Auf dem Pausenplatz in Egerkingen SO darf nur Deutsch gesprochen werden. Schüler, die sich nicht an diesen Deutschbefehl halten, werden zu einem Sprachkurs verdonnert oder gebüsst. Mit dieser Anordnung hat Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi (FDP) letzte Woche landesweit für Aufsehen gesorgt. Bereits hat der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann einen Vorstoss für ein gesamtschweizerisches Deutsch- Obligatorium an Schulen angekündigt.

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, schüttelt darüber den Kopf. «Das finde ich abstrus und ziemlich dumm. Wie sollen Kinder, die erst seit kurzem in der Schweiz wohnen, diese Vorgabe einhalten?» Fehlbaren einen Deutschkurs zu verordnen, sei gleich doppelt kontraproduktiv: «Einerseits bringen die wenigen Lektionen, wie in Egerkingen vorgesehen, für die Sprachkenntnisse nichts, andererseits ist es absurd, jemanden zur Strafe in einen Sprachkurs zu schicken.»

Keine Deutschbefehle im Aargau

Abbassi kennt keine vergleichbaren Fälle im Aargau – «und zum Glück auch keine solchen Strafregelungen für die Umgangssprache auf Pausenplätzen von Schulen». Dennoch setzt sie sich dafür ein, dass Kinder auf dem Pausenplatz Deutsch sprechen. Allerdings nicht mit einer Strafandrohung in der Schulordnung, sondern im Gespräch mit den Jugendlichen.

«Ich erkläre ihnen, dass es unanständig ist, extra in einer Sprache zu sprechen, die von den andern nicht verstanden wird und diese damit automatisch ausschliesst», sagt Abbassi, die in Möriken-Wildegg als Schulleiterin tätig ist. «Ich mache den Jugendlichen klar, dass dies leicht zu Missverständnissen führen kann, wenn eine Gruppe zum Beispiel über einen Witz lacht, und die andern Schülerinnen oder Schüler das Gefühl haben, sie würden ausgelacht, nur weil sie nicht verstehen, worüber die Gruppe lacht.» Meist würden die fremdsprachigen Jugendlichen dies gut verstehen und dann Deutsch sprechen.

Diana Sahrai, Professorin für Soziales Lernen unter erschwerten Bedingungen an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, sagte gegenüber der «Schweiz am Sonn- tag» dazu: «Die Frage in diesem Kontext ist, inwieweit ein generelles Verbot von Fremdsprachen diese Art von Mobbing tatsächlich verhindert.» Letztlich komme es nicht darauf an, in welcher Sprache ein Kind ausgegrenzt werde, die Ausgrenzung als solche sei ein Problem. «Und es macht auch keinen Unterschied, ob Mobbing durch Kindern mit oder ohne Migrationshintergrund stattfindet», sagte Sahrai.

Hier wird nur noch Deutsch gesprochen

Egerkingen SO: Hier wird nur noch Deutsch gesprochen

Dennoch könne die Frage, ob im Schulareal nur noch Deutsch gesprochen werden solle, durchaus diskutiert werden. Dies allerdings weniger politisch, als vielmehr an der Schule oder in einer Klasse. «Zentral ist dabei, dass auch Angehörige von Minderheiten das Gefühl bekommen, dass ihre Sprache und Kultur geachtet und respektiert wird», hielt Sahrai fest.

«Balkan-Deutsch» schon vorbei?

Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi hat die neu verordnete Deutschpflicht in Egerkingen unter anderem mit der Befürchtung begründet, die integrative Funktion der Schule gehe verloren, wenn sich einheimische Kinder den fremdsprachigen anpassen müssten. Für Lehrerpräsidentin Elisabeth Abbassi ist klar: «Deutschsprachige Kinder müssen sich nicht anpassen, die Umgangssprache bei uns muss auch in einer Klasse mit 70 Prozent Ausländeranteil, Deutsch sein.»

Deutsch-Zwang auf dem Pausenplatz? «Das seit s'Volk».

Deutsch-Zwang auf dem Pausenplatz? «Das seit s'Volk». (TeleM1 vom 1.2.2016)

Dass sich einheimische Jugendliche der Mehrheit anpassen und «Balkan-Deutsch» sprechen, also den Slang von Schülern aus dem ehemaligen Jugoslawien übernehmen, ist aus ihrer Sicht ein Trend, der wieder vorbei ist. «Es war wohl in gewissen Gruppierungen eine Zeit lang in, so zu reden, aber das änderte sich wieder.» Abbassi glaubt nicht, dass sich Schweizer je gezwungen fühlten, ‹Balkan-Deutsch› zu sprechen. «Das war eher eine vorübergehende Mode, vielleicht auch eine Möglichkeit der pubertären Abgrenzung.»

