineplattform «Work Life Aargau»: Volkswirtschaftsdepartements-Sprecherin Sandra Olar, Regierungsrat Urs Hofmann, Karsten Bugmann vom Paul-Scherrer-Institut und Marianne Wildi, Präsidentin Aargauische Industrie- und Handelskammer (von links).

Der Kanton lanciert mit der Plattform «Work Life Aargau» ein neues Instrument im Kampf um die begehrten Fachkräfte. Man nehme damit schweizweit eine Vorreiterrolle ein, sind die Macher überzeugt.

Der Aargau hat ein Problem. Die Leute rennen ihm davon, etwas salopp formuliert. Anders ausgedrückt, pendeln jeden Tag 115'000 Menschen weg aus dem Aargau, um in einem anderen Kanton ihrer Arbeit nachzugehen, während «nur» 65'000 in den Aargau pendeln, um hier ihren Job zu machen. Das ergibt ein Minus von 50'000 Arbeitskräften, was an sich ja noch kein Problem ist, immerhin bezahlen die «Abtrünnigen» ja im Wohnort ihre Steuern. Und immerhin scheint der Kanton so attraktiv, dass man gerne hier wohnt.

Das Problem entsteht vor allem vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels im Kanton. «Der Fachkräftemangel ist eine der grössten Herausforderungen für unzählige Unternehmen in der ganzen Schweiz, nicht nur im Kanton Aargau», sagt Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann. In den bei Unternehmern erhobenen Sorgenbarometern steht der Fachkräftemangel regelmässig an oberster Stelle. Und das Problem akzentuiert sich aufgrund des demografischen Wandels. In den kommenden zehn Jahren würden aufgrund der Pensionierung der geburtenreichen Jahrgänge rund eine halbe Million qualifizierter Arbeitskräfte wegfallen, weil zu wenig neue Arbeitskräfte in den Markt kommen. Die demografische ­Falle schnappt zu.

Von der Kita bis zum Co-Working-Space

Doch der Aargau will sich im zunehmend härteren Kampf um Hochqualifizierte und Gutausgebildete nicht einfach so dem Schicksal ergeben. Deshalb lanciert er zusammen mit zahlreichen Partnern aus Wirtschaft und Bildung die Plattform «Work Life Aargau». Sie soll dem Aargau in mehrfacher Hinsicht Auftrieb verleihen, indem sie bewusst nicht nur auf Jobs im Aargau hinweist, sondern darüber hinaus über Angebote im Bereich Aus- und Weiterbildung, Kinderbetreuung, Co-Working-Spaces oder Freizeit informiert. «Die Plattform verbindet bewusst Arbeit, Familienalltag und Freizeit», sagt Karsten Bugmann. Er ist Präsident des hinter der Plattform stehenden Trägervereins und zugleich Personalchef am Paul-Scherrer-Institut (PSI).

Bugmann weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es einerseits ist, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, und sie andererseits zu halten. Bei rund 2100 Mitarbeitenden seien am PSI ständig über 100 Stellen offen. Es sei nicht immer einfach, die Fachkräfte für den Aargau zu gewinnen. Viele kämen aus urbanen Gegenden, seien ob dem ländlichen Umfeld in Villigen überrascht. «Wer aber zu uns kommt und Zeit in der Gegend verbringt, merkt schnell, dass wir in einem wunderschönen Kanton leben», sagt Bugmann.

Allein am PSI werden rund 100 Lernende, 300 Doktoranden und 200 Postdocs ausgebildet und beschäftigt. Jährlich beenden zwischen 150 und 200 ihre Ausbildung. «Wir können die nicht alle bei uns weiterbeschäftigen», sagt Bugmann, «aber viele sind genau in Bereichen ausgebildet, die wir im Kanton brauchen, um in der Digitalisierung oder Robotisierung weiterzukommen.»

Hofmann: «Wir bieten vor allem auch den Aargau an»

Aber wenn sie dem Kanton einmal den Rücken gekehrt haben, dann ist es schwierig bis unmöglich, sie wieder zurückzuholen. Spätestens wenn Nachwuchs da ist, wird ein Umzug unwahrscheinlich. Genau hier setzt «Work Life Aargau» an, die Plattform soll helfen, den Braindrain, den Wegzug der Gutausgebildeten, zu verhindern. «Wir wollen mit dieser Initiative den Arbeitsstandort Aargau stärken», sagt Marietta Frey, Geschäftsführerin des hinter der Plattform stehenden Vereins und Projektleiterin bei der kantonalen Standortförderung.

Der Ursprung von «Work Life Aargau» geht auf ein Postulat aus dem Grossen Rat im Jahr 2016 und eine darauf eingesetzte interdepartementale Arbeitsgruppe «Fachkräfte» zurück. In einem ersten Zug hat man mit Partnern aus Wirtschaft und Bildung ein systematisches Monitoring des Fachkräftemangels entwickelt. So hat man nicht nur den Istzustand ermittelt, sondern auch den Handlungsbedarf eruiert.

Was aber macht denn diese Plattform so einzigartig? Da ist zum einen die Darstellung. Was da nach Eingabe der URL (www.worklifeaargau.ch) aufpoppt, ist ungewohnt, Geschäftsführerin Frey nennt es eine «Bubblewolke» (Blasen-Wolke), scrollt man darüber, tauchen immer neue Blasen auf. Mit Jobangeboten, Firmenporträts, Bildungsangeboten oder Freizeitaktivitäten. Da können sich Firmen mit Videos präsentieren, aber es können auch Mitarbeiter eines bestimmten Unternehmens Tipps geben, wo sie ihr Mittagessen verzehren oder wo sie ihre Körper stählen. Denn man will mehr als reine Unternehmensinformation, man möchte ein Gefühl für ein Unternehmen, ja, für eine ganze Region vermitteln. Das sei denn auch der grosse Unterschied zu einer herkömmlichen Jobplattform. Oder in den pointierten Worten von Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann: «Wir bieten vor allem auch den Aargau an, das macht ein Jobportal natürlich nicht.»

