Flughafen Zürich

Aargauer Fluglärm-Gegner: «Der Entscheid des Bundesrats ist wie ein K.-o.-Schlag»

So soll sich die Lärmbelastung im Aargau ändern

So soll sich die Lärmbelastung im Aargau ändern

Der Bundesrat berücksichtigt Interessen des Kantons Aargau nur teilweise. 40'000 Überflüge sollen dem Aargau künftig erspart bleiben.

Donnern Flugzeuge nach dem Start auf dem Flughafen Zürich über den Kanton, ist das in vielen Aargauer Schlaf- und Wohnzimmern zu hören und zu spüren. Entsprechend stark aufgeladen ist die politische Diskussion über die Frage, welche Routen die Maschinen künftig fliegen sollen.

Nun hat der Bundesrat einen Entscheid gefällt – und setzt damit einem jahrelangen Fluglärm-Streit zumindest ein vorläufiges Ende. Der Beschluss über das Geschäft mit dem sperrigen Titel «Anpassung des Sachplans Infrastruktur der Luftfahrt, Objektblatt Zürich (SIL 2)», der den Flughafenbetrieb sicherer machen soll, hat grosse Auswirkungen auf die Verteilung der Lärmbelastung. Die Bilanz für den Kanton Aargau ist durchzogen. In einer Mitteilung zum Bundesbeschluss schreibt der Regierungsrat von Vor- und Nachteilen.

«Insgesamt überwiegen die positiven Punkte», sagt Hans-Martin Plüss. Der Spezialist für die Fluglärmthematik im kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt nennt allen voran die 40 000 Überflüge pro Jahr, die dem Aargau künftig erspart bleiben. Zu verdanken ist dies der Abflugroute bei der Piste 28, auf der tagsüber die meisten Flugzeuge vom Flughafen Zürich abheben. Demnach drehen Maschinen, die unterwegs in Richtung Osten sind, in Zukunft vor der Kantonsgrenze ab. Hauptprofiteure der neuen Route sind die Gemeinden Spreitenbach und Bergdietikon.

Freuen darf sich auch die Bevölkerung im Surbtal: Die Zahl der Starts über ihre Region wird nicht erhöht. Ausserdem wird die Situation für die Wohngebiete am Mutschellen entschärft, sie teilen sich künftig die Lärmbelastung mit dem Rohrdorferberg.

Mehr Fluglärm in Wettingen

Allerdings gibt es unter den Regionen auch Verlierer: Insbesondere Wettingen und Würenlos werden in Zukunft stärker durch Fluglärm belastet. «Die neue Route, die über diese beiden Gemeinden führt, wird tagsüber beflogen», sagt Hans-Martin Plüss. Immerhin würden die Grenzwerte am Tag – im Unterschied zur Nacht – eingehalten. Auf wie viele Überflüge sich die Einwohner von Wettingen und Würenlos einstellen müssen, wird sich erst noch zeigen.

Die Fluglärm-Gegner aus den betroffenen Gemeinden stellen sich auf eine deutliche Verschlechterung ein: «Die Belastung wird massiv zunehmen», sagt Kurt B. Weber, Co-Präsident des Vereins für erträglichen Fluglärm Baden-Wettingen (VefeF). Sein Fazit: «Die Bevölkerung ist gegenüber den wirtschaftlichen Interessenvertretern und der Flughafen Zürich AG weitgehend machtlos.» Weber kritisiert, dass nun einem massiven Ausbau der Kapazitäten Tür und Tor geöffnet werde.

Der Fluglärmgegner stört sich sehr an den Nachtflügen, deren Zahl nach dem Willen des Bundesrats langfristig um 25 Prozent ausgeweitet werden darf. Und dies, obwohl die vorgeschriebene Nachtruhe zwischen 23 und 6 Uhr am Flughafen Zürich schon heute nicht eingehalten wird. Eine Einschätzung, die Hans-Martin Plüss teilt: «Die erlaubten Lärmimmissionen werden in der Nacht massiv überschritten. Zwischen 23 und 24 Uhr starten rund viermal mehr Flugzeuge als vorgesehen.» Deshalb sagt der Fluglärm-Spezialist beim Kanton über den durch den Bundesrat bewilligten Ausbau des Nachtbetriebs: «Das schmerzt.»

«Wie ein K. o.-Schlag»

Hauptgrund für den nächtlichen Fluglärm über dem Aargau sind die verspäteten Starts von Langstreckenfliegern. Dagegen will die Kantonsregierung nun vermehrt vorgehen und fordert, die Zürcher Flughafenbetreiber müssten Massnahmen ergreifen, «um die Verspätungen deutlich zu reduzieren und den festgelegten Lärmrahmen einzuhalten». Hans-Martin Plüss ist überzeugt, dass es Massnahmen gäbe, mit denen sich das Problem entschärfen und die vorgeschriebene Nachtruhe einhalten liesse.

Bis die ersten Flugzeuge auf den geänderten Routen fliegen, wird es noch lange dauern. Plüss rechnet damit, dass dies frühestens in sieben Jahren der Fall sein wird. Zuerst müssen die Verantwortlichen des Flughafens nun ein Betriebsreglement erstellen. Dagegen könnte von Gemeinden, betroffenen Privatpersonen und Organisationen Einsprache erhoben werden.

Ob der Verein für erträglichen Fluglärm Baden-Wettingen von diesem Recht Gebrauch machen wird, lässt Co-Präsident Kurt B. Weber offen. «Der Entscheid des Bundesrats ist wie ein K. o.-Schlag.» Ob nach der jahrelangen und erfolglosen Gegenwehr jemand bereit sei, den Aufwand auf sich zu nehmen, müsse sich erst zeigen. «Aber», fügt Weber an, «wir behalten uns die Option einer Einsprache offen.»

Meistgesehen

Artboard 1