Christa Dürscheid, Professorin am Deutschen Seminar der Universität Zürich, schreibt zu diesem Phänomen, dass es Jugendliche gebe, «die in grammatisch fehlerhaftem Deutsch sprechen, auch wenn sie keinen Migrationshintergrund haben.» Als Beispiele führt sie Ausdrücke wie «gömmer Migros?» oder «hesch mer Zigarett?» auf. Untersuchungen zeigen gemäss Dürscheid, dass «Balkan-Deutsch» ein Spiel mit der Sprache sei und Grammatikfehler oft absichtlich gemacht würden.

Vor rund vier Jahren berichtete der «Blick», laut einer Nationalfonds-Studie hätten 42 Prozent der Schweizer Angst, «dass ausländische Kinder unsere Schulen schlechter machen». Doch wie wirkt sich ein hoher Anteil von fremdsprachigen Schülern in einer Klasse tatsächlich aus? Dieser unterscheidet sich in den diversen Schulstufen im Aargau markant, wie folgende Grafik zeigt.

Anteil der Fremdsprachigen an der Volksschule

Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Universität Zürich, hat herausgefunden, dass es spätestens dann Probleme gibt, wenn der Anteil ausländischer Schüler in einer Klasse 50 Prozent übersteigt. Dann fehlen die sprachlichen Vorbilder, also jene Schüler, die perfekt Deutsch sprechen und den anderen die Sprache beibringen.

Nicht nur Sprachprobleme

Pädagogik-Professorin Sahrai hielt in der «Schweiz am Sonntag» fest: «Man sollte, das ist in der Bildungsforschung unbestritten, die Probleme nicht nur auf Migrationseffekte zurückführen.» Elisabeth Abbassi sieht persönlich keinen pauschalen Zusammenhang zwischen schlechten Schulleistungen und dem Anteil fremdsprachiger Schüler. Es komme auf die Unterstützung und die Ressourcen an, die für solche Klassen zur Verfügung stehen, sagt sie.

Definitiv falsch ist es aus ihrer Sicht, beim Halbklassen-Unterricht und bei Deutsch für Fremdsprachige zu kürzen. «Abgesehen von den hohen Folgekosten leiden darunter auch die einheimischen Schüler, weil die zusätzliche Unterstützung auch ihnen zugutekommt.»
Die ersten Deutschkurse gibt es im Aargau im Kindergarten. Noch früher setzt der Kanton Basel-Stadt an. Dort müssen Kinder schon Deutsch können, wenn sie in den Kindergarten kommen. Um das zu erreichen, gibt es in Basel sogar ein Spielgruppen-Obligatorium.

Deutschkurs in der Krippe?

«Das wäre für den Aargau ein guter Ansatz, der auch mit unserer Initiative ‹Kinder und Eltern› für eine umfassende Kinderbetreuung im Kanton gefördert würde», sagt Elisabeth Abbassi. Natürlich würde das Geld kosten, aber diese Mittel könnten später längst wieder eingespart werden, argumentiert sie. «Wenn man früh in Deutschkurse für Kinder investiert, gibt es nachher weniger Schüler, die Klassen wiederholen müssen, mit Lernprobleme kämpfen und zusätzliche Betreuung brauchen.»

Dass ihr Anliegen im bürgerlich dominierten Grossen Rat nicht mehrheitsfähig sein dürfte, ist Abbassi klar. Tatsächlich hatten FDP und SVP eine Verpflichtung für Gemeinden, Kinderkrippen zu finanzieren, im Parlament bekämpft. «Und genau jene politischen Kreise, die nun einen Deutschzwang auf dem Pausenplatz fordern, wollen gleichzeitig beim Halbklassenunterricht und bei Deutsch als Zweitsprache sparen – das geht einfach nicht zusammen», kritisiert Abbassi. Sie hofft nun auf das Aargauer Stimmvolk – dieses wird wohl im Juni über die Initiative des Lehrerverbands entscheiden.

TalkTäglich: Johanna Bartholdi stellt sich heute um 18.30 Uhr auf Tele M1 den Fragen von az-Chefredaktor Christian Dorer zum Deutschbefehl in Egerkingen.