SVA Aargau

Aargauer IV-Stelle verweigert Kindern die verordnete Hippotherapie

Trisomie-21-Patientin Mia bei der Hippotherapie. Die Physiotherapeutin (links) gibt Anweisungen und kontrolliert den Sitz.

Trisomie-21-Patientin Mia bei der Hippotherapie. Die Physiotherapeutin (links) gibt Anweisungen und kontrolliert den Sitz.

Die Therapie hoch zu Ross ist für Kinder mit Trisomie 21 oft besser geeignet als die herkömmliche Physiotherapie. Die Aargauer IV-Stelle hat mehrere Gesuche abgelehnt. Nach Interventionen vom Bund überprüft die SVA Aargau ihre Praxis

Das Pony wartet geduldig, während Mia (Name geändert) ihre Handschuhe anzieht. «Was brauchst du jetzt noch?» – «Helm», antwortet das fünfjährige Mädchen. Die Therapeutin hilft ihr beim Aufsteigen. Mia strahlt.

Pony, Pferdeführerin, Therapeutin und Reiterin spazieren los. Die Hufeisen klappern auf dem Asphalt. Die Therapeutin beobachtet Mia auf dem Pferderücken genau, kontrolliert und unterstützt ihre Sitzposition und lässt sie ab und zu die Arme in die Luft strecken.

Mia hat Trisomie 21. Die angeborene Chromosomenstörung wurde in der Schweiz per 1. März 2016 in der Liste der Geburtsgebrechen aufgenommen. Bei Krankheiten, die auf dieser Liste aufgeführt sind, übernimmt die Invalidenversicherung (IV) bis zum vollendeten 20. Altersjahr die Kosten für medizinische Massnahmen.

In einem Faktenblatt des Bundesamtes für Sozialversicherungen aus dem Jahr 2016 wird unter anderem auch die Hippotherapie-K aufgeführt (siehe Box). Im Kreisschreiben des Bundesamtes über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der IV heisst es: «Die Hippotherapie wird von der IV vergütet.»

Die Therapie auf dem Pferd ist der Aargauer IV-Stelle zu teuer

Trotzdem hat die SVA Aargau das Gesuch um Kostenübernahme für Mias Hippotherapie abgelehnt. Im Vorbescheid vom Dezember 2019, welcher der AZ vorliegt, argumentiert die IV-Stelle, die Hippotherapie erfülle die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit nicht.

In anderen Worten: Die Hippotherapie ist der SVA Aargau zu teuer. Sie bemängelt ausserdem, dass es «keinerlei Studien gibt, die beweisen, dass die Hippotherapie der Physiotherapie überlegen ist». Und selbst wenn es in Zukunft einmal Studien geben sollte, sei zu berücksichtigen, dass die Hippotherapie mit Kosten von 144 Franken pro Behandlung beinahe doppelt so viel koste, wie Physiotherapie (77 Franken).

Mia ist im Aargau kein Einzelfall. Die AZ weiss von zwei weiteren Kindern mit Trisomie 21, denen die IV die Hippotherapie nicht bezahlt. Die SVA Aargau argumentiert auch in diesen Fällen mit den Kosten. In einem Fall haben die Eltern gegen den Vorbescheid Rekurs eingelegt. Erfolglos.

Auch Mias Eltern sind derzeit daran, einen Rekurs vorzubereiten. Procap, der Mitgliederverband von und für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz, unterstützt sie dabei. Mias Mutter ist froh um die Hilfe. Das Hin und Her mit der IV-Stelle sei vor allem emotional anstrengend.

«Man wartet Monate auf einen Entscheid und wenn man nachfragt, erhält man nur lapidare Antworten», erzählt die Mutter. «Als Eltern kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man denkt, die IV-Stelle will einen nur zermürben.»

Schreiben mit «äusserst inkompetenten Aussagen»

Sibylle Müller ist Präsidentin der Schweizer Gruppe für Hippotherapie. Sie versteht Mias Mutter gut: «Die betroffenen Familien werden durch diese Briefe eingeschüchtert, hingehalten und dazu gebracht, aufzugeben.» Sie kenne eine solche Praxis aus keinem anderen Kanton. «Im Normalfall werden Gesuche innerhalb akzeptabler Zeit gutgeheissen», sagt Sibylle Müller.

Sie kritisiert aber nicht nur, dass die Aargauer IV-Stelle die Gesuche um Kostengutsprache ablehnt. Sie stellt auch fest, dass die Schreiben der SVA Aargau zum Teil «äusserst inkompetente Aussagen enthalten». So zitiere die IV-Stelle in einem Entscheid eine Studie über Querschnittgelähmte, die laut Sibylle Müller «absolut nichts mit dem Fall zu tun hat».

Im selben Schreiben verweise die IV-Stelle auf eine Leitlinie aus Deutschland. «Ich kann es nicht ernst nehmen, dass die SVA Aargau ein Dokument aus dem deutschen Gesundheitswesen zitiert, welches in der Schweiz keine Relevanz hat», sagt sie. «Das dient nur dazu, die Eltern einzuschüchtern.»

Ein Gefühl, das Mias Mutter kennt. Als sie das Schreiben der IV gelesen hat, fühlte sie sich hilflos. «Wenn man nicht vom Fach ist, ist es sehr schwer, die Begründung zu verstehen und Widersprüche zu erkennen.» Auch deshalb ist sie froh, dass sie nun beim Rekurs auf die Unterstützung von Procap zählen kann.

