Ernüchterung
Aargauer Geothermie-Pioniere müssen eine kalte Dusche hinnehmen

Der Aargau gilt als Geothermie-Hotspot im Land, speziell das Untere Aaretal. Die ETH Zürich plant nun zwar neue Untersuchungen im Aargau, ein Geothermie-Kraftwerk bleibt vorerst aber ein schöner Wunschtraum.

Hans Lüthi
Drucken
Teilen
Geothermie-Erkundungsbohrung Zürcher Triemli-Quartier – im Aargau bleibt Wärme aus Geothermie wohl für Jahre ein Wunschtraum.

Geothermie-Erkundungsbohrung Zürcher Triemli-Quartier – im Aargau bleibt Wärme aus Geothermie wohl für Jahre ein Wunschtraum.

Keystone

«Wir wollen den Aargau ab 2020 mit geothermisch erzeugtem Strom und mit Wärme versorgen.» Diese kühne Vision hat sich der Verein Geothermische Kraftwerke Aargau (VGKA) seit fünf Jahren keck auf die Fahne geschrieben.

Das jüngste Treffen der Promotoren im Campus Brugg-Windisch machte überdeutlich, dass es allein schon bis zu Probebohrungen viel, viel länger dauern wird.

Weil die Hoffnung zuletzt stirbt, glaubt der neue VGKA-Präsident Matthias Jauslin immer noch an die Erdwärme. Der Verein will nicht selber bauen, aber eine positive Stimmung in der Bevölkerung und Politik schaffen.

Das ist auch bitter nötig. «Geothermie finde ich super, aber bitte nicht bei uns», lautet überall der Grundtenor bei Befragungen seit den Bohr-Fehlschlägen mit Erdbeben in Basel und St. Gallen.

Die Wärmeflusskarte, dass es im Kanton Aargau einen Geothermie-Hotspot hat.

Die Wärmeflusskarte, dass es im Kanton Aargau einen Geothermie-Hotspot hat.

ebp/zvg

Theoretisch wäre die Sache ganz einfach: 99 Prozent der Erde sind über 1000 Grad heiss, nur 0,1 Prozent sind weniger als 100 Grad warm – die oberste Kruste, auf der wir leben.

Für immer genügend Energie also, wenn man nur bis in 5000 bis 7000 Meter Tiefe bohrt. Und auch das richtige Gestein trifft, denn es braucht ja Wasser oder ein anderes Medium, um die Wärme an die Oberfläche zu bringen.

Die grössten Wärmeflüsse weltweit befinden sich tief unter dem Meer, in der Schweiz gilt der Aargau als Hotspot. Speziell im unteren Aaretal hat es in geringen Tiefen abnormal hohe Temperaturen.

«Aber wir wissen nicht, ob das warme Wasser von der Seite einfliesst oder wirklich aus grösseren Tiefen kommt», sagte Professor Martin O. Saar vom Institut Geophysik der ETH Zürich vor rund 40 Zuhörern im Campus.

Die nötige Wärme müsste man über viele Quadratkilometer einfangen, dabei kühle sich der Untergrund langsam ab. «Es ist wie beim Wald, nach 30 Jahren Nutzung müsste man wieder 50 bis 100 oder 150 Jahre warten», betonte Saar – zum Erstaunen vieler Zuhörer.

Um potenzielle Bohrgebiete besser ausloten zu können, nehmen Professor Saar und seine Wissenschaftler den Aargau in den Fokus. Mit elektromagnetischen Wellen wolle man den Untergrund abtasten und könne damit quasi in den Permokarbontrog hinein schauen.

«Die Geothermie wäre für uns gut, wir schauen positiv in die Zukunft.»
Kurt Hostettler, Geschäftsleiter der Regionalen Fernwärme Unteres Aaretal (Refuna)

Im Dreieck Frick-Bözberg-Leuggern sind ein Dutzend Stationen vorgesehen. Eine erste Eingabe beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) habe man gemacht. Die präzisen Standorte sind noch offen, aber weil Lärm und Elektrizität stören, eignen sich ruhige Wälder, ohne Stromleitungen, Eisenbahnen oder Drähte von Kuhweiden in der Nähe.

Gemäss der Forscher sei die passive Messmethode völlig harmlos, es brauche nur 30 Zentimeter tiefe Erdlöcher und eine Art Mikrofon. Also keine Wellen und keine Seismik wie bei der Nagra. Allerdings wolle man die Resultate aus dem laufenden Nagra-Messprogramm einbeziehen.

Ideal für die Erzeugung von Strom wären hohe Temperaturen und viel Wasser, «aber das haben wir in der Schweiz nicht», bedauerte Saar. Sein Institut arbeite intensiv an neuen Methoden, um schon mit 70 statt erst mit 100 Grad neben der Wärme auch Strom produzieren zu können.

Das Untere Aaretal ist auf neue Wärmeenergie angewiesen. «Die Geothermie wäre für uns gut, wir schauen positiv in die Zukunft», sagte Refuna-Geschäftsleiter Kurt Hostettler, Geschäftsführer des Fernwärmenetzes.

«Bis etwa 2030 haben wir noch Abwärme aus Beznau», versicherte Hostettler überzeugt – und obwohl er derzeit mit Heizöl produzieren muss. In der Energiestrategie 2050 des Bundes habe die Geothermie einen kleinen Stellenwert, erklärte Nationalrat Hans Killer. Es brauche noch viel Goodwill, die Leute seien der falschen Meinung, man könne die Wärme ganz einfach aus dem Boden holen.

Wann denn ein erstes Geo-Kraftwerk im Aargau entstehen könnte, wurde Referent Saar mehrfach gefragt. «Ich wage keine Prognose», lautete die vielsagende Antwort. Vorerst bleibt die Zukunftsenergie im Aargau ein schöner Wunschtraum.

Aktuelle Nachrichten