Spardebatte

Aargauer Regionalspitäler gehen zum Gegenangriff über: «Wir sind keine Büchsenfabrik»

Kämpfen für ihre Spitäler (von links): Daniel Schibler (Spital Menziken), Katharina Hirt (Gesundheitszentrum Fricktal), Marco Beng (Spital Muri) und René Huber (Spital Leuggern)

Kämpfen für ihre Spitäler (von links): Daniel Schibler (Spital Menziken), Katharina Hirt (Gesundheitszentrum Fricktal), Marco Beng (Spital Muri) und René Huber (Spital Leuggern)

Die Politik dreht an immer mehr Stellschrauben, um das Kostenwachstum im Gesundheitswesen einzudämmen. Dazu gehört die Debatte, ob eine Konzentration auf weniger Spitäler helfen könnte. Da wollen die Regionalspitäler nicht zuschauen, sie wehren sich vorbeugend.

Im Aargau ist Sparen angesagt. Das äussert sich im Gesundheitsbereich darin, dass der Kanton die Spitaltarife einfriert und gleichzeitig von den Kantonsspitälern mehr Dividende will (vgl. nebenstehenden Artikel). Gleichzeitig wird aus Kostengründen die Zentralisierungsdiskussion lauter. All das alarmiert die Regionalspitäler. Sie fürchten, unter die Räder der «Zentralisierungsfanatiker» zu kommen, wie sie sagen. Nun haben sich die Asana-Spitäler Leuggern und Menziken, das Spital Muri und das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) zur Interessengemeinschaft «Nähe schafft Gesundheit. Ihr Spital in der Region» zusammengeschlossen.

In Lenzburg legten Vertreter der vier Spitäler dar, warum sie sich bedrängt fühlen und wie sie sich wehren wollen. Doch wer sind denn die «Zentralisierungsfanatiker»? Sitzen diese im zuständigen Departement, im Grossen Rat oder bei den Kantonsspitälern? In allen drei Bereichen gebe es solche Überlegungen, antwortet Marco Beng, CEO des Spitals Muri und CVP-Grossrat. Manche dächten, mit einer Zentralisierung werde es kostengünstiger. Beng: «Grosse Einheiten sind aber teurer als kleine.» Daniel Schibler, Direktor des Spitals Menziken, befürchtet, dass unter dem Kostenaspekt alles über den Haufen geworfen werden könnte. Natürlich seien die Kosten ein Aspekt, aber man müsse die Versorgung gesamthaft anschauen: «Wir sind keine Büchsenfabrik, es geht um Menschen mit Lebensmittelpunkt in ihrer Region.»

Die Regionalspitäler befürchten zudem, dass sie in der Spitalliste 2019 (die Verhandlungen dazu haben noch nicht begonnen) bei den Leistungsaufträgen eingeschränkt werden, wodurch sie auch für Ärzte an Attraktivität einbüssen würden. Ein wichtiges Kriterium für Leistungsaufträge sind minimale Fallzahlen. Das leuchtet doch ein? Das sieht René Huber, Direktor des Spitals Leuggern und ebenfalls CVP-Grossrat, genauso: Je mehr Fälle, desto mehr Erfahrung. Die Fallzahlen könnten aber täuschen, gibt er zu bedenken. Denn sie seien pro Spital definiert. In grossen Spitälern könnten sich diese eventuell auf fünf Ärzte verteilen, im Regionalspital auf einen.

Für Genesung rückverlegen?

Man wende sich nicht etwa gegen die Zentren, betont René Huber. Die Zusammenarbeit mit den Kantonsspitälern sei gut. Diese soll weiter gefördert und ausgebaut werden. Eine Konzentration seltener Behandlungen soll durchaus an ausgewählten Spitälern stattfinden. Aber, so Huber: «Oft auftretende, alltägliche Behandlungen gleichfalls zu zentralisieren, macht keinen Sinn. Vielmehr sollen diese Fälle von den Zentren den Regionalspitälern zugewiesen werden.» Das helfe den Zentren, sich auf die schwierigeren Fälle zu konzentrieren. Doch wie geht das? Soll ein Kantonsspital einen Patienten mit Knochenbruch ins Regionalspital schicken? Nein, lacht Huber. Aber Patienten, die länger im Spital bleiben müssen, könnten für die Genesungsphase ins Regionalspital ihrer Wohnregion rückverlegt werden.

Notfall: keine Sekunde verlieren

Ins selbe Horn stösst Katharina Hirt, stellvertretende CEO des GZF Fricktal. Die Gesundheitsversorgung müsse sich «an den Bedürfnissen der Bevölkerung und nicht an irgendwelchen Planvorgaben orientieren».

Jeder und jede kenne doch die Situation, so Hirt: «Beim Krankheitsnotfall oder Unfall darf keine Sekunde verloren gehen, wollen wir möglichst rasch optimal und professionell versorgt und behandelt werden. Die Regionalspitäler erfüllen dieses wichtige Bedürfnis.» Denn sie sind in der Nähe des Wohn- und Arbeitsortes der Menschen. Nochmals Hirt: «Passiert etwas, kann die Behandlung im Spital in der Region oftmals wesentlich schneller erfolgen als in einem fernen Zentrumsspital.» Zudem sicherten sie eine «qualitativ hochstehende, umfassende Notfall- und Grundversorgung. Und ausserdem fühlten sich Patienten in vertrauter Umgebung wohler. Untermauern kann Hirt ihre Aussage mit einer gfs-Umfrage: 81 Prozent der Befragten befürworten in jeder Region ein Spital, das die wichtigsten spezialisierten Behandlungen anbietet.

2000 Mitarbeitende

Nicht zu vergessen sei, so Daniel Schibler, Direktor des Spitals Menziken, dass die Spitäler in ihren Regionen wichtige Wirtschaftsfaktoren sind. Alle zusammen haben letztes Jahr mit 2000 Mitarbeitenden, darunter 265 Auszubildenden, fast 24 000 Patienten stationär behandelt. Man sichere zudem Hunderte von Arbeitsplätzen in der Region.

Sollten die Regionalspitäler mit 24-Stunden-Notfallstationen und Rettungsdienst an allen 365 Tagen des Jahres ihre Aufgabe verlieren und die Patienten künftig in die Zentren gebracht werden, würde dies Patiententransporte verlängern und das Verkehrsaufkommen noch mehr erhöhen.

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