Nationalratswahlen

Aargauer Parteien im Formtest: Wer surft nach dem Sommer zum Wahlerfolg?

Rolf Cavalli

In drei Monaten ist Super-Wahltag. Neben Ständeratswahlen und Regierungsrats-Ersatzwahl versprechen auch die Nationalratswahlen Hochspannung. Den Aargauer Parteien läufsts zur Zeit ganz unterschiedlich. Eine Sommeranalyse.

Ausgangslage Nationalratswahlen Aargau: Karikatur von Silvan Wegmann

Ausgangslage Nationalratswahlen Aargau: Karikatur von Silvan Wegmann

Nichts wird es mit der Leichtigkeit der Sommerzeit für die Aargauer Parteistrategen. Statt ein paar Wochen abzuschalten und Energie zu tanken für den eigentlichen Wahlkampfstart im Spätsommer, müssen sie nach dem abrupten Abgang von Franziska Roth noch rasch eine Regierungsratskandidatin oder einen Regierungsratskandidaten aus dem Hut zaubern.

Nach der monatelangen Aufmerksamkeit für die Ständeratskandidaturen dreht sich deshalb zur Zeit fast alles um die Roth-Nachfolge. Etwas in Vergessenheit geraten dabei die Nationalratswahlen, die gleichzeitig am 20. Oktober stattfinden und nicht weniger Spannung versprechen. Wo stehen die Parteien drei Monate vor der Entscheidung und mit welchen Themen punkten sie?

SP und Grünen im Klimahoch

Zur Zeit läuft alles für die SP und die Grünen. Die beiden Linksparteien surfen ganz oben auf der Klimawelle, welche die politische Debatte seit Monaten dominiert; zwischendurch schnappten sie sich mit dem Frauenstreik gleich noch ein zweites Trendthema. 2015 gehörten die SP Aargau mit 16,1 % Wähleranteil und einem Sitzverlust (noch 2 Nationalratssitze) zu den Verlierern. Diesen Herbst dürfen die Sozialdemokraten aber genauso auf Zugewinne hoffen wie die Grünen (5,5 %, 1 Sitz). 

Gleich abheben sollten die beiden jedoch nicht. Denn ob die Klimawelle in dieser Wucht bis zum Herbst trägt, ist nicht garantiert. Zwar bleibt das Megathema für absehbare Zeit relevant. Aber im schlechtesten Fall für die Linken ist das Wahlvolk vom Thema etwas übersättigt, wenn die Tage im Oktober markant kürzer werden und die gewünschte Klimapolitik plötzlich mit dem eigenen Lebensstil und Portemonnaie kollidiert.

Ob die SP ihren dritten Sitz zurückerobern kann, hängt auch davon ab, wie stark Cédric Wermuths Mobilisierungskampagne im Ständeratswahlkampf auf die SP-Nationalratsliste abstrahlt. Bei den Aargauer Grünen wachsen die Bäume ohnehin kaum in den Himmel: Sie müssten ihren Wähleranteil fast verdoppeln, um einen zweiten Sitz zu holen.

Die FDP muss mehr Ecken und Kanten zeigen

Eine knifflige Aufgabe hat die FDP zu lösen: Wie konsequent will sie den Kurswechsel von Chefin Petra Gössi mitmachen und auf die Klimawelle aufspringen? In der Aargauer Sektion überzeugt diese Strategie nicht alle. So bewegen sich Aargauer Exponenten und Kandidaten mit ihren Slogans bisher eher auf ungefährlichem und unverbindlichem Terrain: «Attraktive Arbeitsplätze für einen erfolgreichen Aargau» (Lukas Pfisterer, Parteipräsident) oder «Ich wönsche allne en schöne Sommer» (Matthias Jauslin, Nationalrat).

Generell präsentiert sich der Freisinn als verlässliche Wirtschaftspartei. Wenn die FDP aber tatsächlich, wie in einem euphorischen Moment mal angekündigt, nach 2015 (15,1 %, 3 Sitze) nochmals einen Sitz dazugewinnen will, muss sie als Partei nach den Sommerferien noch mehr als Einheit auftreten und etwas mehr Ecken und Kanten zeigen. Thierry Burkart als Zugpferd und Favorit im Ständeratsrennen allein reicht dazu jedenfalls kaum.

Schon mit zwei Sitzen glücklich wäre die CVP. Sie hat zwar weiterhin das Selbstverständnis einer Grosspartei , stellt aber mit 8,6 % Wähleranteil nur noch eine Aargauer Nationalrätin (Ruth Humbel). Die omnipräsente Parteipräsidentin und Ständeratskandidatin Marianne Binder hilft, beim Wahlvolk schon früh präsent zu sein und mit etwas mehr Proporzglück als noch 2015 ist ein Sitzgewinn möglich (siehe auch weiter unten zur GLP). Die entscheidende Frage ist, ob die Mittepartei den nationalen Abwärtstrend stoppen und wie überzeugend sie sich zwischen Links und Rechts positionieren kann.

Kleinparteien zwischen Aufschwung und Aus

Ganz unterschiedlich ist die Ausgangslage für die Kleinparteien BDP und GLP, obwohl sie fast gleich viel Wähleranteil (5,1 und 5,2 %) und je einen Nationalratssitz haben. Die Grünliberalen können fast nur gewinnen. Interessant wird sein, wer stärker von der Klimawelle profitiert: die Grünen, welche klar links politisieren und dort in Konkurrenz zur SP stehen oder eben die Grünliberalen, die dieses Jahr noch mehr bürgerliche Wähler mit grünem Bewusstsein ansprechen könnten. Für einen zweiten Sitz müsste die GLP die CVP überholen, mit der sie dieses Mal eine Listenverbindung plant.

Weniger rosig ist die Situation für die BDP. Bernhard Guhls Nationalratsstuhl wackelt gefährlich. Möglicherweise kann sich der Langstreckenläufer mit seinem bürgerlich-mittigen Profil nochmals über die Ziellinie retten – oder er kann sich dem Wegschrumpf-Prozess seiner Mutterpartei nicht entziehen und fliegt raus. Davon profitieren könnte die EVP, die mit der BDP eine Listenverbindung pflegt. Die Evangelischen aus dem Aargau stellen seit 2007 keinen Nationalrat mehr (3,3 Prozent), haben aber weiterhin das Potenzial dazu.

Die SVP muss schleunigst wieder Inhalte bringen

Kommen wir zur SVP: Die mit Abstand grösste Partei im Aargau (38 % , 7 Nationalratssitze) tut sich schwer. Statt wie in ihren besten Zeiten durch Themensetzung die Konkurrenz auf Trab zu halten, generiert die SVP seit Monaten zweifelhafte Schlagzeilen über das eigene Personal: Von der Kokain-Geschichte um Luzi Stamm bis zu Andreas Glarners Facebook-Pranger gegen eine Lehrerin – und dann natürlich der Parteiaustritt und Rücktritt der eigenen Regierungsrätin Franziska Roth.

Am Schluss steht die SVP meist besser da, als Medien und Umfragen prognostizieren. Will die Volkspartei ihren eindrücklichen Wähleranteil aber halten, muss sie schleunigst damit beginnen, wieder mit Inhalten auf sich aufmerksam zu machen, welche ihre potenzielle Wählerschaft wirklich beschäftigt. Solange Klimawandel, aber auch Krankenkassen und Altersvorsorge mehr bewegen als Migration und Europa ist dies – zugegebenermassen– gar nicht so einfach.

Autor

Rolf Cavalli

Rolf Cavalli

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