Türkische Offensive in Nordsyrien

Aargauer Kurden leiden mit: «Unser Volk erlebt so viel Leid – was haben wir falsch gemacht?»

Überall in der Schweiz geht die kurdische Gemeinschaft auf die Strasse, um gegen die türkische Offensive in Nordsyrien zu demonstrieren – auch im Aargau. Kurden wie der Würenloser Ali Tiras sind erschüttert über die Opfer in ihrer Heimat, fordern ein Ende der Angriffe und setzen sich für einen unabhängigen Staat ein.

Ali Tiras ist Kurde. Er ist in der Türkei geboren und als Kind nach Sarmenstorf ins Freiamt gekommen. Inzwischen lebt der Informatiker in Würenlos. Seit Jahren ist Tiras Mitglied im kurdischen Kulturverein Aargau, der Sprachunterricht, folkloristische Tanzkurse und einen Treffpunkt für Kurden bietet. Der Verein war lange in Oberentfelden beheimatet, nennt sich heute «Demokratisches Kurdisches Gesellschaftszentrum» und hat sein Klublokal in Lenzburg.

Rund 10 000 Türken leben laut der aktuellen Schweizer Ausländerstatistik im Aargau. Wie viele davon Kurden sind, wie Ali Tiras, lässt sich nur schwer sagen. Es gibt kein international anerkanntes Kurdistan, die Kurden stammen mehrheitlich aus vier Ländern: der Türkei, Syrien, dem Irak und dem Iran. Zwischen 400 bis 500 besuchen im Aargau das Demokratische Kurdische Gesellschaftszentrum – normalerweise. Denn derzeit sind es deutlich mehr, das Vereinslokal in Lenzburg «platzt aus allen Nähten», sagt Tiras.

Das hat viel mit den aktuellen Ereignissen zu tun. «Wir leiden hier alle mit unseren Freunden und Bekannten.» Die Solidarität mit Rojava, wie die Kurden das Gebiet in Nordsyrien nennen, sei riesig. Zu den Menschen in der Grenzregion zur Türkei hat der 39-Jährige regelmässig Kontakt. Er telefoniert, verfolgt die Nachrichten, schaut Videos, hat mitgekriegt, dass unter den Opfern viele Kinder sind. Die Situation rüttle ihn emotional durch, sagt Tiras. «Während Sitzungen im Geschäft brauche ich Pausen, um das zu verarbeiten, was ich gehört und gesehen habe.»

Demonstration in Aarau

Demonstration in Aarau

Für ein Flugticket zurück gibt es keine Garantie

Vor fünf Jahren, als die kurdische Bevölkerung in Kobane von Truppen des Islamischen Staats (IS) angegriffen wurde, reiste Tiras in die Region und leistete Hilfe beim Wiederaufbau. Am liebsten möchte er das wieder tun, doch zurzeit muss das warten. Tiras ist bei der Aargauer SP. Selbst tritt er zwar nicht als Kandidat für den Nationalrat an, ist aber im Hintergrund im Wahlkampf aktiv. Sind die Wahlen vorbei, und spitzt sich die Lage weiter zu, kann er sich gut vorstellen, ins Flugzeug Richtung Osten zu steigen. Auch wenn das mit Risiken verbunden ist: «Es gibt momentan keine Garantie, dass ich aus der Türkei wieder ausreisen könnte», sagt Tiras.

Klare Forderungen, aber auch Wut und Trauer

Tiras sagt, er sei müde von den wiederkehrenden Kriegen in Rojava, den Völkermorden, dem Töten unschuldiger Personen. «Unser Volk hat in der Geschichte so viel Leid erleben müssen, dass ich mich langsam frage: Was haben wir nur falsch gemacht?» Ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Religion – das alles werde unterdrückt. «Seit Jahrzehnten fordern die Kurden, dass sie politisch aktiv sein, ihre Meinung frei äussern können und in ihrer Muttersprache unterrichtet werden», sagt Tiras. Sobald man auf dem Weg dazu sei, mache die türkische Regierung die Bemühungen wieder zunichte.

Weltweit gebe es über 30 Millionen Kurden ohne einen eigenen Staat, erklärt Tiras. Angesichts dieser Zahl findet er, es sei Zeit für ein unabhängiges Kurdistan – einen Ort, wo alle Menschen innerhalb des kurdischen Volkes vereinigt leben könnten. Es sind dieselben Anliegen, die viele der in der Schweiz lebenden Kurden teilen. Mit Protestaktionen, wie am Dienstag in Aarau will die kurdische Bewegung hierzulande Aufmerksamkeit erregen. Weitere Demonstrationen in anderen Städten sind geplant.

«Damit erreichen wir natürlich niemals so viele Menschen wie in Deutschland, wo die Mobilisierung der Kurden enorm ist», sagt Tiras. Doch auch in der Schweiz könnten sie auf der Strasse vieles bewirken. Etwas anderes, als zu demonstrieren, bleibe ihnen ohnehin nicht übrig. «Wir müssen konkrete Forderungen stellen, wollen aber auch unsere Wut und Trauer irgendwie zum Ausdruck bringen», sagt Tiras. Der Aargauer Kurde hofft, dass der Druck auf die Türkei bald zu gross sein wird «und Erdogan seine Truppen abzieht». Auf lange Sicht wünscht sich Tiras vor allem eines: Frieden in Rojava. So, dass er seine einstige Heimat besuchen kann, wann immer er möchte.

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