Dass die Hippotherapie im Vergleich zur herkömmlichen Physiotherapie nicht wirtschaftlich und zweckmässig sein soll, versteht Sibylle Müller nicht. «In der Hippotherapie können verschiedene Defizite gleichzeitig behandelt und gefördert werden», sagt sie.

Das sei in der Physiotherapie oft nicht möglich, weil Kinder mit Trisomie 21 durch ihre Intelligenzminderung häufig schwierig zu motivieren und aktivieren seien. «Auf dem Pferd hingegen können sie sich dem effektiven Training nicht entziehen.»

Ob eine Therapie wirksam ist, muss im Einzelfall geprüft werden

Wer mit Leistungsentscheiden einer kantonalen IV-Stelle nicht einverstanden ist, kann seine Einwände in einer ersten Stufe direkt bei der IV-Stelle geltend machen. Danach steht der Rechtsweg an die Gerichte offen.

Generelle Einwände gegen eine IV-Stelle, welche nichts mit einem konkreten Leistungsentscheid zu tun haben, können dem Bundesamt für Sozialversicherungen angezeigt werden. Dieses übt die Aufsicht über die kantonalen IV-Stellen aus, mit dem Ziel, «eine einheitliche und rechtskonforme Praxis aller IV-Stellen zu erreichen», wie ein Sprecher des Bundesamtes sagt.

Angesprochen auf das Kreisschreiben, das festhält, dass Hippotherapie bei Trisomie 21 von der IV vergütet wird, sagt der Sprecher: «Die Schreiben sind für alle IV-Stellen verbindlich.» Allerdings bedeute der Passus nicht, dass die Hippotherapie in allen Fällen vergütet werde.

«Die IV-Stelle ist bei allen medizinischen Massnahmen gehalten, deren Wirksamkeit im Einzelfall zu prüfen.» Es bestehe somit kein absoluter Anspruch von Kindern mit Trisomie 21 auf Hippotherapie. Die Leistung könne nur zugesprochen werden, wenn diese Therapieform für das entsprechende Kind angezeigt sei.

Das heisst nun nicht, dass der Bund mit der Aargauer Praxis einverstanden ist. Im Gegenteil. Das Bundesamt hat die IV-Stelle auf die unterschiedlichen Sichtweisen bei der Beurteilung der Wirksamkeit der Hippotherapie aufmerksam gemacht und aufgrund der Anfrage der AZ ein zweites Mal mit den Verantwortlichen der Aargauer IV-Stelle gesprochen.

Diese seien «inzwischen zur Einsicht gelangt, dass die Begründung in mehreren Vorbescheiden betreffend Hippotherapie bei Kindern mit Trisomie 21 nicht zu überzeugen vermag und im Widerspruch zum Kreisschreiben des Bundes steht», so der Sprecher des Bundesamtes.

Die IV-Stelle sei aktuell damit beschäftigt, «alle gleichgelagerten Fälle nochmals zu überprüfen». Das Bundesamt teilt mit, es bleibe in Kontakt mit der IV-Stelle. «Insbesondere werden wir allfällige Grenzfälle vertieft gemeinsam prüfen, um eine konsistente Praxis zu gewährleisten», sagt der Sprecher.

Knapp an Aufsichtsbeschwerde vorbeigeschrammt

Die SVA Aargau teilt auf Anfrage der AZ ebenfalls mit, sie habe «im Austausch mit dem Bundesamt im Herbst 2019 realisiert, dass es Unklarheiten und unterschiedliche Sichtweisen bei der Beurteilung der Wirksamkeit der Hippotherapie gibt».

Diese seien zwischenzeitlich geklärt worden. Trotzdem hat die SVA Aargau im Dezember 2019 «fälschlicherweise noch einen ablehnenden Vorbescheid mit einer nicht zutreffenden Begründung verschickt», räumt die Sprecherin ein.

Der Fall gehört zu den drei Fällen, welche die SVA Aargau «anhand der gewonnenen Erkenntnisse nochmals überprüft». Die Überprüfung werde noch im Januar abgeschlossen, so die Sprecherin. Sie betont, dass die drei Gesuche für Hippotherapie bei Kindern mit Trisomie 21 die ersten ihrer Art gewesen seien, die bei der SVA Aargau eingereicht wurden.

Es scheint also, als finde im Aargau ein Umdenken statt. Sibylle Müller, Präsidentin der Schweizer Gruppe für Hippotherapie, hatte eigentlich bereits geplant, eine Aufsichtsbeschwerde beim Bundesamt für Sozialversicherungen einzureichen.

Das Vorhaben hat sie aber vorerst auf Eis gelegt, weil sie von den Verantwortlichen der Aargauer IV-Stelle zu einem persönlichen Gespräch nach Aarau eingeladen wurde. Dieses hat letzte Woche stattgefunden.

Sibylle Müller ist nach dem Gespräch zuversichtlich, dass eine bessere Zusammenarbeit möglich ist und die Verantwortlichen die drei Fälle noch einmal überprüfen. Gleichzeitig ist sie der Meinung, dass diese Ehrenrunde nicht nötig gewesen wäre, wenn sich die SVA Aargau von Anfang an auf Gespräche eingelassen hätte.

Im Fall von Mia ändert die blosse Ankündigung der SVA Aargau vorerst nichts. Die Eltern bezahlen die Hippotherapie ihrer Tochter weiterhin aus dem eigenen Sack. Bisher hat sie das 2600 Franken gekostet.

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