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Aargauer Rentner bringen Hilfsgüter nach Rumänien: «Sobald es geht, fahren wir wieder los»

Der Aargauer Rentner Roland übergibt Hilfsgüter an ein Kinderhaus in Rumänien.

Der Aargauer Rentner Roland übergibt Hilfsgüter an ein Kinderhaus in Rumänien.

Burgenwanderung im Elsass, Kreuzfahrt im Mittelmeer, Weintour im Piemont – klassische Seniorenreisen sind nichts für Roland, Peter und Martin. Die drei Männer haben sich für eine weniger populäre Richtung entschieden: den Osten. Mehrmals jährlich fahren sie mit drei Transportern nach Rumänien, um dort Hilfsgüter an die Ärmsten im Land zu verteilen.

Vielen Rumänen mangelt es an allem. Neben Kleidern, Schuhen und Nahrungsmitteln bringen die drei Schweizer den Menschen auch besondere Güter wie Musikinstrumente. In Prelipca, einem kleinen Ort im Nordosten Rumäniens, hat Peter (78) vor rund 20 Jahren eine Dorfmusik gegründet. Jedes Jahr brachte er weitere Instrumente mit – Querflöten, Klarinetten, Trompeten – und stellte einen Musiklehrer an, der die Gruppe zusammenhielt. Heute zählt das Ensemble rund 30 Mitglieder.

Ein Fahrrad als Geschenk für die grössere Schwester

Aber auch individuelle Wünsche würden zuweilen erfüllt. «In der Kleinstadt Jibou besuchte ich einmal eine bedürftige Familie mit einem seit Geburt gehunfähigen Mädchen», erzählt Peter. «Auf meine Frage, ob ich ihm eine Freude machen könne, sagte es: Ja, es möchte gerne ein Velo haben.» Erstaunt habe er angemerkt, dass es dieses wohl nicht gebrauchen könne, worauf das Mädchen erwidert habe, dass das Fahrrad ein Geschenk für seine grosse Schwester sein solle. Es sind Momente wie diese, die den Männern die Kraft geben, immer wieder aufs Neue ihre Fahrzeuge zu beladen, um vom Aargau in Richtung Rumänien aufzubrechen.

Ein gutes Herz allein reicht nicht aus, um dieses Engagement so lange aufrecht zu erhalten. Für die vielen Spender, die ihnen regelmässig gut erhaltene Hilfsgüter anliefern, sind die drei Männer sehr dankbar. Die Gemeinde Dürrenäsch stellt ihnen für die Zwischenlagerung der Ware sogar einen Raum zur Verfügung. «Was viele vergessen, ist, dass da noch die Transportkosten dazukommen», sagt Roland. Die Kosten für Fahrzeuge und Anhänger, Benzin und Übernachtungen. «Das bezahlen wir aus dem eigenen Sack», sagt der 78-Jährige, «das sind sozusagen unsere Ferien.»

Der gelernte Elektromonteur arbeitete viele Jahre als technischer Berater für Schmierstoffe: Fette und Öle für Industriemaschinen. Mit Schmieren kennt er sich also aus – und weiss auch davon abzusehen, wenn es die Umstände bedingen. Roland erinnert sich an die Zeit vor der EU-Osterweiterung, als an den Grenzen ein Durchkommen noch unsicherer war. «Da wurde am Zoll oft ein Schmiergeld verlangt», erzählt er, «da haben wir natürlich immer versucht zu verhindern, dass diese Leute sich privat bereichern.»

Kontakte zu Einwanderern aus Osteuropa als Auslöser

«Erste Kontakte knüpfte ich nach der Wende», erzählt Peter. Zu dieser Zeit lernte er die Sorgen und Nöte osteuropäischer Einwanderer in der Schweiz kennen. «Diese Begegnungen haben mich beeindruckt und waren mit ein Auslöser, dass ich mich entschlossen habe, regelmässig nach Rumänien zu fahren, um zu helfen», sagt er. Zu Beginn unterstützte Peter zwei rumänische Bauernfamilien mit der Lieferung landwirtschaftlicher Maschinen. Dann kamen immer mehr Projekte dazu. Ein kleines, privates Krankenhaus zum Beispiel, das ein rumänischer Arzt aus eigener Kraft aufgebaut hatte. Hier half Peter mit Betten, Sterilisationsapparaten und zwei Ambulanzen.

«Peters Stärke ist das Organisieren und die Suche nach Projekten», sagt Roland über seinen Freund, mit dem er sich um die Jahrtausendwende zusammengetan hat. Peter pflegt viele Kontakte und spricht sogar etwas Rumänisch. Roland sei für das Praktische zuständig, erklärt Peter. «Wenn wir einen platten Reifen haben, kann er das beheben. Wenn bei einer Familie der Kühlschrank repariert werden muss, ist er der ideale Mann dafür.» Martin, der Dritte im Bunde, ist vor kurzem verstorben. Er sei der Grosszügigste der drei gewesen, die gute Seele im Team, so Roland. Ein Freund, auf den man sich immer habe verlassen können.

«Wir waren drei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten», sagt Roland. Reibereien habe es kaum gegeben. «Du kannst es dir nicht leisten, Kräfte mit Streitigkeiten zu vergeuden», sagt Peter. Die Bedürfnisse der Einzelnen würden respektiert. «Es ist wichtig, dass man sich untereinander gut verträgt», sagt er. «Wir sind ein gutes Team», bestätigt Roland, «wir gehen aufeinander ein und lösen Probleme gemeinsam.»

Das eine oder andere Mal sind sie auch in eine brenzlige Situation geraten. Peter erinnert sich, wie sie mit dem Lastwagen in ein Roma-Dorf im Nordosten Rumäniens gefahren sind. Da hätten sie 300 Leute umringt und begonnen, sich von der Ware zu bedienen. «Das war schon sehr dramatisch.» Heute passiere so etwas aber nicht mehr, meint er. «Wir haben uns besser organisiert, um solch unkoordinierte Begegnungen zu vermeiden.» Früher habe man eher mal improvisiert und spontan ein neues Dorf beliefert. «Heute besuchen wir praktisch ausschliesslich Ortschaften, in denen wir die Leute schon kennen und sie auch uns.» Beim letzten Mal habe man rund 50 Stationen angefahren.

Kritik hält sie nicht ab, doch Corona bremst sie aus

Abhalten lassen sie sich auch nicht durch teilweise kritische Stimmen aus der Schweiz. «Der Osten hat hier ein schlechtes Image», sagt Roland. Dieses dürfte nicht zuletzt daher rühren, dass immer wieder über osteuropäische Kriminaltouristen berichtet wird. «Ich hatte in meinem näheren Bekanntenkreis jemanden, der warf mir vor: Jetzt helft ihr denen noch.»

Die Coronakrise hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eigentlich wollten sie im April wieder fahren. Ausbremsen lassen sich Roland und Peter aber von Covid-19 nicht. Aktuell sei es unsicher, wie es weitergehe. Doch eines sei klar: «Sobald es die Situation zulässt, fahren wir wieder.» Alles ist bereit für die nächste Fuhre. Die Lücke, die Martin hinterliess, wurde mit zwei neuen Compagnons geschlossen. Drei Tonnen Hilfsgüter warten darauf, verfrachtet und verteilt zu werden. Zum Wohle nicht nur der Empfänger, wie es scheint, sondern auch der Überbringer. Oder wie es Peter ausdrückt: «Die Freude in den Augen der Kinder gibt uns viel mehr, als wir ihnen jemals bringen können.»

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