Interview

Aargauer Gastro-Seelsorgerin: «Die Wirte stehen jetzt vor einem Konflikt»

Pfarrerin Corinne Dobler hilft Wirten durch Krisensituationen.

Pfarrerin Corinne Dobler hilft Wirten durch Krisensituationen.

Die Aargauer Gastro-Seelsorgerin Corinne Dobler spricht im Interview über die Sorgen der Beizer, wie sie ihnen Mut zuspricht und über positive Nachrichten aus der Branche.

Wie ist die Stimmung unter den Beizern?

Corinne Dobler: Es ist ganz unterschiedlich. Man muss die Phasen berücksichtigen. Der Lockdown war ein Schock. Für viele kam dann eine Beschäftigungsphase, sie räumten auf und machten sich parat für die Wiedereröffnung. Nach Ostern hat die Krise richtig angefangen, es herrschte Unklarheit. Seit man weiss, wann die Restaurants wieder öffnen dürfen, geht es wieder aufwärts. Es ist eine Erleichterung da, aber man kann nicht sagen, es ist alles super. 

Wie viele Gespräche führen Sie pro Tag?

Mehr als vor der Coronakrise. Geschätzt sind es rund 20 pro Woche. Der Kontakt läuft über Mail, Facebook, Whatsapp und das Telefon.

Welche Sorgen äussern die Wirte häufig?

Sie fragen sich: Werden die Gäste kommen? Sie wissen auch nicht, wie es laufen wird und ob sie eine Mietzinsreduktion erhalten. Zum Teil sind die Defizite gross. Für viele wäre der Frühling die grosse Saison gewesen. Da ging viel Geld verloren.

Wie versuchen Sie, den Wirten Mut zuzusprechen?

Wenn jemandem alles über den Kopf gewachsen ist, höre ich zunächst einfach mal zu. Der zweite Schritt ist ihm zu helfen, die Gedanken oder Sorgen zu ordnen, um wieder klar denken zu können. Ich glaube, jeder Mensch hat die Lösung für sein Problem in sich drin. Ich helfe, den Zugang wieder zu finden. Es ist selten, dass ein Wirt völlig verzweifelt anruft. Wenn ich aber von jemandem höre, dass es einem Kollegen schlecht geht, rufe ich von mir aus an.

Nächste Woche dürfen Restaurants unter Auflagen wieder öffnen. Was sagen die Wirte Ihnen gegenüber dazu?

Ich hatte noch nicht so viel Kontakt, seit die Auflagen am Dienstag bekannt wurden. Sie sind ziemlich restriktiv und kosten Geld. Viele Beizer versuchen, die Schutzmassnahmen möglichst günstig umzusetzen und stehen dennoch vor einem Konflikt: Der Betrieb wird nicht rentieren, aber sie wollen ihren Gästen zuliebe öffnen. Dazu kommt, dass die Abläufe aufwändiger sind und das Personal bis Montag geschult werden muss. Die Wirte überlegen sich: Braucht es überall noch Beistelltischchen? Wie muss man die Gäste platzieren, damit sie möglichst ohne Kontakt aneinander vorbeikommen? Das ist je nach Restaurant sehr anspruchsvoll. Es kommt auch auf die Art der Kundschaft an.

Wie meinen Sie das?

Die Handwerker kommen nächste Woche sicher wieder. Ein Restaurant neben einem Theater, das von dessen Besuchern lebt, hat es hingegen sehr schwierig.

Rechnen Sie damit, dass viele Beizen im Aargau die Coronakrise nicht überleben?

Ja, leider schon. Ich stehe vor allem in Kontakt mit Beizern, die seit 20 oder 30 Jahren im Geschäft sind. Sie werden das überleben. Viele, die frisch angefangen haben oder vorher schon knapp dran gewesen sind, hingegen nicht. Die Schliessungen werden sich häufen.

Haben Sie auch positive Nachrichten erhalten?

Ja, ich habe sehr schöne Geschichten gehört. Einige der Beizer mit jahrzehntelanger Erfahrung haben mir gesagt, sie hätten ihr Lokal noch nie vier Wochen am Stück zu gehabt. Es habe ihnen sehr gut getan, das Sortiment zu überdenken oder eine Art innere Tiefenreinigung zu machen. Sie hätten Zeit für die Familie oder für den Sport gehabt. Viele haben auch ein tolles Netz an Stammgästen, die gesagt haben: "Wir haben dich nicht vergessen." Für die, die erst gerade aufmachen wollten, war es natürlich überhaupt nicht lustig.

Wie erfolgreich war Ihre Arbeit in den letzten zwei Monaten?

Das ist schwierig zu sagen. Wir machen jedes Jahr vor Ostern einen Wirtegottesdienst. Weil er ausfiel, schrieb ich den regelmässigen Teilnehmern einen Brief mit einer Ermutigung. Viele haben sich dafür bedankt und gesagt, dass ihnen das gut getan habe. Manchmal verschicke ich auch einen Segen, wenn ich weiss, dass eine Person dafür offen ist. Auch das hat einigen geholfen.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Teil-Lockdown verändert?

Die Gespräche wurden tiefer. Man macht sich Gedanken über das Grundlegende: Was mache ich eigentlich und warum? Was motiviert mich? Einige Wirte haben so ihr inneres Feuer wieder entdeckt. Betriebsbesuche mache ich viel weniger, derzeit nur auf expliziten Wunsch und unter Einhaltung der Abstandsregeln. Wenn es jemandem sehr schlecht geht, ist ein persönliches Gespräch besser als per Whatsapp.

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