Zusammen den Kanton zum Strahlen bringen

Ganz offensichtlich ist das nicht nur ein Bedürfnis der Politik, sondern vor allem auch der Wirtschaft. Denn der Kanton hat zwar mit rund einer Million Franken aus dem Swisslos-Fonds die Initialfinanzierung geleistet, aber die Plattform soll selbsttragend sein. Die ersten drei Jahre sind bereits gesichert. Dafür haben Frey und Co. mehr als 80 Unternehmen aus dem Kanton überzeugen können, für ihre Präsenz auf der Plattform zwischen 3000 und 10'000 Franken pro Jahr zu berappen, und das über den besagten Zeitraum von drei Jahren. Das sind stattliche Beträge. Aber wenn man Marianne Wildi zuhört, muss man auch bereit sein, etwas zu investieren im Kampf um die heissbegehrten Spezialistinnen und Spezialisten. «Die Fachkräfte sind das Gold der Zukunft», sagt die Geschäftsführerin der Hypothekarbank Lenzburg.

Wildi gehört mit der Hypi und in ihrer Funktion als Präsidentin der Aargauer Industrie- und Handelskammer (AIHK) zu den ersten Unterstützerinnen der Initiative. Viele der schon auf der Plattform vertretenen Unternehmen sind auch AIHK-Mitglieder. «Wir haben viel diskutiert, bis wir gemerkt haben, dass wir gemeinsam besser unterwegs sind, dass es extrem viele Synergien gibt. Wenn verschiedene Träger zusammenspannen, dann können wir gemeinsam strahlen.» Auf und durch diese neue Plattform. Mit dem Ziel, zu zeigen, dass im Aargau zu leben «das Coolste und Beste ist, was man machen kann», so Wildi euphorisch.

Der Aargau als Hidden Champion

Dass trotzdem nicht mehr als 80 von insgesamt 1900 AIHK-Mitgliedern auf der Plattform vertreten sind, dürfte auch an den stattlichen Kosten liegen. Das liegt mitunter daran, dass man in einer ersten Phase vor allem grössere Unternehmen kontaktierte, um die Finanzierung sicherzustellen. Da man aber nicht nur den Grossen im Kanton die Möglichkeit geben möchte, sich zu präsentieren, wird es künftig für kleine Unternehmen (weniger als 20 Mitarbeitende) und Start-ups die Möglichkeit geben, sich schon für 500 Franken pro Jahr auf der Plattform darbieten zu können.

Da Fachkräfte in der ganzen Schweiz Mangelware sind, fragt sich einzig, warum die Plattform hauptsächlich in Deutsch gehalten ist. Schliesslich muss wenigstens ein Teil der Unternehmen die Suche im Ausland fortsetzen, wenn es schon im Heimmarkt zu wenige qualifizierte Arbeitskräfte gibt. «Work Life Aargau»-Geschäftsführerin Frey antwortet darauf, Ziel der Plattform sei es, den Aargau in der Schweiz besser zu positionieren. «Wir wollen nicht amerikanische, sondern schweizerische Arbeitskräfte ansprechen», betont auch Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann. Man ziele insbesondere auf die Menschen, die täglich aus dem Aargau in einen der Nachbarkantone oder noch weiter zur Arbeit pendeln.

Sollte die Plattform auch ausländische Arbeitskräfte ansprechen, dann wäre das ein willkommener Nebeneffekt. Nicht mehr und nicht weniger. Denn interessante Arbeitsplätze gäbe es im Kanton genug. «Nicht nur bei den bekannten Grössen im Kanton, sondern wir haben auch etliche mittelgrosse Unternehmen, die in ihrem jeweiligen Gebiet zur Weltspitze gehören», schwärmt der abtretende Volkswirtschaftsdirektor. Die sogenannten Hidden Champions, zu denen bis dato wohl auch der Aargau gerechnet werden muss. Ansonsten würde ihm das Humankapital kaum in Scharen davonlaufen. Genau das soll die Plattform nun ändern.

Goodies locken Arbeitnehmende und Unternehmen

Um mehr Informationen zu Aargauer Unternehmen zu erhalten, setzt der Verein «Work Life Aargau» auf einen Wettbewerb. Mitmachen können alle Arbeitnehmenden eines Aargauer Unternehmens. Um am Wettbewerb teilzunehmen, müssen sie auf der «Work Life Aargau»-Plattform unter der Rubrik «Mitarbeiterpuls» (www.worklifeaargau.ch/mitarbeiterpuls) lediglich ein Statement über ihren Arbeitgeber veröffentlichen. Unter allen Schreiberinnen und Schreibern werden drei Gutscheine für eine Weiterbildung im Wert von 500 Franken verlost. Damit nicht genug: Die Mitarbeitenden können, sofern sie das in genug grosser Zahl tun, auch für ihr Unternehmen gewinnen.

Schreiben pro Unternehmen nämlich mindestens drei Mitarbeitende ein Feedback zu ihrem Arbeitgeber, kann das Unternehmen eine Jahresmitgliedschaft im Wert von 3000 Franken gewinnen. Teilnahmeschluss ist der 8. November.

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